Mittwoch, 15. Mai 2019

Europa-Wahl 2019 #4. Olivia Kortas: "Es ist ein Privileg, Europäerin zu sein."

von Tina Stadlmayer

Vor der Europawahl zwischen dem 23. und dem 26. Mai fragen wir Kolleginnen, die über Europa berichten, nach ihrer Arbeit und danach, wie sie die aktuelle Situation einschätzen.

Olivia Kortas auf dem Weg nach Mossul zum Interview mit dem Theatermacher Milo Rau. / Foto: Kasper Goethals
Im Moment ist in Europa richtig was los! Am Thema Migration erhitzen sich die Gemüter und mit ihnen der Ton der politischen Debatte. Erstarkende rechte Parteien bereiten mit ihren populistischen Kampagnen den Pro-EU-Parteien Sorgen und Wahlverluste. Die Diskussionen über den Brexit und den US-Präsidenten Trump vertiefen die wohl schon lange schwelende Spaltung der politischen Lager. Olivia Kortas gehört einem europäischen Journalisten-Kollektiv an und berichtet von Warschau aus über Süd- und Osteuropa.



Olivia Kortas arbeitet als freie Journalistin für Die Zeit, den MDR, die Deutsche Welle und das niederländische Magazin De Groene Amsterdammer. Sie schreibt Reportagen vor allem aus süd-osteuropäischen Ländern wie Polen, Ungarn, der Ukraine, Weissrussland, Griechenland und Bulgarien sowie aus dem Irak und Uganda. Kortas hat Kommunikationswissenschaft und Psychologie in München studiert, war Stipendiatin am Institut für Journalistenausbildung der Passauer Neuen Presse und hat an der Danish School for Media and Journalism und an der Hogeschool Utrecht den Ausbildungsgang Politischer Journalismus in der EU absolviert.

Sie sind gerade in Budapest. Was machen Sie dort?


Ich war mit meinen Kollegen Kasper Goethals und Johannes De Bruycker im Irak. Jetzt haben wir uns in Budapest getroffen, um unsere Reportagen zu schreiben, eine Ausstellung und einen Workshop zu organisieren. In Mossul waren wir mit dem Schweizer Theatermacher Milo Rau unterwegs, der dort Videomaterial für seine Inszenierung der griechischen Tragödie Orestie aufnimmt. Außerdem habe ich im Irak einen Menschen wieder getroffen, den ich vor drei Jahren in Griechenland bei Recherchen in einem Flüchtlingslager kennengelernt habe.

Eine der Reportagen aus Griechenland trug den Titel: "Hier versagt Europa". Das Versagen bestand darin, dass die Geflüchteten in Griechenland in Lagern hängen blieben, ohne ausreichende Information, wie es weitergeht. Viele hatten die Hoffnung, dass die Grenze zu Mazedonien wieder geöffnet wird. Die Helfer vor Ort waren total überfordert und es kam zu Konflikten der Geflüchteten untereinander. Die anderen EU-Länder haben Griechenland mit diesem Problem allein gelassen. Es gab keine Informationen und keine Planung, obwohl absehbar war, dass die Zahl der Geflüchteten aus Kriegsgebieten wie Syrien steigen würde. Drei Jahre sind vergangen und die Situation in Griechenland hat sich kaum geändert.

Sie berichten seit mehreren Jahren über Süd- und Osteuropa. Warum haben Sie diesen Schwerpunkt für ihre Berichterstattung ausgewählt?


Ich bin in Niederbayern geboren und meine Eltern sind beide aus Polen. Sie waren abenteuerlustig und sind in ihrer Jugend viel durch die damalige Sowjetunion gereist. Ihre spannenden Erzählungen haben mich neugierig gemacht. Es hat mich interessiert, was die ehemaligen Satellitenstaaten der Sowjetunion heute von Deutschland unterscheidet. Außerdem spreche ich fließend Polnisch und verstehe deshalb auch einiges auf Russisch. Kulturell fühle ich mich dem Osten sehr nahe.

Europa wählt - vier Tage lang


zum Beispiel:
Polen: Sonntag, 26.5.

Ungarn: Sonntag, 26.5.
Slowenien: Sonntag, 26.5.
Deutschland: Sonntag, 26.5.

Wie organisieren und finanzieren Sie Ihre aufwändigen Recherchen?


Am Anfang meines Berufslebens habe ich Recherche-Stipendien bekommen. Damals hatte ich noch keine Kontakte zu Redaktionen. Die Stipendien wurden oft an Teams vergeben, die sich aus Kolleginnen und Kollegen aus verschiedenen Ländern zusammensetzten. Wir haben Geld für die Recherchen bekommen und konnten dann Redaktionen die fertigen Artikel verkaufen.

