Freitag, 24. Oktober 2008

Rhabarber aufs Grab


VON MARLIES HESSE

Allerheiligen und Allerseelen stehen unmittelbar bevor. Grund genug, sich den Gedanken an den Tod verstärkt zu nähern, es muss ja nicht gleich der eigene sein. Wer schon mehrfach an Bestattungen teilnahm, kennt die teils längst verstaubten Rituale zur Genüge und wünscht sich Alternativformen, die es zweifelsohne gibt. Zumeist bleiben sie sehr viel nachhaltiger in Erinnerung.
Wer im vergangenen Jahr bei der feierlichen Enthüllung des Gedenksteins für Hedwig Dohm (1831-1919) auf dem St. Matthäuskirchhof in Berlin-Schöneberg dabei war, weiß, was mit einer unkonventionellen Bestattungsszene gemeint ist. Dass das dort angegliederte Café „Finovo“ Berlins einzige gastronomische Einrichtung auf einem Friedhof ist, habe ich erst aus dem Buch von Magdalena Köster „Den letzten Abschied selbst gestalten“ erfahren.

Nach Ankündigungen der Herbst-Neuerscheinungen von JB-Kolleginnen war ich auf diese Veröffentlichung besonders gespannt. Bei der Lektüre des Buches erstaunte mich die Vielfalt an Ideen, so skurril mir auch manche umgesetzte erschien. Dass das „letzte Hemd“ sogar Taschen haben kann, war mir geradezu neu. Farbreich in Totenkleider eingenäht und bestickt, können Briefe, Fotos und Andenken dort hineingesteckt werden. Mit einer Designerin-Empfehlung, sich schon zu Lebzeiten ein Totenhemd zuzulegen, mochte ich mich allerdings nicht unbedingt anfreunden. Dabei ist es ab einem gewissen Alter durchaus sinnvoll, nicht nur eine eigene Vorsorge zu treffen, sondern zugleich auch zu wissen, was man/frau für nahe stehende Tote noch tun kann. Wer weiß schon genau, was erlaubt oder verboten ist und wie BestatterInnen arbeiten. Wer ahnt im Vorhinein, wie teuer eine Beerdigung im Sarg oder in der Urne ist und welche Kosten Alternativen zur Erdbestattung verursachen.
Das alles hat Magdalena Köster passgenau beschrieben und sachgerecht kommentiert. Keine Frage lässt sie unbeantwortet. Fragen, die viele Menschen sich wahrscheinlich noch nie gestellt haben, die aber unausweichlich auf Trauernde und Hinterbliebene irgendwann zukommen. Eindrucksvoll lesen sich auch die einbezogenen Aussagen vieler Menschen, die über persönlich erlebte Formen des Abschiednehmens sprechen.
Nach all den umfangreichen Recherchen sind die Wünsche für die eigene Bestattung der Autorin vorerst offen geblieben. Wie an anderer Stelle zu erfahren, schließt sie für sich eine anonyme und alle „kapriziösen“ Bestattungen aus: „ etwa ihre Asche zu einem Diamanten pressen zu lassen“. Auch mir wäre die Vorstellung lieber, ich bekäme dereinst „Gewürze“ oder „Rhabarber aufs Grab.“

Magdalena Köster: Den letzten Abschied selbst gestalten Alternative Bestattungsformen Berlin: Links Verlag 2008, 200 S., 14,90 Euro

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