Mittwoch, 3. Dezember 2008

China und der schöne Schein

"Die Chemikalie Melamin, die auch in den Bonbons der Marke White Rabbit gefunden wurde, kann bei Kleinkindern zu schweren Nierenerkrankungen führen", steht in einem Artikel der Stuttgarter Zeitung vom 3.12.08 unter der Rubrik "Aus aller Welt". Tatsache ist, dass sich Chinas Gesundheitsminister Chen Zhu lange nicht zu dem größten Molkereiskandal äußerte. Die verunreinigten Lebensmittel tauchten selbst in Baden-Württemberg auf. Insbesondere in importiertem Hirschhornsalz. Ein Lebensmittelzusatzstoff für Lebkuchen. Und die werden ja grade in der Weihnachtszeit bei Kerzenschein gerne gegessen. "Aufgrund der geringen Dosis in den weihnachtlichen Bäckereien bestehe jedoch keine Gefahr", so Agrarminister Peter Hauk in der StZ. Die Kontrolle der globalen Warenströme erfordere aber eine erhöhte Aufmerksamkeit. Allerdings.
"Gegenseitiger Respekt und Aufmerksamkeit" zählt nicht nur international zum guten Ton, sondern insbesondere in Ländern wie China, in denen Kritik eine peinliche Sache ist. Insbesondere vor und nach den olympischen Spielen. Zwar ist China für, aus unserer Sicht, unmögliches Benehmen bei Tisch (Rülpsen, mit vollem Mund brüllen etc.) bekannt. Aber was bei uns nicht ungewöhnlich ist, z.B. Nase putzen in der Öffentlichkeit bei Schnupfen, ist dort eine Peinlichkeit. Wann endlich ist solchen Ländern Gesundheit und Sicherheit wichtiger als Ehre und Prestige, um den schönen Schein zu wahren?
Ein Ansatz war ja der 2007 erlassene "Verhaltensknigge für chinesische Reisende ins Ausland, da das Verhalten einiger chinesischer Reisender ins Ausland nicht vereinbar mit der zunehmenden wirtschaftlichen Stärke der Nation und ihrer wachsenden internationalen Rolle sei". Daher sollen Chinesen im Ausland nicht auf die Straße spucken, auf dem WC rauchen, rülpsen oder Abfall in die Landschaft werfen. Aber wenn China, ein Staat, in dem Pressefreiheit ein Fremdwort ist, schon einen weltweit guten Eindruck machen möchte, dann sollte das Verheimlichen solcher Skandale als absolutes Don´t betrachtet werden. Wenn die Erkenntnis erst dadurch entsteht, wenn deren Exportquote um 92 Prozent einbricht, ist es zwar zu spät - aber es wäre immerhin ein Teilerfolg, wenn überhaupt eine Erkenntnis vorliegt, dass ein Zusammenhang zwischen Ehre, Ehrlichkeit und Ertrag besteht.
Ansehen kann man auch dadurch erreichen, dass man darauf verzichtet, den schönen Schein zu wahren, sondern die Wahrheit sagt. Ohne kritischen Journalismus wüsste keiner etwas davon. Kompliment und Respekt für die Auslandskorrespondenten, die in solchen Ländern recherchieren und scheinheilige Presseerklärungen kritisch unter die Lupe nehmen.

Kommentare:

Tina Groll hat gesagt…

Wie sieht es denn in China mit dem Knigge aus? Sind Entschuldigungen und Stellungnahmen etwa unhöflich??

Angelika Knop hat gesagt…

Dass sich Politiker (wahlweise einsetzen: Banker, Manager...) ungern öffentlich entschuldigen, ist kein rein chinesisches Problem. Das gibt es überall. Dort, wo eine unabhängige Kontrolle (Presse, Gerichte etc.) existiert, müssen sie das aber eben doch manchmal. Oder da, wo es die Tradition verlangt, wie in Japan.
Dass auch wir von dem Melamin-Skandal erfahren haben, liegt sicher auch an deutschen Auslandskorrespondenten - aber ein Skandal von solchen Ausmaßen lässt sich selbst in China nicht auf Dauer verheimlichen. Öffentliche Proteste gibt es auch dort. Nirgendwo auf der Welt lassen Eltern ihre Kinder gerne vergiften - egal, welcher Etikette sie sich verpflichtet fühlen.

Silke Schneider-Flaig hat gesagt…

Wie es in China mit dem Knigge aussieht? Die regierende Kommunistische Partei hat 2007 einen "Verhaltensknigge" für chinesische Reisende ins Ausland erlassen, da "das Verhalten einiger chinesischer Reisender ins Ausland nicht vereinbar mit der zunehmenden wirtschaftlichen Stärke der Nation und ihrer wachsenden internationalen Rolle" sei. Daher sollen Chinesen im Ausland nicht auf die Straße spucken, auf dem WC rauchen, rülpsen oder Abfall in die Landschaft werfen. (Hab mal was dazu geschrieben, siehe Link, aber Abruf ist kostenpflichtig.)http://www.akademie.de/arbeit-leben/karriere/tipps/beruf-und-karriere/china-knigge-business-etikette.html - Bei der Botschaft gibt es aber allgemeine Infos auf deren Homepag: www.deutsche-botschaft-china.org
Entschuldigen fallen oft, aber Stellungnahmen (Ablehnung, Kritik)sind ein Fall für sich. Kritik: Jede Art wird schnell persönlich genommen. Und kritische Presse ist staatlich unerwünscht...