Mittwoch, 15. Januar 2020

Raubtiere im Newsroom

von Anuradha Sharma aus dem indischen Shiliguri - Hostwriter- und Gastautorin im Watch-Salon


Illustration: Moshtari Hilal


Meine Karriere als Journalistin war zum Scheitern verurteilt, weil ich kein Mann bin. Letztes Jahr gestand ich mir diese Wahrheit zum ersten Mal ein, nachdem ich vor über sieben Jahren meine feste Stelle als Journalistin gekündigt habe und mich notgedrungen auf ein Leben als Freelancer einließ.
 Es erstaunt mich jetzt – oder vielleicht auch nicht –, dass ich das all die Jahre nicht wahrhaben wollte. Ich wollte mich nicht als Opfer sehen; ich war eben eine Spielernatur und liebte das Risiko. Jedes Mal, wenn ich anderen erzählte: "Ich habe mich selbstständig gemacht, weil man da viel mehr Freiheit hat, und interessanter ist es auch", habe ich ihnen und mir selbst etwas vorgemacht.

Donnerstag, 19. Dezember 2019

Zählen, Messen, Haltung zeigen - der Weg zu fairer Bezahlung

von Angelika Knop


"Der Gipfel der Guten" (v.l.n.r.): Frank Rohde, Randolf Bursian, Franziska Giffey, Henrike von Platen, Katja Ploner, Barbara Thiel, Nina Keim beim Fair Pay Innovation Summit  / Foto: Angelika Knop

Das Thema Equal Pay ist angekommen in der Wirtschaft. So sieht es aus am Vormittag des 17. Dezember im Elisabeth-Selbert-Saal des Bundesfrauenministeriums in Berlin beim Fair Pay Best Practice Summit. Die Personalverantwortlichen oder Diversitybeauftragten von Adobe, Evonik, Siemens, Thyssenkrupp und Salesforce stehen oder sitzen auf dem Podium. Im Publikum sind große Anwaltskanzleien, Unternehmensberatungen, Gewerkschaften und weitere Unternehmen vertreten. Rund ein Viertel der Anwesenden sind Männer. Oder befinden wir uns hier wieder einmal in einer Filterblase? Ist dieser „Gipfel der Guten“, wie ihn Bundesfrauenministerin Franziska Giffey in ihrer Rede nennt, doch nur ein exklusiver Zirkel der Überzeugten oder gar derer, die ein bisschen Whitewashing betreiben wollen? Sonst bräuchte es doch diese Veranstaltung nicht, oder?

Freitag, 13. Dezember 2019

Unbias the News - Vielfalt zwischen zwei Buchdeckeln

von Angelika Knop

Unbias the News. Why Diversity matters - Warum Journalismus Vielfalt braucht.
Das Buch von Hostwriter und CORRECTIV ist auf Englisch und Deutsch erschienen. / Foto: hostwriter

Menschen haben Vorurteile. Ich als Journalistin kläre auf und kann sie ausräumen. Das stimmt und ist gleichzeitig doch ziemlicher Quatsch. Natürlich sitzen auch zwischen meinen Ohren Stereotypen, Ressentiments und eine Portion Unwissenheit. Und wenn ich mir dessen nicht bewusst bin, schaffe oder bestärke ich mit meiner Arbeit erst Vorurteile. Wie viele blinde Flecken ich habe, aber auch wie sehr Kolleg*innen in aller Welt mit ähnlichen Problemen kämpfen, und dass es sich deswegen oder trotzdem zu kämpfen lohnt, hat mir das Buch "Unbias the News" gezeigt.

