Mittwoch, 18. Juli 2018

#whomademyclothes – von der Modebloggerin zur Aktivistin

Ein Gastbeitrag von Isabelle Rogge

"Run it your way" - Flashmob auf dem Berliner Alexanderplatz für die Fair Fashion Revolution / Foto: Milan Wulf
Ich kann mich noch gut erinnern, wie diese Sache mit dem Modebloggen begann. Ende 2014, neben meinem Studium und einem Redaktionsjob für eine Kultursendung. Eine Freundin startete einen Berliner Lifestyleblog, und ich hatte eben Lust mitzumachen. Also schrieb ich von nun an regelmäßig über die Berliner Kultur. Irgendwann gehörte die Fashion Week halbjährlich zum Terminkalender, und Mode wurde, ohne dass ich es je beabsichtigt hatte, zu einem meiner Schwerpunkte als Bloggerin und Journalistin. Was ich selber konsumierte oder wer die Dinge unter welchen Bedingungen herstellte, über die ich schrieb - darüber machte ich mir zu dieser Zeit nicht wirklich Gedanken. Bis zu diesem einen Tag.


Ein Unternehmen hatte allerhand Bloggerinnen in ein Café im Prenzlauer Berg eingeladen, um sie mit Goodie Bags zu überschütten und jede Menge Essen aufgefahren, das die Gäste mehr fotografierten als aßen. Ich weiß noch, wie fremd und falsch ich mich an diesem Ort gefühlt habe. Mit meinen Idealen hatte das wenig zu tun. Abends im Bett schwirrte mir der Kopf von diesem ganzen Überfluss. Und auch am nächsten Morgen wollte das ungute Gefühl nicht mehr weichen. Artikel schreiben - gut und schön, aber sollte ich mit meiner Reichweite nicht etwas Besseres anfangen? So kamen die Themen nachhaltiger Konsum, faire Arbeitsbedingungen in der Modebranche und Verzicht nach und nach in mein Leben und meine Arbeit als Bloggerin und Journalistin. Und ich bin mir sicher, dass ich mich mit einer Sache gemein machen und trotzdem eine gute Journalistin sein kann. Denn da wohnen zwei Seelen in meiner Brust, die sich gut voneinander trennen lassen. Da gibt es einerseits die objektiv, berichtende Journalistin in mir, die ihre eigene Haltung durchaus zurückhalten kann, wenn es notwendig ist. Und zum anderen die private Person, die Revolutionärin, die eigenen Content kreieren will, um die Gesellschaft positiv verändern zu können. Möglicherweise bin ich auf dem Weg, Aktivistin für diese Themen zu werden. Real wie digital. Denn das ist das Schöne an den sozialen Netzwerken: Wir können Sie auch für gute Zwecke nutzen.


Feminismus gibt es nicht für fünf Euro


Eine Bewegung, die genau das tut, ist die Fashion Revolution. Sie entstand 2014, nach dem Einsturz des Rana Plaza Gebäudes in Bangladesch, bei dem mehr als tausend Menschen ums Leben kamen. Weltweit stellt sie in den sozialen Netzwerken die Frage: #whomademyclothes. So schafft sie ein Bewusstsein für unseren zügellosen Modekonsum, übt aber auch Druck auf Unternehmen und Politik aus. Uns muss klar sein, dass die Arbeitsbedingungen in der Fast Fashion Industrie alles andere als ermächtigend für die Frauen sind, die diese Kleidung herstellen. Es kann nicht feministisch sein, wenn eine Näherin in einem Sweat Shop in Bangladesch ein H&M-T-Shirt fertigt, das wir in Deutschland für fünf Euro kaufen. Auch wenn es die Aufschrift "Feminist" trägt. Seine Trägerin ist es ebenso wenig.

Doch hier kommen wir als KonsumentInnen und JournalistInnen ins Spiel. Wir können bewusster konsumieren oder gar Verzicht üben. Wir können Unternehmen zu mehr Transparenz, Umweltschutz und fairen Arbeitsbedingungen auffordern. Wir können über die Zustände in der Fast Fashion Industrie berichten. Und wir können den RevolutionärInnen der Fair Fashion Industrie eine Plattform bieten, um etwas zu bewegen.


Daher habe ich in diesem Jahr beschlossen, gemeinsam mit der Filmagentur dasprogramm, ehrenamtlich auf die diesjährige Aktion der Fashion Revolution Germany aufmerksam zu machen. Der Flashmob "Run It UR Way" fand in diesem Jahr mitten auf dem Berliner Alexanderplatz statt und wurde vom gemeinnützigen Verein Future Fashion Forward organisiert. Dieser koordiniert die Fashion Revolution in Deutschland und leistet großartige Aufklärungsarbeit.


Isabelle Rogge/ Foto: dasprogramm
Gastautorin Isabelle Rogge

Die Berliner Journalistin war Mentee des Journalistinnenbundes im Jahrgang 2017/18. Als Creative Producerin arbeitet sie hinter und neuerdings auch vor der Kamera in der Berliner Filmagentur dasprogramm. Außerdem schreibt sie als freie Autorin für Onlinemagazine wie Refinery29 Germany über nachhaltige Mode, Digitalisierung und gesellschaftliche Themen. Auf www.anethicaljourney.com bloggt sie über ihren Weg zu einem nachhaltigerem Leben.



Kommentare

  1. Mit diesem wichtigen Thema haben wir uns in der Kölner jb-Regionalgruppe beim Neujahrsempfang 2017 beschäftigt, den wir mit neun anderen Netzwerken zusammen veranstaltet haben.
    Damals hat Dr. Gisela Burckhardt von https://www.femnet-ev.de die Keynote gehalten. Sie hat uns auf die Probleme bei der aktivistischen Arbeit für bessere Arbeitsbedingungen in den Produktionsländern hingewiesen. Schließlich ist ein Konsum-Boykott von in Sweatshops hergestellten Billig-Textilien unter Umständen kontraproduktiv, wenn er dazu führt, dass den ArbeiterInnen jede Verdienstmöglichkeit abgeschnitten wird, weil ihr Arbeitgeber dichtmachen muss.
    Wirklich nachhaltig etwas ändern kann nur die Politik, indem sie den großen Mode-Firmen durch Gesetze die Verantwortung für die Arbeitsbedingungen und die Sicherheit in den Produktionsstätten zuschiebt. Besonders wichtig wäre deshalb die Zulassung einer Klage von Opfern und Hinterbliebenen des Rana-Plaza-Unglücks gegen die Hersteller vor einem europäischen oder amerikanischem Gericht. Erst wenn die Mode-Firmen damit rechnen müssten, dass sie mit Millionen-schweren Schadensersatzklagen überzogen werden, die die Opfer der Zustände erfolgreich gegen sie anstrengen könnten, werden sie dafür sorgen, dass sich etwas ändert.
    Leider sind in dieser Hinsicht eher Rückschritte zu verzeichnen und was von Selbstverpflichtungen zu halten ist, ist ja hinreichend erprobt.
    Dass man als Konsument gleichzeitig etwas tun kann, bleibt dennoch richtig und wichtig. Öffentlicher Druck auf die Mode-Industrie und bewusster Konsum sind Teil der Lösung. 5-Euro-T-Shirts sind doch wirklich kein must have! Von femnet gibt es für Köln einen Einkaufsführer, der auf lokale good practice Beispiele hinweist: auf HerstellerInnen und Läden fair produzierter und gehandelter Kleidung. Genauso vorbildlich wie die tolle Aktion von Isabelle & Co.!

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