Dienstag, 17. September 2013

Fragen wir eine Wissenschaftlerin – Teil 1

Wissenschaftlerin Christina Scharff: "Frauen fürchten das Klischee der Männerhasserin" (Foto: privat)

Wie steht es um den Feminismus in Deutschland? Meinungstexte dazu gibt es mehr als genug. Doch was sagt die Wissenschaft? Ein Gespräch mit der Genderstudies-Forscherin Christina Scharff.

 

Du lebst seit zwölf Jahren in Großbritannien und forschst dort über Genderthemen. Unterscheidet sich der deutsche vom britischen Feminismus?


Da gibt es durchaus ein paar Unterschiede. Im anglo-amerikanischen Raum wird die Situation der Frauen unterschieden: nach ihrer Hautfarbe, ihrer Ausbildung, ihrem Einkommen und so weiter. In Deutschland dagegen wird oft über Frauen gesprochen, als seien sie alle gleich. Aber in Wirklichkeit meint man dann nur die weiße, christliche Frau aus der Mittelschicht.

Außerdem beobachte ich, dass der deutsche Feminismus im öffentlichen Raum sehr von Alice Schwarzer geprägt ist. Ich finde das problematisch, weil das den vielen unterschiedlichen Meinungen und Strömungen nicht gerecht wird. Nur als Beispiel: Schwarzers klar ablehnende Haltung zu Pornografie und Burkas – dazu haben andere Feministinnen andere Meinungen.

Welche Rolle spielen die deutschen Medien?


Da wird sehr feuilletonistisch, sehr meinungslastig über den deutschen Feminismus geschrieben. Die Artikel beruhen kaum auf Daten, Fakten und Statistiken – obwohl es etliche gäbe! Zum Beispiel habe ich vor drei Jahren erforscht, wie die Medien damals die Debatte zwischen Kristina Schröder und Alice Schwarzer aufgegriffen haben. Ich habe mir die über 100 Artikel durchgelesen, die dazu erschienen sind: Nur sechs davon haben Statistiken aufgeführt. Das ist schon interessant – das Thema Arbeitslosigkeit würden wir nie diskutieren, ohne Zahlen zu nennen. Richtig paradox ist zudem, dass den Genderstudies oft genau das vorgeworfen wird: dass sie keine harten Fakten produzieren würden.

Du hast auch darüber geforscht, wie junge Frauen den Feminismus wahrnehmen. Der Titel deines Buches „Repudiating Feminism“ (etwa: „Den Feminismus ablehnen“) klingt nicht danach, als wäre Feminismus heute unter Frauen populär…


Das stimmt tatsächlich: Rund zwei Drittel aller Frauen identifizieren sich nicht mit dem Feminismus. Diese Zahl ist in den letzten Jahrzehnten relativ gleich geblieben. Meine Frage war nun: Wie verträgt sich das damit, dass zugleich viele Frauen dem Wert der Gleichberechtigung zustimmen? Um das zu erforschen, habe ich 40 Interviews mit jungen Frauen zwischen 18 und 35 in Berlin und London geführt, die verschiedene Hintergründe hatten, unterschiedliche Bildung und Sexualität. Viele haben gesagt, dass sie Gleichberechtigung befürworten, sich aber nicht als Feministin bezeichnen würden – aus Angst, dann als männerhassende, frustrierte Lesbierin abgestempelt zu werden. Dieses aus der Luft gegriffene Stereotyp ist es also, was die Frauen davon abhält, sich mit dem Feminismus zu identifizieren oder sich überhaupt näher damit zu befassen.

Historisch interessant ist übrigens, dass dieses Klischee sich über all die Jahrzehnte nicht gewandelt hat: Es existierte genau so schon in den 1920er Jahren, in den 1970ern und eben auch heute. Feminismus ist also schon lange ein unpopuläres Wort; Gleichberechtigung wollen die Frauen trotzdem. Doch ohne eine gemeinsame Bewegung und ein Vokabular dafür wird das für sie nicht unbedingt leichter.

Danke für das Gespräch! Über den Mangel an tauglichen Begriffen und darüber, wie die Ziele des Feminismus vielleicht doch erreicht werden können, sprechen wir im zweiten Teil des Interviews – demnächst auf diesem Blog.


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Die Interviewerin Laura Hennemann und die Wissenschaftlerin Christina Scharff kennen sich seit ihrem gemeinsamen Studienjahr 2000/2001 im Leibniz-Kolleg in Tübingen.

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