Mittwoch, 2. Januar 2019

Genie ohne Grenzen? Schweigekultur trotz #metoo - Fünf Fragen an Anna Wahl

von Angelika Knop

Chancen zur Veränderung nutzen: Anna Wahl bei einem Seminar für den Bundesverband Regie BVR / Foto: A. Knop

Seit Herbst 2018 gibt es in Berlin für Betroffene von sexueller Belästigung in Film, Fernsehen und Theater eine zentrale Anlaufstelle. Nach Meldungen zum Jahresende wird das Angebot offenbar rege genutzt. Themis heißt die Anlaufstelle, benannt nach der griechischen Göttin für Gerechtigkeit. Gerechtigkeit ist aber nicht erst gefragt, wenn es um die Aufdeckung von Übergriffen geht, sondern vor allem bei der Prävention. Das sagt die schwedische Gender- und Organisationsforscherin Anna Wahl, die europaweit Organisationen zur Gleichstellung berät.



Sie haben gesagt, dass es vielen Menschen unangenehm ist, über Gleichberechtigung oder Gleichstellung zu sprechen. Warum ist das so?


Nun, über diese Themen zu reden, ruft eine Menge Gefühle hervor. Menschen empfinden das nicht als neutral. Manche Männer fühlen sich angeklagt oder zumindest meinen sie, dass es darum geht, die Schuldfrage zu klären. Frauen können das Gefühl haben, dass sie als Opfer gesehen werden, als "problematisch" oder schwach. Deshalb distanzieren sich viele vom Thema und sagen: "Das ist kein Problem für mich. Ich habe nie persönlich oder in meinem Umfeld Diskriminierung erlebt."


Und ist das durch #metoo besser oder schlechter geworden?


Ich glaube, das hängt davon ab, wo wir uns befinden. In Schweden ist es auf jeden Fall etwas besser geworden, weil es einen Raum eröffnet hat, über diese Themen zu sprechen, an Orten und in Situationen, wo vorher nicht darüber gesprochen wurde. Aber im zweiten Schritt kann das eben auch Frustration bewirken, wenn sich nichts ändert, wenn nichts geschieht.


Was muss denn passieren? Was muss sich ändern?


Die Erfahrungen sind jetzt öffentlich. Wir wissen, dass Frauen am Arbeitsplatz sexuell belästigt werden. Der nächste Schritt ist nun, zu verstehen, dass das ein Ausdruck der Ungleichheit ist. Es ist nichts, was speziell mit Sexualität zu tun hat oder bestimmten Persönlichkeiten, sondern es ist Teil unserer ungleichen Gesellschaft. Wir müssen die Kultur verändern, die in unseren Organisationen herrscht, in unseren Projekten. Wir müssen die Kultur des Schweigens beenden und Ungleichheiten benennen. Und wir müssen mehr darüber nachdenken, was Respekt ist, was körperliche Integrität, und wie wir es wirklich erreichen, dass niemandem Gewalt angetan wird. Sexuelle Belästigung ist unerwünschtes Verhalten. Das ist die Definition. Führungskräfte haben eine große Verantwortung, auch dabei die Führung zu übernehmen, das zu ändern. Und wir alle haben als Zuschauer die Möglichkeit, etwas zu sagen und zu tun. Das ist die große Chance, etwas zu verändern.


Sind die Medien- und die Filmbranche da ein besonderer Fall?


Anfangs dachte ich "Nein", aber es scheint doch so. Einige Studien in Schweden haben gezeigt, dass in Film, Fernsehen, den darstellenden Künsten - also in Kulturberufen -  ein etwas höherer Prozentsatz der Frauen angibt, sexuell belästigt worden zu sein. Wir wissen nicht genau, warum. Aber eine Erklärung ist, dass es ein falsches Verständnis von künstlerischer Freiheit gibt. Dass Kreativität damit zu tun hat, dass du irgendwie keine Grenzen respektieren musst. Und das ist eine sehr problematische Sichtweise. Jemand anderes muss dann immer für diese Freiheit bezahlen. Frauen in diesen Branchen, die sexuelle Belästigung erleben, erleben eben keine Freiheit. Sie können nicht frei handeln oder kreativ sein. Außerdem gibt es diesen romantischen Gedanken des männlichen Genies in der Kunst. Und viele Männer schweigen, weil sie dieses Genie bewundern - auch als Mann - und schützen wollen. Das ist ebenfalls Teil der Kultur des Schweigens.


Ist ein ausgewogeneres Verhältnis der Geschlechter in der Branche dann eine Lösung für das Problem?


Ja, aber nur zum Teil. Das Risiko sexueller Belästigung ist höher in männlich dominierten Arenen. Aber selbst wenn wir eine Verhältnis 50 zu 50 haben, kann es eine Akzeptanz dieses Verhaltens geben. Wir müssen dann immer noch darüber sprechen und Grenzen setzen. Im Management muss es eine klare Null-Toleranz-Haltung geben. Es geht um Zahlen und Quoten, aber nicht allein. Es geht auch um die Kultur, die Normen, die Werte, die wir am Arbeitsplatz haben. Es geht um Respekt, Respekt für das Gegenüber.


Anna Wahls Thesen zur unterschiedlichen Förderung der Geschlechter am Arbeitsplatz / Foto: Angelika Knop

Anna Wahl ist Professorin für Gender-, Organisations- und Managementtheorie am Königlichen Institut für Technologie in Stockholm.

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