Montag, 10. Mai 2010

Pro lesbische Liebe

Cover "Frauengeschichten, Wallstein Verlag

„Frauengeschichten – Berühmte Frauen und ihre Freundinnen“ heißt der neueste Band des Herausgeberinnen-Teams Luise F. Pusch und Joey Horsley. Frauengeschichten ist dabei in zweierlei Hinsicht zu verstehen: Zum einen erzählen die Autorinnen hier Biografien von Frauen, zum anderen Liebesgeschichten von Frauen mit Frauen. Dabei werden allerdings auch die Männerbeziehungen von Frauen berücksichtigt. Auch die „Freundinnen“ im Titel lassen Deutungen zu: Hier ist jedoch immer die Liebe im Spiel, so dass sich die Geschichten nicht etwa um „gewöhnliche“ Freundschaften drehen. Nach dem Band „Berühmte Frauenpaare“ aus dem Jahr 2005 machen die Herausgeberinnen ihre Leserinnen erneut mit interessanten mehr oder minder lesbischen Persönlichkeiten vertraut. So zum Beispiel Catharina Margaretha Linck, die zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges als Mann verkleidet lebte, als Söldner diente, drei mal die gleiche Frau heiratete uns schließlich aufflog und hingerichtet wurde. Oder mit der Frauenrechtlerin und Schriftstellerin Mathilde Franziska Anneke und ihren geliebten Freundinnen Mary Booth und Cäcilie Kapp. Auch Erika Mann und Christa Winsloe („Mädchen in Uniform“) sind mit von der Partie.
Präzise und offensichtlich sorgfältig recherchiert führt das Buch durch die Zeit lesbischen Liebens vom frühen 18. bis zur Mitte des vergangenen Jahrhunderts. In den kurzweiligen Texten finden sich auch immer wieder Verweise auf den geschichtlichen Kontext, in den die Biografien einzuordnen sind, vor allem was den Status der Frauenliebe in der Gesellschaft anbetrifft. Die Autorinnen zitieren historische Quellen und Sekundärtexte von Forscherinnen, interpretieren Gedichte und Briefe ihrer Protagonistinnen. Die Leserinnen erhalten Einblicke in das Seelenbleben der Frauen und erfahren viel Dramatisches.
„Was sie entdeckten und lebten, bleibt für uns heute ein reiches, anregendes Erbe“,
 schreibt Joey Horsley treffend im Vorwort über die porträtierten Geliebten. Und Luise F. Pusch kritisiert im Nachwort, dass prominente Lesben – aus gutem Grund- immer noch viel zu wenig sichtbar sind. Der vorliegende Band ist sowohl identitätsstiftend für Frauen liebende Frauen als auch macht er deutlich, dass diese Liebe in den vergangenen zwei Jahrhunderten mitten in der Gesellschaft stattgefunden hat. Und die Geschichten zeigen, wie stark sexuelle Identitäten vom
„sozialen, politischen Umfeld und den Interessen der jeweils tonangebenden Kreise geprägt sind und sich im Laufe der Zeit wandeln“,
wie Pusch feststellt. – Ein Pro für die lesbische Liebe.

Joey Horsley und Luise F. Pusch (Hg.): "Frauengeschichten - Berühmte Frauen und ihre Freundinnen", Wallstein Verlag, 320 Seiten, 24,90 Euro

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