Sonntag, 18. Mai 2014

Der Fall Jill Abramson - ein Lehrstück in Sexismus


Jill Abramson (Mitte) bei einer Podiumsdiskussion zum Thema "Leading with Diversity", 2012
Foto: US Department of Labor
Als die Redaktionsmitglieder der New York Times am Mittwoch, 14. Mai, kurzfristig zum Verleger gerufen wurden, befürchteten einige schon, es sei jemand aus der Redaktion gestorben. Falsch, es war nur die Chefredakteurin entlassen worden - Knall auf Fall.

Jill Abramson, deren Ernennung vor knapp drei Jahren als Signal für Frauenkarrieren im Journalismus gewertet wurde, musste nun auf unwürdige Weise abtreten. Und die Frage nach dem Warum beschäftigt die Medienszene in New York und darüber hinaus noch immer.



Der Verlag steht gut da, sein Journalismus ist vorbildlich. Allein in Abramsons kurzer Amtszeit gewann das Blatt acht Pulitzer-Preise. Das war nicht zuletzt ihr Verdienst, denn dass sie journalistisch ehrgeizig ist, "höchste Standards" setzt, bescheinigen ihr auch Kollegen, die ihren brüsken Führungsstil nicht mögen.

Auf den Führungsstil - "an issue with management in the newsroom" - liefen denn auch die offiziellen Begründungen hinaus, bevor Details öffentlich wurden: Offensichtlich hatte Abramson in Absprache mit Verleger Arthur Sulzberger Jr. und Geschäftsführer Mark Thompson der Guardian-Journalistin Janine Gibson einen hohen Posten in der Redaktion angeboten: Chefin vom Dienst für die digitalen Angebote der Zeitung. Dumm nur: Der amtierende Chef vom Dienst, Dean Baquet, wusste nichts davon. Er erfuhr es beim Mittagessen mit der Bewerberin. Es kam, wie es kommen musste: Baquet weinte sich beim Verleger aus. Der feuerte die Chefredakteurin und machte Baquet, einen Afro-Amerikaner, zu ihrem Nachfolger.

Kein gleicher Lohn


Ein blöder Fehler, gewiss. Doch wie viele blöde Fehler dürfen sich männliche Chefredakteure erlauben, bevor sie gefeuert werden? Das fragen sich jetzt viele Journalisten-Kollegen, und sie vermuten, dass noch mehr dahinter steckt. Zum Beispiel die Sache mit dem Geld: Wie Ken Auletta vom New Yorker bereits am Tag nach ihrer Entlassung berichtete, hatte Jill Abramson vor einigen Wochen herausgefunden, dass sie in allen drei Positionen, die sie bei der New York Times bekleidet hatte, schlechter bezahlt worden war als ihre männlichen Vorgänger bzw. Nachfolger. Sie hatte sogar einen Anwalt engagiert, um der Sache nachzugehen, und der konnte die Diskriminierung mit harten Zahlen belegen. Im Verlag kam die Bloßstellung nicht besonders gut an, wie man sich denken kann.

Politische Kommentatoren in den USA nehmen  Lohnungleichheit jedoch sehr ernst. "Wenn eine der mächtigsten Frauen in der Welt, Aushängeschild einer Institution, die sich für gleichen Lohn einsetzt, möglicherweise dafür bestraft worden ist, dass sie für die eigenen Interessen eintrat, welche Hoffnung besteht dann für den Rest von uns?", fragt beispielsweise Michelle Goldberg von "The Nation".

Goldberg weist auch auf weitere Kämpfe hin, die Abramson bei der New York Times ausfechten musste, und die möglicherweise zu ihrem Ruf beigetragen haben, "schwierig" zu sein. Es sind edle Kämpfe um journalistische Werte: Abramson wehrte sich gegen die Einführung von sogenanntem "native advertising" (Anzeigen, die wie Artikel aussehen) im Online-Angebot der Times. Sie warnte davor, zu viel Geld in ein undurchdachtes Video-Angebot zu stecken. Und: Sie ließ einen Reporter den Skandal um Kindesmißbrauch bei der BBC recherchieren - zu einem Zeitpunkt, bei dem bereits feststand, dass der ehemalige BBC-Chef Thompson als CEO zur Times wechseln würde. Kurz: Sie machte Ärger, weil sie unbestechlich war.

Die Haut eines Rhinozeros


Von all ihren Verdiensten um Pressefreiheit und -qualität ist jetzt kaum noch die Rede. Stattdessen wird das alte Lied gesungen von der "umstrittenen Chefredakteurin" mit dem harschen Temperament und dem unzugänglichen Wesen. In einem sehr persönlichen Kommentar weist Susan B. Glasser im Politico-Magazin darauf hin, dass dies das Schicksal aller gescheiterten Chefredakteurinnen ist - auch das von Natalie Nougayrède, die in derselben Woche, in der Abramson gefeuert wurde, von ihrem Amt als Chefredakteurin von Le Monde zurücktrat. Sie werden nicht als Heldinnen gefeiert, sondern als Frauen, die nicht nett genug waren, diskreditiert und verharmlost zugleich. Glassers Fazit:
"Du musst die Haut eines Rhinozeros haben, wenn du als Frau in dieser öffentlichen Arena präsent bleiben willst. Du musst dich damit abfinden, schwierig und aggressiv und alles mögliche andere genannt zu werden, wenn du die Hand hebst. Nie zu antworten oder dich zu verteidigen, denn das wäre streitbar oder riskant oder auch nur unschön."
Die Art, wie die New York Times ihre erste Chefredakteurin behandelt hat, werde wohl kaum dazu beitragen, jungen Frauen den Journalismus näherzubringen.

Kommentare:

Magdalena Köster hat gesagt…

Und hier die Karikatur von @lizadonelly zum Thema. Immerhin, die Umstände der Entlassung Abramsons beschäftigt die US-Medien sehr!

(Webadresse kopieren, lässt sich nicht als Link setzen)

https://medium.com/the-nib/bafbf19d83ab

Judith Rauch hat gesagt…

"pushy" - ein Wort, das meiner Kenntnis nach im Berufsumfeld nur im Zusammenhang mit ehrgeizigen Frauen verwendet wird. Bei Männern bedeutet es "aufdringlich" im sexuellen Sinne. Hier noch der Link zu dem berühmt gewordenen Instagram-Foto, das Jill Abramsons Tochter mit dem Kommentar versehen hat: Mom's badass new hobby 👊👊💪 #girls #pushy @jabramson64

Judith Rauch hat gesagt…

Wer sie mal im Video sehen will: Der erste öffentliche Auftritt von Jill Abramson nach dem K.O.-Schlag.

Judith Rauch hat gesagt…

Das Lehrstück geht weiter. Was Glenn Greenwald an Dean Baquet, Abramsons Nachfolger, zu kritisieren hat. Und wie es mit Janine Gibsons Karriere in England weitergeht: Alles im Blopgpost von Elisabeth Ruge auf FAZ.net.