Dienstag, 1. November 2016

Die Gründerinnen des Medienlabors - Fünf Fragen an Helga Kirchner und Sibylle Plogstedt


von links: Sibylle Plogstedt, Helga Kirchner  / Fotos: Eva Hehemann

Im kommenden Jahr feiert der Journalistinnenbund sein 30jähriges Jubiläum - vom 30. Juni bis 2. Juli 2017 am Gründungsort Frankfurt. Bis dahin wird der Watch-Salon unter der Rubrik "Fünf Fragen" in lockerer Folge ganz unterschiedliche Kolleginnen unseres Vereins vorstellen, um die Vielfalt unseres Bündnisses und der jeweiligen journalistischen Arbeit zu zeigen. Wir beginnen mit Helga Kirchner und Sibylle Plogstedt, die das "Medienlabor" entwickelt haben. Dessen Ziel ist ein direkter Austausch von Fachfrauen aus einem bestimmten journalistischen Feld mit Kolleginnen aus dem jb und weiteren Gästen. Die bisherigen Veranstaltungen sind unten aufgeführt. Das 5. Medienlabor findet am 8. November 2016 in Frankfurt statt. Thema "Das bisschen Haushalt - Wie Journalistinnen über Ökonomie berichten." Genaue Daten dazu hier.




1. Ihr seid schon lange Mitglied des Journalistinnenbundes. Was fehlte Euch in der öffentlichen Debatte, als Ihr das Medienlabor entwickeltet?


Sibylle Plogstedt (SP): Ich gehörte zum Gründungsteam und war von Anfang an dabei. Nach der Frauenzeitung 'Courage' war es für mich logisch, in einem Berufsverband mit Kolleginnen weiter zu machen.
Helga Kirchner (HK): Ich kam ein Jahr später dazu, als mir bewusst geworden war, dass mir die Gewerkschaft nicht genügt, um meine Interessen zu vertreten. Später haben wir gemeinsam festgestellt, dass Journalistinnen immer noch eine zu geringe Rolle in der Mediendiskussion spielen. Das wollten wir mit dem Medienlabor ändern.
SP: Ausgedacht haben wir es uns am Esstisch der Kollegin Eva Hehemann, als wir nach der Jahrestagung 2010 in der Regionalgruppe Köln/Bonn die Wunschlisten des Worldcafes auswerteten. Da wurde solch ein Gedankenaustausch klar gewünscht.

2. Nach eurem Konzept treffen sich die Referentinnen zunächst zu einem Gespräch auf dem Podium, um das jeweilige Thema dann anschließend in kleinen Gruppen im direkten Diskurs zu vertiefen. Liegt das den Eingeladenen oder tun sich manche schwer mit einem so engen Austausch?


SP und HK: Wir haben niemanden gesehen, die sich mit intensiven Diskussionen schwer tat. Im Gegenteil. Das Gute an dem Wechsel von Podium und Arbeitsgruppen ist, dass die Teilnehmerinnen die Chance haben, sich intensiver mit einem Gast zu beschäftigen und selber Fragen zu stellen.


Diskussion in kleiner Runde beim Medienlabor 2014 in Berlin 

3. Hat euer explizit feministischer Blick auf die Medien schon mal eine Referentin abgeschreckt, oder gehen die meisten heute entspannt mit dem Begriff um? Noch besser, denken die meisten feministisch?


SP und HK : Die feministischen Ansätze finden sich heute vor allem in den Internetmedien, also bei den jungen Kolleginnen. Die Tatsache aber, dass etwa von Yvonne Bauer, Erbin des Bauer-Verlags, bis hin zu Marion Horn, Chefredakteurin der BamS, bisher alle kamen, zeigt vor allem, dass Frauen bereit sind, zu zeigen, was sie erreicht haben. Und darüber zu reden, wie sie mit ihrer Macht umgehen.

4. Ganz herausragend war euer Medienlabor 2013 zur Kriegsberichterstattung, wo alle Professionen auf dem Podium vertreten waren.  Wie kam diese perfekte Runde Kamerafrau, Fotografin, Korrespondentin, freie Kriegsreporterin und Ausbilderin einheimischer Journalistinnen zusammen?


HK: Durch eine kluge und erfolgreiche Einladungspolitik. Nachdem wir Carolin Emcke  gewonnen hatten, zögerte keine der Angefragten lange, zu kommen.
SP: Wie gelungen die Auswahl war, sehen wir heute daran, dass Carolin Emcke kürzlich der Friedenspreis des deutschen Buchhandels verliehen wurde.

5. Beim Medienlabor am 8. November geht es um Wirtschafts-Journalismus. Was erwartet Ihr von den Gästen? Weniger Angst vor der Führungsetage? Weniger Ehrfurcht vor wirtschaftlicher Macht?

 

SP: Wir laden möglichst gleich Frauen aus den Führungsetagen ein. Sie können ein Vorbild für jüngere Kolleginnen sein.
HK: Und wenn sie nicht in Führungsrollen sind, so haben sie sich auf ihrem Gebiet einen Namen erarbeitet und "kuschen nicht vor FürstInnenthronen".



Die Themen der bisherigen Medienlabore:

2013  Die Macht der Konzern- und Verlagserbinnen
2013  Journalistinnen in der Kriegs- und Krisenberichterstattung
2014  Boulevardisierung der Medien
2015  "Brigitte geht in Rente - Wer sind die Enkelinnen?"

Kommentare

  1. Nach wie vor fehlen Frauen auf den Podien bei den großen Medien-Veranstaltungen. Der Journalistinnenbund setzt sich wie proQuote seit Jahren für mehr Frauen in Führung, auf Podien, in Gremien und Jurys ein; die Fortschritte aber sind schleppend. Den männlichen Kollegen fällt es nach wie vor viel zu selten auf, dass sie mal wieder ganz unter sich sind, dass höchstens die Moderatorin einen weiblichen Blick auf das jeweilige Thema wirft, jedoch eher noch auf sie, die Herren der Deutung.

    Nachdem ich an zwei Medienlaboren als dokumentierende Fotografin teilgenommen habe, kann ich diesen Ansatz zur Sichtbarmachung führender Medienfrauen nur in höchsten Tönen loben. Die zur Diskussion eingeladenen Führungsfrauen oder Expertinnen kommen nicht nur gerne, es ist ihnen auch deutlich anzumerken, dass sie diese Form des Austauschs genießen. Und die Gespräche mit den KollegInnen und dem interessierten Nachwuchs finden absolut auf Augenhöhe statt, ohne Star-Allüren.

    Vielen Dank an Sibylle Plogstedt und Helga Kirchner und die anderen Frauen im Medienlabor-Team für diese großartige Initiative und das nicht nachlassende Engagement! Der Erfolg der Veranstaltungsreihe ist mehr als verdient und sollte noch viel mehr Beachtung in der Branche finden.

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