Mittwoch, 27. November 2019

Salonschnipsel: "Zeit der Geheimnisse" - Nordseeweihnacht, Familiengeschichte, Frauenschicksale

von Angelika Knop

Sonja (Christiane Paul) und ihre Töchter Vivi (Svenja Jung) und Lara (Leonie Benesch) / Foto: Nik Konietzny/Netflix
Der gute alte TV-Mehrteiler an Weihnachten ist zurück - nur neu verpackt auf Netflix, als dreiteilige Mini-Serie. "Zeit der Geheimnisse" zeigt, wie sich die Frauen einer Familie - von der Urgroßmutter bis zu den Enkelinnen - lieben, aneinander leiden und alles dadurch schlimmer machen, indem sie sich nicht die Wahrheit sagen. Männer spielen mit, aber im Drehbuch eine Nebenrolle. Und beim Binge-Watching ist es wie mit dem Weihnachtsessen - sehr lecker, aber vielleicht hätte es doch etwas weniger sein können.

Mittwoch, 20. November 2019

Bernadette - im Brombeergestrüpp verheddert. Eine Filmkritik

von Christine Olderdissen 

Paddeltour im ewigen Eis: Cate Blanchett als Bernadette / Foto: Universum Film

Das Beste in diesem Film passiert am Anfang und am Ende. Dann, wenn Cate Blanchett in der Rolle der Bernadette in einem Kajak durch die beeindruckende Eislandschaft der Antarktis paddelt. Die Formationen aus strahlend weißem, tauendem Gletschereis sind so ungewöhnlich wie das Gebäude, für das Bernadette in jungen Jahren als angehende Stararchitektin gefeiert worden ist. Der Film zieht allerdings keine Verbindung zum architektonischen Wagnis, sondern benutzt den spektakulären Drehort als Kulisse für die dramaturgisch notwendige Zuspitzung dieses lahmen Filmes von Richard Linklater. So what.


Freitag, 15. November 2019

Das geht gar nicht! Eine Diskussion über Feminismus, Intersektionalität und Journalismus

von Gastautorin Sissi Pitzer

Auf dem Podium (v.l.n.r.): jb-Vorsitzende Friederike Sittler, Bloggerin Kübra Gümüşay, Chefredakteurin Anna Mayrhauser, Journalistin Konstantina Vassiliou-Enz, Moderatorin Franziska Hilfenhaus / Foto: Stefan Röhl

Eine Diskussion über 280 Zeichen hinaus. Dazu hatte der jb gemeinsam mit der Heinrich Böll Stiftung am 11. November in Berlin eingeladen. Anlass: Die Auseinandersetzung um die Hedwig-Dohm-Urkunde für die Karikaturistin Franziska Becker im Sommer, die vor allem auf Twitter zu heftigen Diskussionen und auch Anfeindungen gegen den jb geführt hatte. Aber, so betonte jb-Vorsitzende Friederike Sittler in ihrer Begrüßung, die Veranstaltung solle das Thema weiten: Wie arbeiten wir handwerklich sauber in Zeiten, in denen viele viral gehende Beiträge sehr subjektiv sind? Wie umgehen mit dem Streit im Feminismus, auch um die Bedeutung von Intersektionalität?

Mittwoch, 13. November 2019

Abschied von der DDR

von Gastautorin Gislinde Schwarz

Gislinde Schwarz 1988 auf Hiddensee / Foto: Katja Worch

"Wir haben unseren Alltag verloren, unseren Maßstab an die Dinge, unsere Identität." Das schreibt Gislinde Schwarz im Juni 1990. In den Monaten rund um den Mauerfall 1989 ist ihr Tagebuch Zeitzeuge des herbeigesehnten und dann doch überraschend schmerzhaften Übergangs von einem Staatssystem zum anderen. Die Journalistin, Redakteurin bei der Frauenzeitschrift FÜR DICH, erlebt den 9. November am Fernsehgerät, zuhause in Marzahn, während ihre zwei Kinder schlafen. Ihre Tagebuchaufzeichnungen druckte die EMMA im Oktober 1990 - mit Reflektionen der Autorin auf die soeben erlebte Zeitenwende. Wir veröffentlichen den Artikel anläßlich des 30. Jahrestags des Mauerfalls hier noch einmal und mit freundlicher Genehmigung der EMMA-Redaktion.