Mittwoch, 5. Juni 2019

Kampf um Freiheit, Selbstbestimmung und Gerechtigkeit - Dokumentarfilme über Mädchen und Frauen

von Angelika Knop

"A Thousand Girls Like Me" / Foto: DOK.fest München
"Gab es da einen Frauenschwerpunkt?", fragte mich eine Freundin, als ich ihr über die Filme erzählte, die ich auf dem DOK.fest in München im Mai gesehen hatte. Nein, ich hatte mir den Schwerpunkt selber gesucht - eher unbewusst, weil es die Schicksale und Geschichten waren, die mich besonders interessierten. Aber das Angebot war eben auch da: Dokumentarfilme über Mädchen und Frauen, die um Gleichberechtigung kämpfen - ihre eigene oder die anderer. Um die Selbstbestimmung über den eigenen Körper, das eigene Leben und gegen Vorurteile. Und sie waren alle von Frauen gemacht. Die Frage meiner Freundin hat mich dazu veranlasst, noch einmal meine persönliche Auswahl hier im Blog zusammenzustellen, auch wenn das Festival schon mehr als ein paar Tage her ist. Das nächste kommt bestimmt irgendwo - oder die DVD oder das Streaming. Es lohnt sich, danach Ausschau zu halten!


"A Thousand Girls Like Me" von Sahra Mani 




"Jede Frau in diesem Land hat hundert Besitzer", sagt Kathera aus Afghanistan. Doch sie wehrt sich gegen ihren Vater, der sie schon als Kind vergewaltigte und von dem sie zum wiederholten Male schwanger ist. Sie bringt ihn ins Gefängnis, zieht auf der Flucht vor rachsüchtigen Onkels mehrfach um und trotzt auch den Brüdern, die ihr vorwerfen, dass sie nun keine Arbeit finden. Das Warten auf den Prozess zermürbt - und sie muss sogar Strafe fürchten wegen "illegalem Sex". Die afghanische Filmemacherin Sara Mani begleitet ihre Protagonistin im Alltag, meist bei der Hausarbeit und erzählt dabe eine eigentlich unerträgliche Geschichte so, dass wir Kathera gerne zusehen und das Beste für sie hoffen. Zu Recht auf der Preisträger-Shortlist DOK.horizonte, leider nicht ausgezeichnet.


"Advocate" von Rachel Leah Jones




Lea Tsemel ist Jüdin, Anwältin in Israel - und verteidigt palästinensische Angeklagte. Terroristen, sagen die einen - Freiheitskämpfer die anderen. Vielen ihrer Landsleute gilt sie als Verräterin. Sie nervt - manchmal auch ihre Mitarbeiter*innen - und macht selten Kompromisse. Die jüdisch-amerikanische Filmemacherin Rachel Leah Jones begleitet sie bei der Verteidigung eines 13-Jährigen, der in eine Messerstecherei verwickelt war. Rückblenden zeigen Lea Tsemels Werdegang. Ihre Entscheidung, keinen Deal mit der Staatsanwaltschaft einzugehen, bedeutet für den Jungen ein großes Risiko ... Der Nahostkonflikt als Justizdrama und ein großartiges Porträt einer streitbaren Frau.


Before Father Gets Back von Mari Gulbiani




Eva und Iman sind beste Freundinnen. Gemeinsam drehen sie einen Stummfilm. Eva spielt Charlie Chaplin - mit Kopftuch und Melone. Dabei darf sie eigentlich keine Hosen tragen. Die Mädchen leben im Pankissi-Tal im Nordosten Georgiens, Heimat der Kisten, einer muslimischen Minderheit. Ihre Väter sind in den Krieg für den IS gezogen. Über Skype verlangen sie von Frauen und Töchtern, sich an fundamentalistische Regeln zu halten. Doch so ganz reicht ihr Arm nicht bis ins Dorf, in dem die Alten ohnehin nicht verstehen, warum sich die Söhne radikalisiert haben. Filmemacherin Mari Gulbiani kam ins Tal, um dort Film zu unterrichten und lässt die Mädchen ihr eigenes Leben dokumentieren. Ein poetischer Film über Fremdbestimmung, Freundschaft und den jugendlichen Drang, sich zu entfalten.


Digitalkarma von Francesca Scalisi und Mark Alexa




"Wenn Firmen Fahrräder für Damen herstellen, dann sollten sie auch von Damen gefahren werden." Diese aufmunternden Worte hört Rupa von ihrem Bruder, als die junge Frau als sogenannte E-SheeBee über die Dörfer in Bangladesh fahren möchte, um den Menschen moderne Kommunikationstechnik zu vermitteln. Schon Fahrradfahren ist hier wie eine Revolution. Noch revolutionärer ist es, als junge, unverheiratete Frau einen Job zu haben. Doch die Familie möchte ihr eine bessere Zukunft ermöglichen. Dann aber wird der Vater schwer krank und Rupa will ihre Familie glücklich machen. Der Schweizer Mark Olexa und die Italienerin Francesca Scalisi zeigen, dass es mehr als guten Willen braucht, um die Lage von Frauen in einem der ärmsten Länder der Welt zu verbessern.


Freedom Fields von Naziha Arebi




"Ein Mädchen kann anders sein. Sie muss nicht der Norm entsprechen. Eine Familie sollte ihrer Tochter Hoffnung geben, das ist alles was sie braucht." So Fadwas Fazit gegen Ende des Films, der ihren Traum zeigt: Sie und ihre Mitspielerinnen wollen für Libyen auf dem Fußballfeld stehen. Doch statt sich auf dem Platz mit internationalen Gegnerinnen zu messen, müssen sie sich gegen Ressentiments und fundamentalistische Kritik in der postrevolutionären Gesellschaft durchsetzen. Die Britin Naziha Arebi ist für diese Doku in die Heimat ihres Vaters zurückgekehrt und hat einen kämpferischen aber auch sehr fröhlichen Film mit eindrucksvollen Bildern gemacht - nicht nur für Fußballfreundinnen. Am Ende gründen die Aktivistinnen eine Organisation, die Mädchen Bildung und Sport und damit mehr Selbstbewusstsein bringen soll. Dafür lässt sich dann nicht nur Applaus, sondern auch Geld spenden.

Weitere Dokumentarfilme, die wir im Watch-Salon besprochen haben:
Female Pleasure
Uma und wir

Kommentare

  1. Gute Auswahl. Habe fast alle diese Filme auch gesehen. "A Thousand Girls Like Me" von Sahra Mani war sehr beeindruckend, weil die Kraft dieser jungen Frau das entsetzliche Elend immer noch überstrahlt. Am Ende nur eine falsche Entscheidung Frankreichs: Sie bekommt mit den Kindern dort Asyl, darf aber die Mutter nicht mitnehmen, die sich doch entsprechend ihren Möglichkeiten sehr gekümmert hat und die ihr in Frankreich den Rücken frei halten könnte.
    Ebenfalls hervorragend -
    Digitalkarma von Francesca Scalisi, (da las ich ja immer digitalkamera...). Die Protagonistin als Kleinunternehmerin ist in Höchstform, lebendig, glücklich, stolz fährt sie Fahrrad. Am Ende dann doch die Zwangsheirat, und die junge Frau weint und weint, die ganze Zeremonie durch.
    Weg mit der Macht der Brüder, Onkel und Väter.

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