Montag, 6. Mai 2013

Managerin oder Krankenschwester: Wider die versteinerten Bilder zum Muttertag

"Die glückliche Mutter" - wie einfach die Welt doch sein könnte.  Alfred Stevens (1823–1906)
„Aufstehen, Kinder fertig machen, Pausenbrote schmieren, zur Schule bringen.“
Der nahende Muttertag ist eine wunderbare Gelegenheit, mit ausgelutschten Phrasen alte Klischees zu zementieren. Das versteinerte Bild der Ur-Mutter in die Vitrine zu heben. Den Blick ja nicht auf mehr als die Oberfläche zu richten, unter der die wahren Themen schlummern könnten: die Vorbildansprüche, der Balanceakt, die Absprachen mit dem Vater (oder der anderen Mutter), die minutiös austarierten Pläne und Kompromisse, die im letzten Moment über den Haufen geworfen werden müssen.

Nicht nur, weil die Pressemitteilung, aus der diese Sätze stammen, einer Dauerwerbesendung gleicht, schlägt sie mir aufs Gemüt wie Propofol:

Sondern vor allem auch wegen des Unwillens, sich mal was Neues einfallen zu lassen. Sowohl beim Texten solch seichter Berieselung als auch beim Schenken am Muttertag. Ist es doch für den Vater viel einfacher, ihr ein Mal im Jahr Blumen (oder eben das neue was-auch-immer-Gesundheits-Gerät) mitzubringen, als sich ernsthaft mit ihren Sorgen, Problemen aber auch Erfolgserlebnissen auseinanderzusetzen.
„Haushalt, Mittagessen kochen, bei den Hausaufgaben helfen und noch viel mehr: Mütter sind die Manager [sic] der Familie.“
… denn auch Managern (natürlich sind es männliche Manager, mit denen hier verglichen wird) raucht bekanntlich der Kopf, wenn es intellektuell mal über das kleine Einmaleins auf Hausaufgabenniveau hinausgeht. Ach, wenn es sich doch so schön vergleichen lässt, warum diskutieren wir dann über eine Herdprämie von 1800 Euro im Jahr, wenn doch tatsächlich ein Managergehalt von einigen Millionen Euro angemessen wäre? Nein-nein, wirklich ernst meinen wir das mit der Managerin natürlich nicht, es ist eine Metapher, ein Sinnbild, entschuldigt, falls wir uns da missverstanden haben. Wir wollen sie gerne Managerin nennen, wir wollen ihr gerne sagen, dass sie den anstrengenderen Job von beiden hat, und wir lächeln dabei zuckersüß, denn wir nehmen es uns ja selbst nicht ab, wenn wir das sagen.

Hier mein Vorschlag für einen Muttertagstext:

Mütter reißen sich auseinander im Spagat zwischen Beruf, Erziehung und den eigenen Wünschen. Und trippeln doch, die Füße eng voreinander, auf dem schmalen Grat zwischen Strenge, Liebe, Freiheit und Nachlässigkeit.

Mütter wollen ihren eigenen Weg finden dürfen. Sie wollen die Palette von Ganztags-Kita bis Vollzeitmutter vor sich ausgebreitet bekommen. Und dann wollen sie die Freiheit haben, sich für eine Schattierung zu entscheiden. Ohne dass ihnen Verwandte, Freunde, Kollegen, Peer- und Pressuregroup jede mögliche Variante madig machen und sie sich, egal was sie wählen, als Versagerinnen fühlen. Während er, egal was er macht, entweder volles Verständnis bekommt („er hat ja das höhere Gehalt, von irgendwas muss die Familie ja leben“) oder als „neuer Vater“ gefeiert wird.

Mütter wollen manchmal streiken. Er könnte ja auch mal richtig Vater sein. Nicht nur für die zwei Vätermonate, in denen er endlich Zeit hat, auf den Halbmarathon zu trainieren, weil sie, die Mutter, natürlich nicht für 60 Tage einen Vollzeitjob annimmt. Und nicht nur an dem einen Tag im Jahr, an dem er seine Kleine stolz mit in den Betrieb bringt, wo alle Kolleginnen und Kollegen ihr über den Blondschopf streicheln dürfen. Kurz: Wenn Väter echte Väter wären, müssten wir nichtmehr lobende Portraits über berufstätige Mütter und ihre Doppelbelastung lesen. Oder sogar Dreifachbelastung, denn Ehefrau ist sie ja auch und... Ja. Keine Ahnung.

Mütter wollen nicht heuchlerisch Managerin genannt werden. Realistischer wäre es, sie in ihrem Mutter-Nebenjob als Krankenschwester zu titulieren, als Taxifahrerin und Küchengehilfin, als Putzfrau und Kindergärtnerin. Berufe, die ebenfalls kaum Anerkennung erhalten und doch ständiges Abwägen beinhalten und Verantwortung, zwar nicht für Milliardensummen, aber doch für ein, zwei kleine Menschenleben. Berufe, die Körper und Geist ebenso schlauchen wie ein Tag im Büro oder auf dem Bau. Und vielleicht wollen Mütter nach solch einer Schicht einfach nur in den Sessel sinken, die Füße hochlegen, die Tagesschau anschalten, ein kühles Bier (oder einen Bailys) gebracht bekommen und ehrlich gefragt werden: „Schatz, wie war dein Tag?“

Gerne auch am Muttertag.

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