Donnerstag, 2. Juni 2016

"Ich fühle mich nicht als Heldin" Die Journalistin Tabea Hosche filmte ihr Familienleben mit behindertem Kind

Uma und ihre Mutter Tabea: "Wut und Traurigkeit gehören zu meinem Leben."       /  Foto: Kirsten Kofahl

Sie ist ein fröhliches, willensstarkes Mädchen mit einer ausdrucksstarken Mimik. Für ihre Gefühle aber findet Uma nur schwer Worte. „Ich muss mein Kind lesen,“ sagt ihre Mutter, „in der Kommunikation ist sie sehr eingeschränkt“. Tabea Hosche, 37-Jahre alte Fernsehjournalistin aus Berlin, hat das Leben mit ihrer Tochter und deren Behinderung jahrelang gefilmt, von ihrer Schwangerschaft an, erst nebenbei, dann immer gezielter.



Uma hat einen seltenen genetischen Defekt, sie ist geistig beeinträchtigt, kann nicht gut hören und sprechen, sie hat epileptische Anfälle. In diesem Sommer wird die dann Siebenjährige eingeschult. Ihre kleine Schwester Ebba, knapp 4, hat sie in vielen Fähigkeiten bereits überholt. Nun hat ihre Mutter aus dem Material für die WDR-Sendereihe "Menschen hautnah" eine 45-minütige Dokumentation gefertigt. Ein sehr persönlicher Film, so unmittelbar und ungestellt, wie es nur aus nächster Nähe geht. Und so professionell, wie es eben eine Filmautorin kann.

In Fernsehdokumentationen werden Menschen mit Behinderungen oft als Helden dargestellt, bzw. die Mütter von behinderten Kindern als Heldinnen. Du wolltest keine Helden-Geschichte erzählen, warum?

Auch im normalen Leben ist es üblich Mütter mit behinderten Kindern auf einen Sockel zu stellen. Die Leute sagen: „Toll, so was könnte ich nicht.“ Ich fühle mich nicht als Heldin. Ich stehe vor Herausforderungen, die extrem sind, die mich belasten. Manchmal gibt es dann auch in mir drin eine Traurigkeit. Ich gucke meine kleinere Tochter an, die gesund ist und denke, warum kann meine große das nicht? Warum kann die mir nicht erzählen, was sie alles erlebt? Natürlich gibt mir das dann einen Stich ins Herz.
Diese Ambivalenz, die kommt in den Reportagen und Dokus, die ich seit Jahren im Fernsehen sehe, viel zu selten vor. Ich habe oft das Gefühl, mir wird nur erzählt, wie toll jemand zurechtkommt. Dieses Schulterklopfen, das hat für die Zuschauenden etwas Entlastendes.
Aber mir hat das nie gereicht. Ich wollte einen Film machen, der tiefer geht. Wo sich Eltern verstanden fühlen, die in der gleichen Lage sind, die sich vielleicht bisher nicht getraut haben, darüber zu reden. Ich glaube, dass solche offenen Gespräche, wo man wirklich ausdrückt, was man fühlt und denkt, wesentlich besser zu einer guten Debatte beitragen können, als wenn immer nur Positiv-Beispiele gezeigt werden. 

Mit dem Smartphone sind Videoaufnahmen vom eigenen Kind heute Alltag. Was ist anders, wenn eine Filmautorin beschließt, ich dokumentiere mein Leben, meine Familie?

Ich halte ja nicht meine Kamera drauf, egal was passiert, und stell das ins Netz. Der wesentliche Unterschied ist, ich bin Journalistin und habe eine Idee verfolgt, seit ich angefangen habe zu filmen: Ich erzähle aus der Innensicht über unser Leben und ich erzähle möglichst offen und ungeschönt. Nach all den Filmen, die ich gesehen habe, glaube ich, ich habe etwas beizutragen, was es so noch nicht gibt.  
Dieser Film ist ein Film über mich und meinen Mann und wie wir mit der Behinderung unseres Kindes umgehen. Was es mit unserem Leben gemacht hat, wie wir uns damit auseinandersetzen, in welche Konflikte wir hineingeraten. Wir streiten uns im Film sehr offen, nicht einfach um irgendwas, sondern wie wir mit unseren Kindern und bestimmten Problemen umgehen. Das ist wahrscheinlich auch eine Fähigkeit von uns beiden, die wir mitbringen. Wir reden wirklich viel. Die Kamera hat uns teilweise geholfen, die Sachen auf den Punkt zu bringen, also weiter zu reden. Wir haben die Kamera ernst genommen, sie hat uns fokussiert.

