Dienstag, 5. November 2013

„Prostitution ist in Deutschland salonfähig geworden“


Sr. Lea Ackermann. Foto: Solwodi e.V.
Die Ordensschwester Lea Ackermann gründete 1985 in Mombasa/Kenia das Frauenprojekt SOLWODI (Solidarity with Women in Distress). Daraus wurde eine große Hilfsorganisation, die sich auch in Deutschland um Opfer von Zwangsprostitution und Menschenhandel kümmert. Gerade hat sie die Kampagne „Mach den Schluss-Strich“ gestartet. Judith Rauch befragte sie für den Watch-Salon dazu.

Die Kampagne „Mach den Schluss-Strich“ fordert dazu auf, den Kauf sexueller Dienstleistungen in Deutschland zu verbieten. Was hat dich dazu bewogen, die Kampagne jetzt zu starten?

Also, bei mir ist der Kragen geplatzt, als die Polizei mir ein junges Mädchen brachte, die war gerade an diesem Tag 15 Jahre alt geworden. Sie wurde in Flatrate-Bordellen angeboten – als „Teenie“ und „tabulos“. Der Täter hatte sie 13-jährig aus einem osteuropäischen Kinderheim geholt.

Inzwischen war der Prozess, und die zwei Haupttäter haben je ein Jahr und vier Monate auf Bewährung bekommen. Da ist mir noch einmal der Kragen geplatzt. Die Richterin soll gesagt haben, zeitweilig habe das Mädchen ja zugestimmt.

Und eine Gesetzesänderung kann da etwas ändern?

Seit wir das aktuelle Gesetz haben, seit 2002, ist Prostitution in Deutschland salonfähig geworden. Sie ist zu einem Beruf wie jeder andere geworden, ob man das wollte oder nicht. Dass dabei die Frauen und Mädchen kaputt gemacht werden, wird überhaupt nicht mehr beachtet. Ich finde, die Schweden haben recht gehabt, als sie 1999 den Kauf von Sex unter Strafe gestellt haben. Das brauchen keine hohen Strafen zu sein. Schon wenn in eine Familie eine Strafanzeige flattert, kommt der Mann zum Nachdenken.

Es gibt inzwischen mehr als 3000 Unterschriften auf change.org und 2000 auf Papier. Bist du zufrieden mit der Resonanz?

Erst dachte ich, bei uns regt sich schon gar niemand mehr auf über das Unrecht an den Frauen. Aber als wir dann die Kampagne gestartet haben, haben viele Männer nicht nur unterzeichnet, sondern mir auch geschrieben: „Diese Aktion ist überfällig.“ Das hat mich richtig gefreut. Ich bin dankbar für die Unterschriften, aber es sind noch wenige. Ich würde mir wünschen, dass alle jetzt noch ihre Freunde mobilisieren. Es ist doch ungeheuerlich, dass man heute sagt: „Deutschland ist das Bordell Europas.“

Jetzt ist auch die Zeitschrift Emma mit einer großen Kampagne zur Abschaffung der Prostitution an die Öffentlichkeit getreten. Wird euch das helfen?

Ich denke schon. Ich bin ja eine der Erstunterzeichnerinnen und finde den Anstoß von Alice Schwarzer wunderbar. Er geht in die gleiche Richtung.

Wie reagieren denn die Medien generell auf die Forderung nach Abschaffung der Prostitution? Überwiegt Unverständnis oder Sympathie?

Ich habe das Gefühl, die Medien wollen zuerst einmal neutral berichten. Aber es gibt drei Argumente, die bringen mich auf die Palme: Wenn es die Prostituierten nicht gäbe, würden noch mehr Frauen vergewaltigt – ein zynisches Argument. Zweitens: Prostitution gibt es, solange es Menschen gibt. Drittens: Die Frauen machen es freiwillig. Seltsam, ich habe in den knapp 30 Jahren, in denen ich mit Frauen Kontakt habe, die in der Prostitution gelandet sind, keine getroffen.

Gehen nach deiner Erfahrung Journalistinnen mit dem Thema anders um als ihre männlichen Kollegen?

Es gibt mehr Journalistinnen, die das Thema überhaupt aufgreifen. Aber heute konnte ich einen männlichen Journalisten überraschen. Er kam mir auch damit, dass die Frauen es freiwillig tun. Theoretisch mag es solche Frauen geben, sagte ich ihm. Ich hätte ja gar nichts dagegen, dass eine Frau am Tag fünf Männer braucht, um glücklich zu sein. Aber wenn sie fünf Männer braucht, um zu überleben – dann ist die Freiwilligkeit nicht mehr so groß.


Zur Solwodi-Kampagne: „Mach den Schluss-Strich“

Zur Emma-Kampagne: „Appell gegen Prostitution“

3 Kommentare

  1. Sehr schwierige Diskussion, finde ich. Ich ergänze den Beitrag um weitere Links zu diesem Thema.

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    KleinerDrei

    AntjeSchrupp

    Stellungnahmen von Parteien und Institutionen

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  2. Hier wird mal wieder das schwedische Modell gelobt, ohne dessen Probleme zu beachten. Menschenhandel und erzwungene Prostitution, Prostitution von Minderjährigen u.ä. gehören verfolgt, aber ebenso die Kriminalisierung der Sexarbeit! Ein Verbot des Kaufs von Sex ist extrem problematisch, weil es die ohnehin prekäre, marginalisierte Lage von Sexarbeiterinnen noch gefährlicher macht. Sie müssen noch mehr aufpassen, ihr Auskommen, das sie zum Leben (für sich und ihre Familie) brauchen, wird gefährdet. Sexarbeit ist für einige der einzige Weg, zu überleben. Und die Kriminalisierung von Prostition sorgt dafür, dass den Sexarbeiterinnen zum Beispiel vor Gericht oft Selbstverständliches verwehrt wird: Die Verfolgung ihrer Vergewaltiger oder missbrauchender Ex-Männer, oft werden Sexarbeiterinnen die Kinder genommen aufgrund ihres Berufes. Sexarbeiterinnen werden diskriminiert und bei solchen Kampagnen wie der genannten sind zwar gute Grundgedanken vertreten, aber verdammt nochmal, redet doch endlich auch mal mit den Betroffenen (die ihren Beruf als ebendies betrachten, einen Beruf) oder lest zumindest über ihre Meinungen!! (Z.B. hier: http://oliveseraphim.wordpress.com/)

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  3. In München läuft zum Thema noch bis 16.11. die Ausstellung:
    „Ohne Glanz und Glamour – Prostitution und Frauenhandel im Zeitalter der Globalisierung“

    Ort: Foyer des Sozialbürgerhauses
    Plinganserstraße 150
     
    Öffnungszeiten: Mo – Mittwoch 8.00 – 16.00, Do 8.00- 17.00, Freitag 8:00 - 13.00
    Freier Eintritt
    MVV: U-Bahn Station Obersendling; Bus 134; Parkplätze im Hof hinter der Schranke

    Führungen durch die Ausstellung:
    Donnerstag, 7.11. um 16:30 Uhr
    Dienstag, 12.11. um 16:30 und 18:00 Uhr
    Weitere Führungen für Gruppen/ Schulklassen bei Voranmeldung: 089 43651474

    Veranstalterinnen:
    Städtegruppe TERRE DES FEMMES, München 
    Gleichstellungsstelle der Landeshauptstadt Stadt München
    Unterstützt durch das Kulturreferat der Stadt München und den Bezirksausschuss 19

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