Freitag, 8. Juni 2012

Polit-Grabscher der Bonner Republik

Kossers Buch - unbedingt lesenswert

Die achtziger Jahr in der deutschen Politik. Gerade mal jedes zehnte Wesen im Bonner Bundestag ist weiblich. 468 männliche Berichterstatter blicken zum großen Teil herablassend auf 61 Kolleginnen. "Wir  kamen in keinen einzigen Hintergrundkreis hinein", berichtet Ursula Kosser, damals junge Korrespondentin des Spiegel, in ihrem Buch "Hammelsprünge - Sex und Macht in  der deutschen Politik" (Dumont). Wer die alten Aufnahmen aus dem Bundestag sieht, kann sich die Politgrabscher der Bonner Jahre so richtig vorstellen, selbst Angela Merkel musste sich noch 1994 von Norbert Blüm und Co. antatschen lassen.


Heiner Geissler, heute gern der große alte Mann der CDU, war damals ein oft bösartiger Generalsekretär, der jovial verkündigte:
"Wir haben nichts gegen alte Männer, wir haben auch nichts gegen alte Frauen, wir haben auch nichts gegen junge Frauen. Sie schauen sich zum Teil ganz passabel an. "
 Die von Kosser gesammelten Zitate sind so entlarvend, dass sie in Nullkommanix den alten Mief wieder aufwirbeln, der auch 2012 bei jedem "jungen Huhn", "Schäfchen" oder "Mädchen" Übelkeit auslöst - und bei vernünftigen Zeitgenossen Fremdschämen:

Eine junge Reporterin hält bei einer Rede des damaligen Verteidigungsministers X ihr Mikro zwischen den Kollegen von ARD und ZDF hindurch und sagt höflich "darf ich von hinten zuhören?" Darauf der bekannte Schürzenjäger von der Hardthöhe: "Stört gar nicht, schöne Frau, Sie wissen ja: Männer kommen immer gerne von hinten."

Anderer Ort, anderer Mann: "Wollen Sie eigentlich keine Kinder?" Ruft dann seiner Sekretärin im Vorzimmer zu: "Schließen sie mal die Tür, ich kann ihr dabei helfen."

Nachdem eine junge Volontärin einen Termin versiebt hat, meint ihr Vorgesetzter: "Ihnen gehört die Klitoris mit dem stumpfen Messer abgeschnitten."

Der Leiter einer Nachrichtenagentur zu einer Kollegin auf Jobsuche: "Es sind schon ganz andere auf den Brustwarzen aus diesem Büro gekrochen."

"Darf ich heute dein Innenminister sein", fragt der deutsche Außenminister X die junge Korrespondentin.

Als vor allem die Grünen beginnen, andere Umgangsformen im Parlament einzuklagen, meint einer: "Wenn das jetzt anfängt: ich zeige dann jede Frau mit kurzem Rock an, denn das ist Aufforderung zur sexuellen Belästigung."

Ursula Kosser bekommt übrigens viele Reaktionen, Anrufe, emails und Briefe. Der Tenor: "Soll ich Ihnen mal  ´ne Geschichte erzählen? Das, was Sie da schreiben, hat sich nur marginal geändert."

1 Kommentar:

Silke Schneider-Flaig hat gesagt…

Gut, dass Angela Merkel sich Respekt verschafft hat. Respekt!