Montag, 29. Dezember 2014

Aufbruchsstimmung in Kairo: der Journalistinnenbund als Best-Practice-Beispiel



Katrin Lechler und Thembi Wolfram waren für die JB-Mentoring-AG auf der
Journalistinnen-Konferenz "Crossing Borders" in Kairo. Foto: Katrin Lechler

Journalismus im postrevolutionären Ägypten ist ein hartes Pflaster. Laut Reporter ohne Grenzen ist das Land eines der gefährlichsten, mindestens 16 Journalisten sind derzeit in Ägypten in Haft. Frauen werden zudem durch Gesetze und Traditionen beruflich und privat massiv diskriminiert. Über 90 Prozent der ägyptischen Frauen geben an, schon einmal sexuell belästigt worden zu sein; als Straftat ist dies erst seit Kurzem anerkannt. Wie bewältigen die Journalistinnen zwischen Kairo und Aswan diese Situation? Im November 2014 richtete die Deutsche-Welle-Akademie in Kairo die Konferenz „Crossing Borders – Empowering Women Journalists in Egypt“ aus. Mit dabei waren auch Katrin Lechler von der Mentoring-AG des Journalistinnenbundes (JB) und Kerstin Kilanowski von der DW-Akademie, ebenfalls JB-Mitglied. Luise Loges sprach mit beiden über die Stimmung unter den ägyptischen Journalistinnen.

Wie ist heute - vier Jahre nach der Revolution - die Stimmung in Kairo, besonders unter den JournalistInnen?


Kerstin Kilanowski: Ich bin im Mai 2013 zum ersten Mal in Ägypten gewesen, daher kann ich die Stimmung zum Beispiel nicht mit der vor fünf Jahren vergleichen, aber mein Eindruck ist, dass man in der Öffentlichkeit nicht über Politik spricht. Einer der Gründe ist, dass es dadurch in Diskussionen zu Konfrontationen kommen könnte, und andererseits scheint es eine große Angst zu geben, irgendetwas zu sagen, was das Regime kritisiert. Als JournalistIn kann man sehr leicht verhaftet werden, wenn man eine regimekritische Bemerkung macht.
Katrin Lechler: Ich kann meinen Eindruck eigentlich nur zweiteilen in das, was ich auf der Straße erlebt habe, und die Eindrücke, die ich auf der Konferenz gesammelt habe. Das waren zwei unterschiedliche Welten. Auf der Straße habe ich mich teilweise bedroht gefühlt, weil ich ständig gefürchtet habe, angegrapscht zu werden – natürlich eine Projektion, da ich ja schon gewarnt worden war. Ich habe Frauen auf der Straße sogar mitleidig angeschaut, aber auf der Konferenz habe ich dann ganz starke, meinungsfreudige Frauen erlebt, die dem Vorurteil so gar nicht entsprachen.

Organisatorinnen Sigrun Rottmann (links) und Kerstin Kilanowski (2. v. rechts) von der DW-Akademie mit Konferenzteilnehmerinnen Safaa Ali (2. v. li.) und Basma el Ofy (rechts). Foto: Sigrun Rottmann

Und wie steht es mit dem Verhältnis der Journalistinnen zu Demokratie und Feminismus?


KK: Was mich auch überrascht hat ist, dass das Wort Feminismus, das bei uns ja geradezu einen schlechten Beigeschmack hat, mit großer Begeisterung von den Frauen dort benutzt wird. Andererseits hat es mich gewundert, dass sie arabische Feministinnen wie zum Beispiel Fatima Mernissi aus Marokko, die ich sehr schätze, gar nicht kannten. Simone de Beauvoir hingegen kannten ganz viele.
KL: Ich erinnere mich an ein Gespräch in der Pause, mit einer der wenigen Frauen dort, die kein Kopftuch getragen haben. Mich hat interessiert, ob das eine freie Entscheidung war. Sie hat ganz klar gesagt: Es bedarf Mut, um das Kopftuch abzulegen. Es sei zwar nicht so, dass man auf der Straße mehr Belästigungen ausgesetzt sei. Aber sie  müsse sich immer wieder dafür rechtfertigen, besonders in der Familie.
KK: Ich habe auch mit Frauen gesprochen, die lange kein Kopftuch getragen haben und sich dann bewusst dafür entschieden haben, doch eines zu tragen – ich rede hier allerdings vom einfachen Hidschab, nicht der Ganzkörperverschleierung Niqab – und auch dafür Unverständnis geerntet haben. Ich bin bei dieser ganzen Kopftuchdiskussion in den letzten Monaten sehr vorsichtig geworden, denn ich habe so viele selbstbewusste Frauen mit Kopftuch kennengelernt. Mir ist natürlich klar, dass diese selbstständigen, berufstätigen Frauen, mit denen ich zu tun hatte, in der Minderheit sind. Ob eine Frau Kopftuch trägt, ist aber meines Erachtens völlig unabhängig von Selbstbewusstsein und Demokratieverständnis.

