Montag, 11. November 2013

Saure Gurke für den Tatort "Kalter Engel"



Verleihung der Sauren Gurke in Berlin . Foto: Frauke Langguth

"Die Heilige, die Hure, die herrische Vorgesetzte und ein Mordopfer, das selber schuld ist“ – 
für dieses abgestandene Krimistrickmuster hat der Tatort "Kalter Engel" die Saure Gurke des 36. Herbsttreffens der Medienfrauen in Berlin kassiert. Der Watch-Salon gratuliert zu dieser Entscheidung.

Die Tatortfolge am ersten Novembersonntag war aber auch zum Ausschalten. Der MDR hatte in Erfurt ein neues Ermittlerteam auf Verbrecherjagd geschickt. Besonders jung sollte es sein, um die jüngeren Zuschauer zum Tatort zurück zu holen. Denn die Generation Twitter erlebt den Tatort lieber aus zweiter Hand, wie Internetberaterin Anne Wizorek bei der Auftaktveranstaltung des Herbsttreffens der Medienfrauen von ARD und ZDF zur Überraschung vieler kundtat – sie und viele andere Leute um die 30 machen den Fernseher gar nicht mehr an, sondern amüsieren sich online über das sonntagabendliche Twittergewitter.

"Kalter Engel" ist in allen möglichen Medien böse durchgefallen. Zur Krönung nun noch die Saure Gurke, sie wird seit 1980 für einen besonders frauenfeindlichen Fernsehbeitrag vergeben. Eine Arbeitsgruppe des Herbsttreffens nimmt ausschließlich öffentlich-rechtliche Sendungen unter die Lupe. Dieses Jahr kam die Jury nach kritischem Zappen durch eine Vielzahl klischeestrotzender Einsendungen zu folgender Entscheidung:
"Im ersten Fall des neuen und jüngsten 'Tatort'- Ermittler-Teams suchen die Kommissare Funck und Schaffert den Mörder einer Studentin: "Und was haben wir gesehen? Eine junge Praktikantin mit Universitätsabschluss, eine Kriminaldirektorin mit Domina-Allüren, zwei laufstarke Kommissare und drei Studentinnen. Eine liegt tot am Fluss – weil sehr jung, deshalb sehr nackt. Eine arbeitet im Escortservice – dem 'Tatort'-typischen Job für attraktive Studentinnen. Eine ist die Mörderin. Dass sie am Ende nicht tot in den Büschen hängt, ist den Kommissaren zu verdanken, denn die kluge Praktikantin löst zwar den Fall, braucht aber in den entscheidenden Momenten männliche Hilfe."
Die Fernsehkritikerin Klaudia Wick hatte schon bei der Eröffnung des Herbsttreffens die immer gleichen Klischees beklagt. Ernüchternd ihre Feststellung, dass die gestiegene Zahl weiblicher Programmverantwortlicher mitnichten bessere, sprich gendergerechtere Inhalte hervorbringt. In ihrem Vortrag über das „Frauenbild in den Medien“ hatte sie Clips vorgeführt, die keine mehr sehen will: Weibliche Mordopfer sind meistens jung und sexy und werden natürlich nackig gezeigt. Ist die Tote dagegen alt und schrumpelig, liegt sie im hochgeschlossenen Nachthemd im Bett und ist so blutleer, dass aus der Einschusswunde kein Tröpfchen Filmblut quillt. Szenen aus dem gurkenprämierten Tatort kann Klaudia Wick nun ihrem Vortrag hinzufügen.

Es ist zum Gähnen, wie Krimis häufig inszeniert werden. Klischees mit einer Prise Sex, das ist billige Quotenmache – exakt ein Jahr zuvor hatte der Tatort ebenfalls mit einem Griff in die Mottenkiste der Vorurteile auf gute Zuschauerzahlen gesetzt. Vom Watch-Salon gab es damals den Kopfschuss. Bei den Medienfrauen nun die Saure Gurke.

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