Dienstag, 2. September 2014

SEXarbeiterin - Ein Dokumentarfilm mitten in der Debatte

SEXarbeiterin ist ein Film über Lena Morgenroth. Mit diesem Video werben die Filmemacher um Finanzierung.

"Wenn es nach Alice Schwarzer ginge, dürfte es mich gar nicht geben", spricht Lena Morgenroth schmunzelnd und selbstbewusst in die Kamera. Sie ist Sexarbeiterin in Berlin. Und sie sagt, was man so ähnlich schon öfters gehört hat aus dem Umfeld der freiwilligen, gebildeten Callgirls und Prostituierten: "Ich bin nicht die fremdbestimmte, ausgebeutete, schutzbedürftige Person […] Was ich tue, mache ich freiwillig."

Lena Morgenroth soll die Protagonistin im Dokumentarfilm "SEXarbeiterin" werden. Der Film sucht derzeit per Crowdfunding seine Finanzierung bei Startnext. Sehr charmant ist dabei, dass die (ausschließlich männlichen) Filmemacher für eine entsprechende Spendensumme selber sexuelle Gefälligkeiten anbieten, wie man so schön sagt.

Und der Schlachtruf dieser Filmemacher lautet: "Den Diskurs um Sexarbeit auf jeden Fall bereichern". Nun gut, dann fangen wir mal damit an:

Lena Morgenroth gefällt ihr Job und darum möchte sie nicht, dass er verboten wird. Ich kann das verstehen: Ich mag meinen Job als Journalistin, ich mochte meinen Studentenjob als Kellnerin. Und ich will auch nicht, dass Kellnern oder Journalismus verboten werden.

Das "Mir-geht-es-gut"-Argument

 

Aber ist dieser Vergleich so einfach? Hier ist noch ein weit hergeholter Vergleich: Elfenbein. Der Handel ist (weitgehend) verboten, weil Elefanten vom Aussterben bedroht sind. Konfisziertes Elfenbein wird verbrannt. Ebenso ergeht es wohl den Stoßzähnen eines Tieres, das im Krüger-Nationalpark ein glückliches Leben hatte und eines natürlichen Todes stirbt. Warum? Weil es mit Ausnahmen wieder einen Markt für Elfenbein gäbe und damit auch für illegales Elfenbein. Weil dann die Wilderei deutlich zunehmen würde. Ein komplettes Verbot dagegen macht es sowohl für potentielle Kunden als auch für Zollbeamte und andere Kontrolleure sehr viel einfacher; kurz: Niemand kann sich in eventuell falscher Sicherheit wiegen.

Und genau entlang dieser Linie finde ich Lena Morgenroths Argument etwas dünn. Wenn ich sie richtig verstehe, sagt sie im Wesentlichen: Mir geht es gut und deshalb muss/sollte/darf Prostitution nicht verboten werden.

Aber was, wenn es nicht allen Sexarbeiterinnen so geht? Alice Schwarzer schreibt, dass 90 Prozent der Prostituierten aus Armut oder Zwang heraus dieser Arbeit nachgehen. Aber niemand kennt die genauen Zahlen, allein schon, weil das Gewerbe undurchsichtig ist.

Lassen wir also die Zahlen beiseite, gehen wir einfach davon aus, dass eine beträchtliche Anzahl von Frauen diesem Job nicht ganz so freiwillig nachgeht wie Lena Morgenroth. In dem Fall finde ich es ein legitimes Argument, wenn eine Gesellschaft sagt: Wir wollen das abschaffen. (Wie auch immer sich solch ein Verbot dann effektiv umsetzen ließe.) Und wenn das bedeutet, dass auch Frauen wie Lena Morgenroth ihrem Beruf nicht mehr nachgehen können, dann nehmen wir das hin, und auch Lena Morgenroth muss das bitte hinnehmen.

