Samstag, 6. Dezember 2008

Discovering: Undercover


Undercover-Recherche - ein Spiel mit einer Maske.
FOTO: GUCCINO

Anfang November versammelte sich eine kleine Gruppe investigativ arbeitender Journalistinnen und Journalisten in der Theodor-Heuss-Akademie in Gummersbach. 2/3 Männer, 1/3 Frauen -darunter viele Berufseinsteigerinnen. Ein Wochenende auf dem Berg - das Netzwerk Recherche hatte die Fachtagung dem Stiefkind der investigativen Recherche, die Undercover-Recherche, gewidmet. Günther Wallraff, der wohl bekannteste Vertreter dieser Gattung, sollte in einer Werkstatt von seinen Methoden berichten. Daneben waren zahlreiche ReferentInnen geladen, die mit ihren verdeckten Recherchen für Aufsehen gesorgt hatten. Neben einer Riege männlicher Referenten waren allerdings nur zwei Referentinnen vorgesehen.
Überschaubare Frauenquote
Wallraff kam nicht - und auch nicht Andrea Röpke, die 2007 von der Journalistenvereinigung den Leuchtturmpreis für ihre mutigen Recherchen unter Neonazis erhalten hatte. Grund: Die Rechten hatten einen Rechtsstreit begonnen, Röpke musste schnellstmöglich reagieren. Blieb also nur noch eine - Nicole Althaus, die verdeckt im katholischen Beichtstuhl recherchiert.
Die geringe Frauenquote unter den Referentinnen - und das sei an dieser Stelle klar betont - liegt keineswegs an dem Rechercheunvermögen der das Seminar planenden Kollegen vom Netzwerk Recherche. Es gibt zum einen weniger Frauen unter den investigativ arbeitenden JournalistInnen - und noch viel weniger, die undercover recherchieren!
Das hängt zum einen mit den Themen zusammen: Undercover-Recherche wird vor allem dort eingesetzt, wo es konspirativ zugeht: In Sekten, im Rotlichtmileu, bei Neonazis, Rockern, in Zirkeln der Macht. Das sind meist alles Räume, zu denen Frauen häufig immer noch keinen Zutritt haben. Für eine investigativ arbeitende Journalistin, die sich dieser Themen annimmt, bleibt da meist nur die offene Recherche - eine Undercover-Recherche ist oft nur bei einem klassischen Frauenthema möglich. Mit Frauenthemen ist aber nicht unbedingt Auflage oder Quote zu machen.
Zermürbende Klagen:
Hinzu kommen die schier unbewältigbaren Schwierigkeiten, die Journalisten im Undercover-Einsatz begegnen: Klagen, - meist Schadensersatzklaren - die oftmals in die schwindelerregende Höhen gehen. Diesen Weg entdecken immer mehr undercover Ausgespähte. Rechtsextreme Parteien und braune Organisationen können sie die besten Anwälte nehmen, Tierversuchs-Firmen sowieso, frei arbeitende Journalisten können sich oftmals nicht mal eine Rechtsschutzversicherung von ihren spärlichen Honoraren leisten. So ging der Bericht von Friedrich Mülln, der undercover grausame Affenversuche in einem der größten Tierversuchslabore Europa dokumentierte, unter die Haut. Die Honorare der aufwendigen, monatelangen Recherchen des freien Journalisten deckten nicht einmal die angefallenen Kosten. Als das Unternehmen klagte, hätte das ZDF, wo sein Bericht in der Sendung Frontal21 lief, nicht hinter ihm gestanden. Mülln, nur durch die Gewerkschaft versichert, gewann den Prozess nach vielen Monaten dennoch. Aber er hat den Glauben an die Medien verloren. Heute arbeitet er für NGOs und Privatleute. Als Journalist möchte der Tierschützer nicht mehr tätig sein.
Ähnlich geht es "Thomas Kuban", der ebenfalls 2007 den Leuchtturm-Preis erhielt und seit Jahren verdeckt unter Neonazis recherchiert. Zahlreiche Konzerte hat er filmisch dokumentiert, setzt immer wieder sein Leben aufs Spiel. Aber die Sender seien der Szenen überdrüssig. Das Geschäft liefe immer schlechter, das Interesse an einer Berichterstattung nehme stetig ab, erzählte Kuban, der in Gummersbach ebenfalls verdeckt auftrat. Ideenlos ist der Undercover-Rechercheur aber nicht: Derzeit arbeitet er an einem Kinofilm, der voraussichtlich ab Februar seine Recherchen zeigen soll. Finanziert in Eigenregie.
Auch die Berichte von Medienjournalist Volker Lilienthal und dessen Rechtsanwalt Helmut Graf bestätigten die Schilderungen: Lilienthal deckte die Schleichwerbung in der ARD auf - und wurde verklagt. Sein Arbeitgeber und der DJV standen hinter Lilienthal, nach zermürbenden Monaten gewann Lilienthal. Aber der fade Eindruck bleibt: Um ein Undercover-Recherche-Ergebnis auch durchsetzen zu können, braucht es mehr als wasserdichte Recherchen: Viel Geld, beste Anwälte und einen Richter, dem an Pressefreiheit etwas gelegen ist.


Mut für mehr verdeckte Recherchen
Ganz anders dagegen die Berichte des ehemaligen STERN-Rollenreporters Gerhard Kromschröder. Als Türke, Neonazi, Rocker, Giftmüllkutscher und Beichtender in Betstühlen war in den 70er und 80er Jahren unterwegs. Die Recherchekosten zahlte der STERN - und natürlich gab es auch Rückendeckung in Rechtsstreitereien. "Der STERN hat sich mit meienr Arbeit identifiziert. Das ist heute möglicherweise nicht mehr so", erklärt sich der Journalist den Wandel. Staunen bei den Jüngeren - noch viel mehr Fragen bei den Berufseinsteigerinnen. "Für Frauen scheint es noch viel weniger Möglichkeiten zu geben, verdeckt zu recherchieren", glaubt eine Journalistikstudentin aus Dortmund. Dabei gäbe es Themen genug. Darin waren sich am Ende der Tagung die Teilnehmer einig. Neben Respekt und Hochachtung für die undercover arbeitenden Kollegen hat die Fachtagung Mut gemacht, diese Königsdisziplin der investigativen Recherche neu zu entdecken - und Solidarität mit jenen zu zeigen, die mit beispielhaftem Mut diese Methode einsetzen. Es wäre ein Gewinn für den Journalismus, wenn sich auch mehr Frauen dazu entschließen, undercover zu arbeiten. Jedoch, ruft Kromschröder in Erinnerung, sollte man nur verdeckt recherchieren, wenn es keine andere Möglichkeit gibt, an die Informationen zu gelangen.

1 Kommentar:

Angelika Knop hat gesagt…

Da sieht frau/man ganz deutlich, warum das "Netzwerk Recherche" notwendig ist. Investigativer Journalismus braucht dringend Unterstützung. Vielleicht ist das Modell einer Stiftung, wie es sie in den USA gibt, doch gar nicht so dumm.