Mittwoch, 22. Oktober 2014

Maria von Welser: Krieg gegen die Frauen

Maria von Welser stellt ihr Buch vor.  Photo: Anna Mattes/Terre des Femmes

Entrechtung, Versklavung und Vergewaltigung sind die Waffen des Vernichtungsfeldzugs gegen die Hälfte der Menschheit, schreibt Maria von Welser: "Es ist ein Krieg gegen die Frauen". Die frühere Mona-Lisa-Chefin ist nach Afghanistan, Indien und in den Ost-Kongo gefahren. „Wo Frauen nichts wert sind. Vom weltweiten Terror gegen Mädchen und Frauen“. So der Titel ihres Buches, das sie jetzt auf Einladung von Terre des Femmes in Berlin vorgestellt hat.

Maria von Welser im Gespräch mit Frauen in der Burka, sie selbst mit Kopftuch in einem Klassenzimmer mit jungen Mädchen im Hidschab. Obwohl schon verschleiert, lassen sie sich nur von hinten fotografieren. Die Journalistin hat Fotos von ihren Reisen mitgebracht. Es sind keine grausamen Bilder, die sie bei der Buchvorstellung zeigt. Grausam sind die Fakten, die sie vorträgt.

Afghanistan, Indien und der Ost-Kongo sind laut UN die gefährlichsten Länder der Welt für Frauen und Mädchen. Weil sie nicht wegsehen will, hat sich Maria von Welser auf den Weg gemacht, obwohl  längst im Ruhestand, nach ihrer letzten Karrierestation als Direktorin des NDR-Landesfunkhauses Hamburg: "Ich will den Frauen eine Stimme geben." Seit langem schon beschäftigt die Fernsehjournalistin die Gewalt an Frauen. 1992 hat sie in der ZDF-Sendung "ML-Mona Lisa" die Massenvergewaltigungen in Bosnien zum Thema gemacht. Seitdem sie mit Frauen in Flüchtlingslagern gesprochen hat, will sie "die Dinge benennen, die nicht in Ordnung sind". Und sie engagiert sich, war bis vor kurzem stellvertretende Vorsitzende von Unicef Deutschland. Anderthalb Jahre lang recherchiert Maria von Welser für ihr Buch und berichtet nun über das Unrecht, klagt den Missbrauch an: "Damit der Terror gegen die Hälfte der Menschheit nicht vergessen wird".

Der Terror gegen die Frauen ist ein Skandal


In Afghanistan streift sich die Journalistin die Burka über. Sie will wissen, wie es es sich anfühlt: Es ist heiß darunter, das Kopfteil drückt, erzählt sie. Das engmaschige Augennetz beschränkt das Gesichtsfeld. Nur an der Hand ihrer Kinder überqueren Frauen sicher die Straße. Kein Sonnenlicht kommt an die Haut. Die Burkaträgerinnen leiden an Vitamin D-Mangel. Ihre Lebenserwartung liegt bei 45 Jahren. Sie gehören erst dem Vater, dann dem Ehemann. Junge Frauen träumen davon, Zwangsverheiratungen zu entgehen und das Land zu verlassen. Frauenrechte gibt es nicht in Afghanistan. 

In Indien trifft sie die Eltern von Nirbhaya. So wird die junge Physiotherapeutin genannt, die 2012 nach einem Kinobesuch von sechs Männern vergewaltigt wurde. Sie starb in Folge der bestialischen Misshandlung. Die Mutter ist noch immer fassungslos, was ihrer Tochter angetan wurde. Ganz Indien kann seither nicht mehr über Massenvergewaltigungen hinwegsehen. Alle 20 Minuten wird eine Frau vergewaltigt, so die offizielle Statistik, oft von mehreren Männern. Maria von Welser bezweifelt, ob Polizei und Justiz wirkungsvoll gegen die Gewalt vorgehen. Immerhin gibt es jetzt auch weibliche Polizeieinheiten. Aber das übervölkerte Land ist in Schieflage. 50 Millionen Frauen fehlen aufgrund des systematischen Genozids an weiblichen Föten und Neugeborenen. Maria von Welser: "Schuld ist die Mitgift". Obwohl schon seit 1961 verboten, besteht die uralte Tradition weiter.

Die Zerstörung der Frauen ist die Waffe dieser Kriege


Im Ost-Kongo besucht die Journalistin das berühmte Panzi-Hospital. Jeden Tag kommen schwermisshandelte Frauen hier her. Ärzte und Schwestern sind erschüttert, dass es immer mehr werden. Junge Frauen, in der Seele gebrochen, im Bauch tragen sie das Kind ihrer Peiniger. Nach 15 Jahren Krieg mit 5,4 Millionen Toten terrorisieren Milizen noch immer das zerstörte Land. Es könnte dank seiner Bodenschätze so reich sein, denn in jedem Handy steckt Coltan, ein seltenes Mineral, durch Kinderarbeit gewonnen. 50 Rebellengruppen "ziehen ihre blutige Spur". Sie entführen die jungen Mädchen aus den Dörfern, vergewaltigen sie und zwingen sie zum Dienst an der Waffe.

Ein Buch der Wut, des Zorns und der Hoffnung


Das Buch ist schwere Kost. Das Leid von Millionen von Mädchen und Frauen lässt sich kaum ertragen. Lähmende Ohnmacht prägt so viele Frauenleben. Aber Maria von Welser trifft auch mutige Frauen. Frauen, die sich wehren, die Widerstand leisten und sich nicht unterordnen. Frauen, die sich zusammentun, um sich und anderen zu helfen. Frauen, die ihr Land verändern wollen. Das sind  Lichtblicke voller Hoffnung in diesem wichtigen Buch.



"Wo Frauen nichts wert sind. Vom weltweiten Terror gegen Mädchen und Frauen" 
Maria von Welser, Ludwig Verlag by Random House.


Am 25. November ist der Internationale Aktionstag „NEIN zu Gewalt an Frauen“.

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