Sonntag, 19. August 2012

Pussy Riot - religiöser Hass?

Nadeschda Tolokonnikowa, Foto: Denis Bochkarev

"Rowdytum aus religösem Hass" lautete die Anklage gegen die Punkband Pussy Riot, und genau dafür wurden Nadja Tolokonnikowa, Maria Aljochina und Katja Samutsewitsch am vergangenen Freitag auch verurteilt. Doch was bedeutet eigentlich "religiöser Hass" in diesem Fall?

Wie er in den russischen Gesetzbüchern definiert ist, kann ich nicht beurteilen. Als Jounrnalistin kann ich mich nur auf mein Sprachgefühl verlassen, und danach ist Hass zunächst einmal eine Emotion. Eine Emotion, die den drei Musikerinnen als Motiv für ihre Protest-Aktion in der Moskauer Erlöser-Kathedrale unterstellt wird. Man kann den Begriff auf zweierlei Weise deuten: Hass auf eine Religion - in diesem Fall die russisch-orthodoxe. Oder Hass aus religiöser Überzeugung - etwa aus einer Art Satansglauben heraus, was die Richterin Syrova in ihrer langen Urteilsbegründung gelegentlich zu suggerieren schien.

Für keine der beiden Deutungen gibt es im Verhalten oder in den Texten von Pusy Riot irgendeinen Anhaltspunkt. Im Gegenteil, es ist zu lesen, dass Maria Aljochina gläubig ist, die beiden anderen - die Philosophin Nadja und die Informatikerin Katja - sind es wohl eher nicht. Gemeinsam haben sie in der Kirche ein "Punkgebet" vorgetragen, dessen Text auf deutsch dokumentiert ist und das ja wohl am ehesten Auskunft darüber geben kann, wie es um die religösen Gefühle der jungen Frauen wirklich steht.

"Göttlicher Dreck, Dreck, Dreck" ist wahrscheinlich die angreifbarste Zeile in diesem zornigen Gebet, manche Kommentatoren haben das auf Putin bezogen und geschrieben, die Pussys hätten ihn als "Scheiße Gottes" verunglimpft. Und wenn es so wäre? Es wäre eine Beleidigung für den russischen Präsidenten, aber ist es eine Beleidigung Gottes? Darf er keine Fehler machen, keinen Dreck oder gar Scheiße produzieren? Viel Böses und Schlimmes ist nun einmal in der Welt, und warum der christliche Gott das zulässt, darüber haben sich schon Generationen von Theologen den Kopf zerbrochen. Keiner von ihnen wurde deswegen des religiösen Hasses bezichtigt.

Auf der anderen Seite steckt in dem Punkgebet auch viel religiöse Hoffnung. Da ergeht der Appell an Maria: "Muttergottes, du Jungfrau, vertreibe Putin!" Und: "Mutter Gottes, du Jungfrau, werde Feministin!" "Die Jungfrau Maria ist bei den Protesten mit uns!" Religiöser Hass? Nein, die Vereinnahmung einer religiösen Figur für die politische Sache, speziell für die Sache der Frauen. Auch dies etwas, was Tradition hat in einem politisierten, widerständigen Christentum.

Und wer nicht daran glaubt, kann diese poetischen Passagen auch anders lesen: als Erinnerung an die Werte, für die Jesus Christus einst eingestanden ist und die nach Ansicht der Protestierenden in der Staatskirche verkommen sind: "Der Patriarch glaubt an Putin. Besser sollte er, der Hund, an Gott glauben."

Es gibt eine spirituelle Dimension im Protest von Pussy Riot. Es gibt eine moralische Fundierung, bei der sich die Philosophin Tolokonnikowa unter anderem auf Kant beruft. Es sind gebildete Frauen, die die europäischen Traditionen gut kennen. Nicht umsonst hat Nadja ihre kleine Tochter "Gera" genannt, nach Hera, der Gottesmuter der alten Griechen.

3 Kommentare

  1. Danke für den Hinweis zum Original-Text. Am besten gefällt mir der Aufruf an den Patriarchen, nicht an Putin, sondern an Gott zu glauben. Jetzt hoffe ich mal, das die Lagerhaft auf ein Jahr reduziert wird, wie russische Medien berichten. Oder, wie sich die Zeitung "Komsomolskaja Prawda" auszudrücken beliebt: "(das sie)diese Idiotinnen freilassen, damit sie ihre Kinder und Angehörigen wiedersehen können".

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  2. "Religiöser Hass" scheint im russischen Strafrecht im vorliegenden Fall im weitesten Sinne eine Art "Auffangtatbestand" (im Fall Pussy Riot eher "Ausrede") zu sein, wenn befangenen Entscheidungsträgern nichts plausibles mehr einfällt.

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  3. Auch Jesus, Luther, Gandhi und viele andere haben in Kirchen demonstriert, schreibt der Theologe Harvey Cox im Boston Globe und fordert Putin und den Patriarchen auf, auf Pussy Riot zu hören.

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