Donnerstag, 18. Januar 2018

Jetzt üben wir mal: Ihr sollt mein Gesicht nicht erkennen

Von Magdalena Köster

Brille aus dem 3-D-Drucker  / Foto: Carnegie Mellon Universität, USA

Sie machen es ja schon, am Südkreuz in Berlin, am Wiener Flughafen, an den Bahnhöfen in London, Brüssel und Paris. Sie scannen unsere Gesichter, vermessen den Abstand der Augen, die Breite unserer Nase, die Form der Wangenknochen, Länge und Form unseres Kinns. Der "Real Time Face Detector" muss uns nur noch ein paar Mal erwischen, um herauszufiltern, ob wir gerade angry, sad oder happy sind. Facebook übt das schon seit Jahren mit Deep-Learning-Algorithmen und dem kostenlosen Schatz der Millionen Fotos auf seiner Seite. Hey, Kolleginnen, da sollten wir uns doch wenigstens hin und wieder unsichtbar machen.

Die Süddeutsche Zeitung nennt die Gesichtserkennung beim iPhone eine beunruhigende Technologie, die an die "Schädelvermesserei des Kolonialismus" erinnere. Ein schon fast niedlicher Vergleich, wird bei genügender Datenmenge ja garantiert auch schon Geschlecht, Alter, Hautfarbe und eben unsere Stimmung ausgespuckt. Was da von den Informatik-Cracks alles so getestet wird, hat Spektrum gut zusammengefasst. Angeblich gelingt ihnen schon fast zu 100 Prozent der Nachweis, ob wir hetero- oder homosexuell sind. Und China zeigt, wie das weitergeht. Flächendeckende Kameras halten "falsche Verhaltensweisen" fest. Wer etwa bei Rot über die Ampel läuft oder sich in der Schlange vordrängt, findet sein Bild, seinen Namen und seine Adresse auf großen Leuchttafeln wieder, den neuen öffentlichen Prangern. Das nennt sich Erziehung zur Selbstdisziplin.


Burka tragen? Schminken? Dicke Sonnenbrille?


Hier also ein paar Tipps für die Journalistin, die in zehn Jahren nicht wegen mangelnder Stromlinienförmigkeit abgestraft werden möchte. Die auf dem Weg zu einer investigativen Recherche wenigstens ihre Quellen schützen will. Die gern mal in einer halbseidenen Bar versumpft oder auch nur ihren zweiten Liebhaber besuchen möchte. Was geht an Gesichtsverkennung? Burka tragen? Wird eh bald verboten. Bunte Tape-Streifen und Schminke quer durchs Gesicht ziehen? Gefährdet die Haut. Irritierung oder Überfütterung der Algorithmen kann mit asymmetrischer und kontrastreicher Bekleidung gelingen. Gute Ergebnisse bringt eine irisierende bunte Brille, die in den USA zum Selberbau getestet wurde (Foto oben). Auch ein glitzernder Helm, herunterhängende Streifen aus einer Rettungsdecke für einen Euro, ein über die Wangen gezogenes Tuch oder eine Ski-Mütze, bedruckt mit einem Muster vieler Gesichter.


Das bringt's. Tuch, Sonnenbrille, Stirnlampe, Luftballon. Fotos: Watch-Salon

Starkes Gegenlicht, ein Luftballon oder eine riesige Kaugummi-Blase vor dem Gesicht mag die Kamera gar nicht. Und vor dieser Camouflage versagt sie völlig: Eine Papiertüte aus dem nächsten Supermarkt für ein paar Cent kaufen. Zwei kleine Gucklöcher reinschneiden und nonchalant an den Kameras vorbei laufen.


 



Fürs nächste Mal zusammenfalten und ab in die Tasche.

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