Donnerstag, 19. September 2013

NSA-Affäre: Juli Zeh kratzt am Schweigen der Regierung

Ausschweigen und aussitzen - aber nicht mit Juli Zeh Foto: Bildforyou7, cc-by-sa

Die letzten Monate war ich sprachlos. Über das konsequente Schweigen von Angela Merkel zur NSA-Affäre. (Kindsköpfiges Motto: Ich halt mir die Augen zu, dann sieht niemand das Monster!) Über Innenminister Friedrichs realitätsferne Sicht zur Affäre. Darüber, dass teilweise fast täglich auf der Titelseite der SZ ein neuer kleiner NSA-Skandal präsentiert wurde. (7.9.: "Geheimdienste lesen auch verschlüsselte Daten mit"; 9.9.: "NSA kann fast alle Smartphones knacken"; 16.9.: "NSA späht auch bei Kreditkartenfirmen". Die Überschrift "Merkel geht auf Distanz zu Obama" allerdings meinte nicht Prism, sondern den Syrien-Konflikt.) Und auch darüber, dass Deutschlands Bürger jedes neue Detail einfach hinzunehmen schienen.

Ich war sprachlos. Und dann kam die Schriftstellerin Juli Zeh, die sich schon früher klar gegen den Überwachungsstaat gestellt hatte. Zeh schrieb einen schnörkellosen offenen Brief an Merkel, der mir aus der Seele schrie: "Das Grundgesetz verpflichtet Sie, Schaden von deutschen Bundesbürgern abzuwenden. Frau Bundeskanzlerin, wie sieht Ihre Strategie aus?" Ich unterschrieb sofort. Wenn auch mit wenig Hoffnung, dass der Brief viel ändern würde. An der Drei-Affen-Haltung von Merkel, Friedrich und den Bürgern. Aber dennoch… wer weiß… steter Tropfen… Mein Tropfen war also mein Name, online eingetragen.

Gestern haben Juli Zeh und rund 20 weitere Schriftsteller den offenen Brief und seine fast 70 000 Unterschriften symbolisch vor das Bundeskanzleramt getragen. Was folgte, war ein weiterer Schlag in die Magengrube: "Die Bundesregierung hat erst seit heute Kenntnis von dem Brief", musste Zeh nach ihrem Einlass ins Bundespresseamt bekanntgeben. Und das, obwohl der Brief bereits Ende Juli in der FAZ erschienen war und weitere Medien berichteten. Auch im Presseamt scheinen nur Klone der drei Affen zu sitzen.

Aber ich habe dank Juli Zeh meine Sprache wieder. Und den Brief, den kann man übrigens noch immer unterschreiben.

5 Kommentare

  1. Kürzlich war in der Berliner Zeitung ein guter Julie Zeh Bericht. Ich habe ihn leider nicht griffbereit.

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  2. Heute erst von diesem Brief erfahren...? Wir werden wirklich wie Narren behandelt. Ich bekam seit zwei Wochen täglich etwa drei Aufforderungen, diesen Brief zur NSA zu unterzeichnen. Hallo, Herr Kollege im Kanzleramt!

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  3. Egal, wie die heutige Wahl ausgeht: An diesem Thema müssen wir dranbleiben!

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  4. Vielleicht ist das der Bericht, den die Kollegin Elke Brüser meint. Genauer gesagt, ist es ein Interview.

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  5. Ja, das Interview meinte die Kollegin. Danke!

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