Sonntag, 25. Januar 2009

Im Namen welcher Ehre?


Amman: Ich kann mich sicher in der Stadt und überall auf dem Land bewegen, kann jederzeit mit dem Taxi (= öffentlicher Nahverkehr) in die verschiedenen Stadtteile fahren, ich habe nicht einmal Angst um meine Tasche. Die Kriminalitätsrate ist niedriger als in vielen westlichen Städten. Für muslimische Frauen gibt es diese Sicherheit allerdings nicht.
Innerhalb der ersten 20 Tage des neuen Jahres brachten in Amman zwei Brüder ihre jüngeren Schwestern im Namen der „Familienehre“ um. Gleichzeitig wurde eine Frau, die ihren gewalttätigen Ehemann umbrachte. zum Tode verurteilt (Quelle: Jordan Times).

Ein 17jähriger hatte von Freunden gehört, dass ein Mann seiner 13jährigen Schwester einen Zettel mit seiner Telefon-Nummer zugesteckt hatte. Das Mädchen hatte gerade selbst seiner Mutter darüber berichtet, als der Bruder ins Haus stürmte, auf dem Kopf der Schwester herumtrampelte und sie mit 30 Messerstichen tötete. Der Polizei war wichtig, ob er wohl „gute Gründe“ hatte und ordnete die körperliche Untersuchung des toten Mädchens auf „Jungfräulichkeit“ an. „Das Opfer war bisher nicht sexuell aktiv“, hieß das Ergebnis.

Der nächste Bruder tötete seine 21jährige Schwester mit drei Schüssen in Kopf und Brust, nachdem die sich von ihrem Mann getrennt hatte und der sich bei ihrer alten Familie über ihren „schlechten Ruf“ beschwert hatte. „Meine Schwester war ohne mein Wissen ausgegangen“, begründete der Bruder gegenüber der Polizei seine Tat.

Etwa 20 Frauen werden in Jordanien pro Jahr aus ähnlichen Gründen umgebracht. Vertrauen deren Mörder auf bisherige Urteile zu der unsäglichen Familienehre, so können sie ihre Prozesse beruhigt abwarten. In den meisten Fällen kommen die Täter mit ein paar Monaten Haft davon. Wichtig ist, dass sie ganz schnell morden, denn „wer innerhalb so kurzer Zeit tötet, kann ja nicht mit Vorsatz getötet haben“, sagen dann die Richter.

Frauen erhalten die Todesstrafe


Eine 25jährige Frau und Mutter zweier Kinder, die mit 15 Jahren mit einem fünf Jahre älteren Mann verheiratet worden war, konnte damit nicht punkten. Nachdem ihr Mann sie zehn Jahre lang körperlich und seelisch missbraucht hatte, wie sie angab, vergiftete sie ihn mit Pflanzengift, versuchte ihn anzuzünden, zerteilte seine Gliedmaßen und versteckte sie in einer Tonne. Was muss alles passiert sein, bevor jemand so wütet?
Die Richter interessierte das wenig. Sie verurteilten die Familie der Frau zur Zahlung eines Opfergelds von 55.000 Dinar und fällten über sie selbst das Todesurteil. Innerhalb der nächsten vier Wochen kann die Verteidigung Widerspruch einlegen.

Das zumindest in Jordanien ausführlich über diese Praxis berichtet wird, liegt neben dem ausdrücklichen Wunsch des Königshauses, dieses himmelschreiende Unrecht zu beenden, sehr an der Journalistin Rana Husseini. Die Arbeit als Polizei-Reporterin bei der Jordan Times machte sie zur Feministin. Was andere Frauen von diesen „Ehrenmorden“ in muslimischen Kulturen und ihrer Deckung durch die Justiz halten, lässt sich hier nachlesen.

Kommentare:

Silke Schneider-Flaig hat gesagt…

Der Satz: ""In den meisten Fällen kommen die Täter mit ein paar Monaten Haft davon. Wichtig ist, dass sie ganz schnell morden, denn „wer innerhalb so kurzer Zeit tötet, kann ja nicht mit Vorsatz getötet haben“, sagen dann die Richter."", klingt unlogisch. Vielleicht Übersetzungsfehler? Denn nicht jeder Totschlag ist ein Mord. Eigenlich müsste diese Behauptung lauten "..., dass sie ganz schnell töten, denn wer innerhalb so kurzer Zeit tötet, kann ja nicht mit Vorsatz gehandelt haben, so dass der Tatbestand Mord nicht verwirklicht worden ist..."
Gilt dort auch "in dubio pro reo", also im Zweifel für den/die Angeklagte(n)? Oder gelten Frauen automatisch als schuldig, es sei denn, sie können ihre Unschuld an der Verwirklichung eines vermeintlichen Straftatbestands beweisen? Klingt so, als ob "im Zweifel Freispruch für den Mann" gilt?

Frauke Hinz, Amman hat gesagt…

Solange die Jordanische Rechtssprechung bei diesen "Ehrenmorden" die sharia zugrunde legt, wird sich an den Urteilen nichts ändern. Weibliche Juristinnen und Feministinnen sowie mutige Journalistinnen wie z.B. Nermeen Murad von der Jordan Times fordern seit langem eine Änderung der Gesetzgebung, nicht zuletzt um auch minderjährige Mädchen vor Zwangsverheiratung zu schützen. Diese mutigen Frauen haben einen langen Kampf vor sich, dem man nur Respekt zollen kann.

Magdalena Köster hat gesagt…

Ich habe über diese skandalösen richterlichen Urteile in den letzten Monaten mit verschiedenen Menschen gesprochen, Deutschen, die schon zwanzig Jahre in Amman leben, steng muslimisch lebenden Jordanierinnen und diversen anderen. Es ist die Justiz, die sich nicht bewegt, trotz langjährigem Druck aus dem Königshaus etc. Es ist tatsächlich so, dass immer und immer wieder Männer nach einem solchen Mord nur für ein paar Monate - sozusagen pro forma - eingesperrt werden. Unter dem Namen der "Familienehre" scheint alles möglich zu sein und die Tötung einer Frau wird als unumgänglich angesehen. Da dient die Behauptung "er hat es ohne Vorsatz getan" nur zusätzlich als reines Deckmäntelchen.