Aber wer weiß, vielleicht finden wir als Gesellschaft auch eine andere Lösung als das Prostitutionsverbot. Und vielleicht überrascht der Film über Lena Morgenroth und bietet mehr Argumente als die offensichtlichen, schon oft gehörten.

Die lautere Stimme


Doch auch auf einer anderen Ebene frage ich mich, ob der Film wirklich den Diskurs um Sexarbeit bereichern kann. Ganz klar wird es keine Dokumentation über Sexarbeit, sondern eine Dokumentation über genau eine Sexarbeiterin: Lena Morgenroth. Dem Crowdfunding-Clip nach zu urteilen, wird hier einer eloquenten Sexarbeiterin eine Bühne geboten, die vermutlich (wie wir alle!) auch in ihrer eigenen Filterbubble steckt.

Denn auch das ist ein Problem: Die intellektuellen Edelprostituierten haben naturgemäß die lautere, vielleicht sogar die einzige Stimme in dieser Szene. Welche weniger kultivierte, nicht ganz freiwillige Prostituierte könnte einen Bestseller schreiben, wie es die Britin Brooke Magnati geschafft hat? Oder ein wortgewandtes Blog führen wie die Berlinerin Carmen?

Erhellender für die Debatte um Sexarbeit in Deutschland wäre vielleicht ein Film über die weniger gebildete Prostituierte, die erzählt, wie sie zu ihrem Beruf fand: "Mein damaliger Freund hat mich in ein Zimmer geschubst und da war ein Bett und er hat gesagt: Du arbeitest jetzt hier, du gehst jetzt anschaffen." Das hat sie gemacht und ist auch später dabei geblieben, was hätte sie auch sonst tun sollen. (Ich zitiere sehr frei aus dem Gedächtnis aus der ZDFneo-Sendung "Blond, ledig testet", Folge: "Die käufliche Liebe", die leider nicht mehr online verfügbar ist.) Aber natürlich hat niemand Lust, diesen Film zu drehen und ebensowenig wollte den vermutlich irgend jemand wirklich sehen.

Wunschplot Touristenführerin


Mein idealer Plot wäre vielleicht ein Film, in dem Lena Morgenroth als Touristenführerin durch ihre Berufswelt agiert und nicht nur sich selbst sondern auch die Kolleginnen vorstellt, die weniger freiwillig Prostituierte sind. Denn ich würde es sehr befürworten, wenn zu diesem Thema nicht nur Alice Schwarzer wahrgenommen würde sondern auch andere laute Stimmen, die einen direkten Bezug zu diesem Beruf haben.

Da SEXarbeiterin aber noch nicht abgedreht ist, warten wir einfach mal ab. Der erste Trailer verspricht schonmal einen leichtfüßigen Film, der durchaus auch Unterhaltungswert hat. Und bis dahin lohnt sich die Lektüre von Antje Schrupps Argumenten sowohl pro als auch kontra Prostitutionsverbot.

***
Die Autorin Laura Hennemann ist mit einem der Filmemacher von SEXarbeiterin persönlich befreundet.

Kommentare:

Magdalena Köster hat gesagt…

Vom 24. bis 26. 9. läuft ein "Sexarbeits-Kongress" in Berlin. Mit initiiert vom neuen "Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen"
BesD
Politikerinnen (fast) aller Parteien werden mitdiskutieren.

Christine Olderdissen hat gesagt…

10.000 Euro wollten sich die Filmemacher via Startnext besorgen. Im Gegenzug erhalten alle Geldgeber*nnen ein Los bei einer „Tantra-Tombola“. Das Funding-Ziel wurde am 24.9. erreicht, zwei Tage vor Ablauf der Frist. Die ausgelobte Tantra-Massage erledigen die Filmemacher persönlich.

Laura Hennemann hat gesagt…

Nachtrag: Unglaublich erhellend zum Thema Prostitution finde ich dieses inzwischen bei den Krautreportern erschienene Interview.