Mittlerweile arbeite ich anders. Ich lebe in Warschau und habe Kontakte zu Redaktionen, die wissen, dass ich vor Ort bin. Sie zahlen auch die Kosten für Reisen in Nachbarländer. Bei größeren Recherchen, zum Beispiel in den Irak, zahle ich die Reisekosten erstmal aus der eigenen Tasche und bekomme das Geld dann durch die verkauften Artikel wieder. Das ist nicht immer einfach: Manche Redaktionen denken nicht daran, dass es für mich wichtig ist, das Geld dann möglichst schnell und nicht erst in einem halben Jahr zu bekommen. Dieses Arbeitsmodell ist mit Unsicherheiten verbunden, aber es ermöglicht mir Recherchen, die in die Tiefe gehen. Eine Person über drei Jahre lang immer wieder zu treffen und zu interviewen, das könnte ich als Redakteurin nicht machen. Für mich funktioniert dieses Modell sehr gut. Ich glaube, dass die Zukunft des Journalismus in gründlichen Recherchen und Artikeln mit vielen Hintergrundinformationen liegt.

Olivia Kortas bei der Recherche in der zerbombten Kunstakademie in Mossul. / Foto: Kasper Goethals

Wie funktioniert das Journalisten-Kollektiv The Caravan’s Journal, in dem Sie arbeiten?


Ich bin das einzige deutsche Mitglied. Dann ist da noch mein Kollege Kasper Goethals, der für den belgischen Standard schreibt und Coen van de Ven, der für das niederländische Magazin De Groene Amsterdammer schreibt. Wir drei haben uns während des Studiums kennen gelernt. Dann ist noch der Fotograf Johannes De Bruycker dazu gekommen. Im Haifischbecken Journalismus ist es gut, jemanden zum Diskutieren und zur gegenseitigen Unterstützung zu haben. Kasper, Coen und ich schreiben häufig zusammen. Teilweise recherchieren wir auch zum selben Thema in verschiedenen Ländern. Alle schreiben in ihrer Sprache und dann übersetzen wir das in die jeweilige Sprache des Magazins. Am Ende stehen dann alle unsere Namen über dem Artikel. Wir organisieren außerdem Workshops für junge Kolleginnen und Kollegen.

Hat sich das Verhältnis der Osteuropäer zur EU in den vergangenen Jahren verändert?


In Polen war die Mehrheit immer schon sehr für die EU. Das ist zur Zeit ein Problem für die konservative Regierungspartei. Sie steht unter Druck, weil ihr von der Opposition vorgeworfen wird, sie lasse es zu einem Austritt aus der EU kommen. In Ungarn ist es etwas anders: Der Ministerpräsident zeigt in Brüssel ein pro-europäisches Gesicht, denn sein Land braucht die EU aus ökonomischen Gründen sehr stark. Aber andererseits sind die Kampagnen der Regierung sehr nationalistisch. Die meisten Medien gehören regierungsnahen Geschäftsmännern. Deshalb denken auch immer mehr Menschen nationalistisch.

Einen Rechtsruck gibt es allerdings nicht nur in Mittel- und Osteuropa, dieses Wir-zuerst-und-dann-die-anderen gibt es auch in westeuropäischen Ländern wie Frankreich und Großbritannien. In vielen osteuropäischen Ländern kommt allerdings noch dazu, dass die Regierungen die Unabhängigkeit der Justiz und der Medien angreifen.

Was bedeutet die EU für Sie persönlich und wo sehen Sie Defizite?


Für mich bedeutet die EU „Privileg“, „Sicherheit“, „Freiheit“ und „Bewegungsfreiheit“. Wenn ich aus Ländern wie Uganda oder dem Irak zurück komme, fühle ich mich in der EU frei. In Uganda wurde ich gefragt: du kannst hier her kommen und uns Fragen stellen. Warum können wir nicht nach Europa kommen und das selbe machen? Das ist eine völlig berechtigte Frage und macht deutlich, wie privilegiert ich als Europäerin bin. Das habe ich auch der EU zu verdanken. Leider gibt es immer noch viele Vorurteile der Menschen in Westeuropa gegenüber Osteuropa. Ich denke, es müsste viel mehr Dialog zwischen den Ländern geben, weil es sonst keine gemeinsame Zukunft für die EU geben kann.


Wie berichten Journalistinnen über Europa?
Unsere Serie zur Europa-Wahl 2019


Bereits erschienen:

Und weiter:
17.5.: Karin Junker blickt zurück auf ihre Zeit im EU-Parlament
22.5.: Ute Scheub plädiert für mehr Demokratie
29.5.: Brüssel-Korrespondentin Astrid Corall über die Auswirkungen der Europawahl auf die EU



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