Bei Euch zu hause hast Du einfach die Kamera aufs Stativ gestellt und los. Nur bei Arztbesuchen, in der Kita und ähnlichen Außerhaus-Aktionen hat Euch die Kamerafrau Kirsten Kofahl begleitet. Wann hattest Du den Impuls, jetzt will ich drehen?

Ich habe die Kamera oft in Momenten angemacht, wo ich dachte, das trägt zur Geschichte, die ich erzählen will, bei. Also wenn ein wichtiger Arztbesuch anstand, wenn ich wusste, dass eine wichtige Auseinandersetzung mit meinem Mann stattfinden wird oder auch mit Uma selbst, weil sie die Antiepileptika nicht mehr nehmen wollte.
Es gab Momente, wo ich die Kamera zufällig anhatte und nicht wusste, was passieren wird, aber gerade Zeit hatte und plötzlich spielte sich irgendwas ab, zwischen meinem Mann und den Kindern, zwischen Uma und mir. Das war teilweise zauberhaft, dass das so passierte. Gleichzeitig  gab es auch viele Sachen, die ich verpasst habe. Es gibt überhaupt keine gestellten Szenen. Was passiert ist, ist passiert und wenn ich es nicht aufgenommen hatte, dann nicht, fertig.

Wochenlang warst Du mit Strukturieren und Schneiden von rund hundert Stunden Dreh-Material beschäftigt. Wie hast Du entschieden, was Du der Öffentlichkeit zeigst?

In Zusammenarbeit mit meiner Redakteurin Britta Windhoff haben wir die Szenen ausgewählt, die sehr persönlich in unserem Alltag stattfinden und die Auseinandersetzung meines Mannes und mir mit Umas Behinderung beschreiben. Das war das Kriterium, vieles andere ist dann gleich weggefallen.
Ich habe versucht, meine Rolle nicht auszunutzen, dass ich die Autorin des Filmes bin. Es wäre ein Leichtes gewesen, nur die Szenen zu nehmen, die eben schön sind, wo ich hübsch aussehe und gute Sachen sage. Das war meine Maßgabe an mich, dass ich versuche, mit mir schonungslos zu sein und teilweise Sachen reinzunehmen, die mir selbst nicht leichtfielen.
Es gab schon Situationen, wo ich mir das Material angeschaut habe und das, was ich da sage, war mir unangenehm. Ich dachte: Mein Gott, jetzt heulst Du schon wieder! Ich hatte immer den Ansatz, ich möchte keine Super-Tabea vorführen, dadurch habe ich das ganz gut geschafft.

In Magazinbeiträgen fürs Fernsehen berichtest Du selbst über Menschen mit Behinderungen. Bist Du durch Deine Mit-Betroffenheit mehr auf Augenhöhe?

Ich bekomme das von Protagonisten gespiegelt, dass sie sich immer sehr stark verstanden fühlen. Aber es ist nicht so, dass ich als erstes erzähle: Im Übrigen, ich bin auch Mutter eines behinderten Kindes. Das fände ich unprofessionell.
Ich bin schon von den Fragen her, die ich stelle, anders. Durch Uma und unsere Geschichte habe ich keine Angst mehr, an den schmerzhaften Punkten nachzufragen. Ich habe das so in mein Leben integrieren können, dass es dazu gehört, dieses sehr Schwierige, Schmerzhafte, die Wut, die Traurigkeit.
Deshalb bin ich bereit, das zuzulassen und auszuhalten, wenn mir die Menschen dann etwas erzählen, was sie sonst nicht erzählt hätten. Das ist anders als wenn da jemand sitzt, der nur hören will, wie gut sie das doch hinbekommen. Ich kriege oft gesagt, dass meine Filme eine gewisse Ehrlichkeit ausstrahlen und berührend sind. Ich kann mir vorstellen, dass das mit unserer eigenen Geschichte zu tun hat.


