Dienstag, 6. November 2018

Diese Angst vor der weiblichen Lust - Der Dokumentarfilm Female Pleasure


Von Magdalena Köster
 
Die japanische Aktionskünstlerin Rokudenashiko baute ein Vulva-Vagina-Boot und landete vor Gericht  /  Foto: x-verleih

Der Film beginnt mit einem Feuerwerk sexistischer Werbung. Nicht dabei die besonders dämliche vom Reifenhersteller, sondern die der hochwertigen Marken. Busen, Beine, Hintern, um Parfüm oder Kleidung zu verkaufen. Die nackte Frau als tägliche Ware. "Wir haben kein Recht auf unseren Körper. Kein Recht auf unsere Sexualität. Warum quälen sie uns seit Jahrtausenden?" Das sagen fünf kluge und couragierte Frauen aus den großen Weltreligionen, die in dieser Dokumentation über ihre wahrlich fürchterlichen Erfahrungen als Sexualobjekte sprechen. Sie brechen das Tabu des Schweigens und der Scham, das ihnen patriarchale Gesellschaften eingebläut haben, und kämpfen heute für alle Frauen, denen Ähnliches droht.

Für diesen Film wünschte ich mir mal kurz "chinesische" Verhältnisse in aller Welt. Zwangsverpflichtung für alle Schulen, diese Dokumentation zu zeigen und mit jungen Leuten über diese irre Angst der Männer vor der weiblichen Lust zu diskutieren. Denn dem Film gelingt es mit Hilfe der sehr glaubwürdigen Protagonistinnen, die Absurdität so mancher religiös verbrämter Lügen und Tabus deutlich zu machen. Er bietet beiden Geschlechtern die Chance, mehr über den weiblichen Körper zu erfahren, Sexualität offen zu betrachten und später hoffentlich mehr Spaß dabei zu haben.

"Es geht um die Dämonisierung des weiblichen Körpers"


Die Autorin und Regisseurin des Films, Barbara Miller, beschäftigt sich schon lange mit der Frage, wie es Frauen in aller Welt in Bezug auf ihre Sexualität geht, und wie das mit ihrer Stellung in der Gesellschaft zusammenhängt. So widmete sie sich in früheren Filmen bereits der Internet-Pornographie und der Klitoris. Wie stark Frauen nach wie vor in ihrer Sexualität eingeschränkt, ja verfolgt und geächtet werden, stellte sie schnell bei ihrer Suche nach geeigneten Interview-Partnerinnen fest. "Es geht nicht um Glauben, sondern um die jahrtausendealte und leider immer noch brandaktuelle strukturelle Dämonisierung des weiblichen Körpers, über alle religiösen und kulturellen Schranken hinweg."


Leyla Hussein spricht mit Massai-Frauen in Kenia über die Folgen der Genitalverstümmelung / Foto: x-verleih

Leyla Hussein aus Somalia ist als Muslimin mit sieben Jahren genital zwangsverstümmelt worden. "Man verliert jegliches Vertrauen in die Menschen. Das ist keine Beschneidung, das ist sexuelle Gewalt gegen Kinder." Eine andere Gepflogenheit, "Kinderheirat", sei nichts anderes als legalisierte Pädophilie. Hussein arbeitet heute als Psychotherapeutin u.a. für Daughters of Eve,  eine Organisation, die sich gegen die Female Genital Mutilation (FGM) wendet. Sie wird immer wieder von Fanatikern verfolgt und musste schon mehrmals umziehen.

"Man braucht uns und muss uns deshalb bezwingen"


Die jüdische Autorin Deborah Feldman erklärt, dass in ihrer chassidischen Gemeinde immer noch gilt "Heilige oder Hure" und bringt die orthodoxe Idee auf den Punkt: "Alles zielt auf unseren Körper. Man braucht uns und muss uns deshalb bezwingen". Sie entfloh den vorgeschriebenen Ritualen der Unreinheit und schrieb nach ihrer Flucht nach Berlin das Bestseller-Buch "UnOrthodox" (bei uns besprochen) vor allem deshalb, damit man ihr den kleinen Sohn nicht mehr wegnehmen könnte. Ihre Gemeinde verstieß sie trotzdem und sie wird weiterhin bedroht: "Dein Grabstein wartet".

