Sonntag, 11. Mai 2014

Strange Fruit - literarische Reportagen der argentinischen Journalistin Leila Guerriero

Buchcover Strange Fruit. Foto:Ullstein-Verlag

"Sie weinen, während sie sterben. Wer mit Blausäure vergiftet wird, weint, während er stirbt ... einen heftigen unkontrollierbaren - demütigenden - Tränenstrom. Der Körper weint, das Blut wird leuchtend rot und der Atem riecht nach Bittermandelöl."


So drückt sich Leila Guerriero aus, wenn sie etwa über den mysteriösen Tod dreier Frauen in Argentinien schreibt und deren wahrscheinliche Mörderin trifft. "Sie war blond. Der Mund eine geteilte Frucht. Eine Verheißung aller Freuden. Jetzt ist sie 73 Jahre alt und starrt mich aus gallertartigen Augen an." Es sind außergewöhnlich literarische Reportagen (Crónicas), die die argentische Journalistin zu einer der bekanntesten und angesehensten Dokumentaristinnen Südamerikas gemacht haben.


Mit Schaudern liest man in ihrem jetzt auf Deutsch erschienenen Buch "Strange Fruit" die preisgekrönte Geschichte über eine Gruppe anthropologischer Foren­sikerInnen, die als Experten für die Identifizierung von Knochenresten jahrelang nach den Vermissten der argentinischen Militärdiktatur suchten. Die 47jährige bereitet jedem Menschen und jedem Ereignis eine Bühne, begleitet einen Mediziner, der sich für Freddie Mercury hält, beschreibt den gesellschaftlichen Niedergang eines 2,30 Meter großen Basketballspielers oder schlendert über den größten illegalen Markt Südamerikas "La Salada", dem keine kapitalistische Ordnungsmacht mehr beikommt.   

 

Die Winde sind es, die eine Geschichte weitertragen 


“Das Einzige, was in der crónica nichts zu suchen hat, ist das, was nicht existiert", schreibt Guerriero in ihrem Vorwort. Ansonsten sei jeder Geschichte beschieden, berühmt zu werden oder dem Vergessen anheimzufallen." Wichtig seien "die Winde, die sie weitertragen". Immer werde sie gefragt, ob sie nicht mal einen Roman schreiben möchte. Doch sie sieht keinen Sinn darin, "aus einer Geschichte, die sich die Mühe gemacht hat, sich derart fesselnd zu ereignen, etwas Fiktives zu machen".


Ein spanischer Rezensent schrieb über Leila Guerriero, sie arbeite "entre el cine y el cincel" - mit den Möglichkeiten des Kinos und des Meißels. Tatsächlich legt sie sehr behutsam und geduldig die Seele ihrer ProtagonistInnen frei, lässt sie in aller Ruhe erzählen und hält sich selbst stark zurück.
 "Ich liebe es, die Wirklichkeit zu betreten wie einen Basar voller Gläser: Ich fasse kaum etwas an und verändere nichts"


*** Leila Guerriero, Strange Fruit, Crónicas, Ullstein, 2014, 272 Seiten, € 19,99

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