"Uma und ich - Glück, Schmerz und Behinderung" in: Menschen hautnah, 2. Juni 2016, 22.40 Uhr WDR.
Auch zu finden in der Mediathek des WDR.

weiterlesen:
Interview im Blog "Kaiserinnenreich": Und wie machst Du das, Tabea?
Rezension des Films im Blog "Kaiserinnenreich": "Ja, so ist das Leben." – Filmtipp: "Uma und ich"

6 Kommentare

  1. Toll, dass Ihr auf den Film aufmerksam macht! Und schön etwas direkt von der Autorin zu erfahren. Die Erfahrung, wie ambivalent eine persönliche, offene, direkte und ungeschönte Dokumentation aufgefasst wird, habe ich auch mit meinem Film "Rosen im Winter" gemacht.Viele Zuschauer*innen haben nicht verstanden, dass es nicht um Servicetipps geht, wie gehe ich beispielsweise mit einem dementen Angehörigen um, sondern darum einfach zu zeigen. wie es ist: Schwierig,verstörend,erstaunlich,absurd und auch komisch. Die Angehörigen, die sich selbst nicht trauten auch zu ihrer Ohnmacht und ihrer Wut zu stehen, waren jedoch für die Offenheit dankbar.

    AntwortenLöschen
  2. Die vielen How-to-do-Videos und -Filme haben das Rezeptionsverhalten verändert.
    Wut und Traurigkeit sind nicht immer leicht zu ertragen und müssen ausgehalten werden.
    Aber bleibt bei eurem Ansatz, Tabea und Dana!

    Margit Schlesinger-Stoll

    AntwortenLöschen
  3. Danke Tabea, ich hab ihre Film mit sehr grosse Interesse gesehen.Wünsche Ihrer kleine sympathische Familie viel Gesundheit,Liebe und Wärme.Grüsse Julia

    AntwortenLöschen
  4. Was für ein besonderer Film. Der Alltag spiegelt wieder wieviele kleine Hürden es gibt zu überwinden und wie ihr als Paar und Eltern an die Grenzen kommt. Und gleichzeitig die schönen Familienmomente. Die Ruhe, die Tabea ausstrahlt ist eine ganz besondere Gabe für Uma und für die Familie. Auch Tabeas Mann spiegelt sehr authentisch wieder, wie es ist ein behindertes Kind zu haben. Viel Kraft weiterhin!!

    AntwortenLöschen
  5. Liebe Tabea, lieber Lazlo,

    vielen Dank für diesen ehrlichen Film! Ich wünsche euch von Herzen alles Liebe und Gute für Eure Familie. Erhaltet Eure Liebe, denn nur mit dieser ist es leichter mit Schicksalsschlägen klar zu kommen bzw. auch die schönen Momente mit Uma sehen bzw. auch geniessen zu können und Liebe weiterzugeben. Ihr macht das super! Wünsche Euch beiden (aber auch Ebba) viel Kraft, Verständnis, Geduld und Liebe. Und Uma wünsche ich ebenfalls nur das Allerbeste und hoffe, das Sie Medikamente bekommen kann, die Ihr gut helfen aber nicht viele Nebenwirkungen haben.
    Alles Liebe
    Fee

    AntwortenLöschen
  6. Vielen Dank für diesen sehr ehrlichen Film! Ich finde es sehr wichtig, das auch gezeigt wird, wie hart an der Belastungsgrenze Familien mit einem behinderten Kind oft sind. Diese Ehrlichkeit tut gut, uns geht es oft ähnlich.

    AntwortenLöschen

Wir freuen uns über Kommentare.
Sie sollten aber fair sein. Beleidigungen haben bei uns keinen Platz.
Da die Kommentare erst geprüft werden, kann es mit der Veröffentlichung einen Moment dauern.