Doris Wagner wurde in ihrer Ausbildung zur Nonne von einem Pater in Rom systematisch vergewaltigt, von der Oberin als "selbst schuld" beschimpft. Über das erste Mal sagt sie "Er machte immer weiter, während ich schon längst nicht mehr da war. In dieser Nacht drückte er den letzten Funken meines Selbst in den Staub und löschte es aus. Als er gegen drei Uhr endlich ging, ließ er nicht mich zurück, sondern eine leere Hülle, ein Wrack.“ Wagner schaffte es nach Jahren der Depression, diesem System zu entrinnen, arbeitet heute als Theologin und Philosophin und hat ihre Erfahrungen in dem Buch "Nicht mehr ich" beschrieben.


Vithika Yadav und ihr Team bei einer Straßen-Performance in Delhi  / Foto: x-verleih

Ausgerechnet im Land des Kamasutra und anzüglicher Darstellungen im Tempel, Indien, ist die Sexualität für beide Geschlechter ein Tabu. Nicht darüber sprechen, heißt eines der konstruierten Gesetze im Hinduismus. Frauen sind Freiwild, unter dem Euphemismus Frauen necken, Eveteasing, gibt es tägliche Übergriffe, Grabschereien und Vergewaltigungen. Die Soziologin Vithika Yadav hat das alles selbst als Mädchen erlebt und ihren Körper dafür gehasst. Heute leitet sie „Love Matters“, das erste Sexualaufklärungsprojekt auf Englisch und Hindi im Internet."Vergiss die Klitoris nicht", wird da empfohlen und überhaupt: "Frauen wollen Orgasmen, mehr als einen."

Fehlt noch Rokudenashiko, die vor Ideen sprühende Manga-Künstlerin im buddhistischen Japan, die eigentlich nur wütend war über den Penis-Kult, der ihr verklemmtes Land beherrscht. Auf Festivals werden dort gigantische Penisfiguren durch die Straßen getragen und überall penisförmige Eiscremes und Süßigkeiten zum Schlecken angeboten. Rokudenashiko machte Abdrücke ihrer Vulva, digitalisierte sie, baute Figuren und Gärten daraus und ein herrliches Zwei-Meter-Vulva-Vagina-Kanu. Das brachte ihr eine Anklage wegen "Obszönität" und eine erste Verurteilung zu zwei Jahren Gefängnis ein. Mehrere Staranwälte vertreten sie in der Berufung.

"Sie praktizieren das Patriarchat, die weltweite Religion"


Es gibt zwei Schlüsselszenen in dieser Dokumentation, die auch den ärgsten Frauenhasser nachdenklich machen sollten. Einmal streift Rokudenashiko durch einen Pornoladen und zeigt Auszüge aus gruseligen Pornos, Spiele und Spielzeug, alle mit Nachbildungen der Vulva und Vagina. Beim Anblick einer weichen Plastikvorlage mit "Onanie-Loch" fragt sie entgeistert, "Wie kann das alles erlaubt sein und meine Kunst nicht?" Noch stärker wirkt der Filmausschnitt, als Leyla Hussein in London jungen Frauen und Männern aus der muslimischen Community ebenso drastisch wie klar vorführt, was die "Beschneidung" einer Frau wirklich heißt. Jemand fertigt zu diesen Treffen große, sehr genaue Abbildungen der Vulva aus Knetmasse an, dann schneidet Leyla Hussein mit einer großen Schere die inneren Vulvalippen ab, dann die Klitoris... und erklärt dabei die einzelnen Praktiken. Die jungen Männer stöhnen, wenden sich ab, rufen, "das ist doch Folter", und "warum tun unsere Eltern das?".

Leyla Hussein sagt dazu: „Sie praktizieren das Patriarchat, die weltweite Religion.“


Der Film "Female Pleasure" läuft ab Donnerstag, 8. November,  in vielen deutschen Kinos.





Kommentare

  1. Beeindruckend diese Energie der Frauen. Hoffentlich erhält der Film die Aufmerksamkeit, die er verdient und am besten noch Preise dazu!

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