Vor welchen Problemen stehen ägyptische Journalistinnen im Vergleich zu uns?


KL: Ein Unterschied ist, dass die meisten JournalistInnen in Ägypten fest angestellt sind und dass es viel mehr staatliche Medien gibt. Es gibt ähnliche Diskussionen wie bei uns vor etwa zehn Jahren. Bei der Frage nach der Quote, gleicher Bezahlung oder Vereinbarkeit von Familie und Beruf stehen die ÄgypterInnen noch ziemlich am Anfang.
KK: Ein großer Unterschied ist die völlige Intransparenz der Bezahlung, auch bei den Festangestellten. Das scheint nach Lust und Laune zu funktionieren: Wer nicht auf den Putz haut, wird schlechter bezahlt. Bei Frauen wird als Grund genannt, dass sie öfter krank seien oder sich um ihre Kinder kümmern müssten oder schwanger würden – es ist ja immer irgendetwas falsch an uns Frauen.
Ein weiterer großer Unterschied ist, dass manche Frauen, besonders in ländlicheren Gegenden, teilweise abends nicht mehr aus dem Haus oder noch nicht einmal telefonieren dürfen. Damit ist normale journalistische Arbeit natürlich nicht mehr möglich und die Frauen haben dementsprechend nur langweilige Bürojobs, was die meisten völlig unterfordert.
Eine Gemeinsamkeit ist die Frage, wie man sich als Journalistin mit Themen durchsetzt. Dass viele Themen, die man als Frau vorschlägt, lächerlich gemacht oder als unwichtig abgelehnt werden, kommt ja hier durchaus auch vor.

Das Thema der Konferenz war "Empowering". Wie habt ihr das in euren Workshops umgesetzt?


KK: Das Programm für die Konferenz haben Sigrun Rottmann und ich zusammen entwickelt. In den Workshops ging es nicht um journalistische Skills, sondern um Persönlichkeitsentwicklung als Frau und Journalistin in Ägypten. Was enorm gut ankam, war, dass die Frauen sich zum ersten Mal austauschen konnten und gemerkt haben, dass sie mit ihren Problemen nicht allein sind. Sie haben jetzt sogar ein landesweites Netzwerk gegründet. Ein weiterer Punkt war das Training, eigene Stärken zu erkennen, zu analysieren und einzusetzen, anstatt sich selbst immer nur als Mängelwesen zu sehen. Eine Frau hat zum Beispiel gesagt, sie habe sich immer geschämt, dass sie drei Kinder habe, das sei doch unprofessionell. Erst jetzt könne sie anerkennen, dass es auch eine Leistung ist, als Berufstätige drei Kinder großzuziehen.
KL: Thembi Wolfram und ich von der Mentoring-AG waren. glaube ich, eher als Vorbilder da, nicht um Wissen zu vermitteln. Wir wollten zeigen, wohin ein Mentoring-Projekt wie das des JB führen kann. Es gab natürlich Zweifel bei den Journalistinnen, ob sie das überhaupt mit ihrem Leben vereinbaren können. Viele sind ja jetzt schon einer Doppelt- und Dreifachbelastung ausgesetzt und zweifelten, ob sie sich da auch noch um eine Mentee kümmern könnten. Sie bekommen auch, anders als wir anfangs, keinerlei finanzielle Unterstützung. Wir haben ein Best-Practice-Beispiel gegeben, das zwar nicht eins zu eins auf die ägyptische Wirklichkeit übertragen werden kann, aber wir konnten Denkanstöße geben.

Konntet ihr auch etwas von den ägyptischen Kolleginnen lernen?


KK: Was ich dazugelernt habe ist, dass solche kleine Schritte riesige Veränderungen sein können. Wir haben bei den DW-Workshops über 60 Frauen kennengelernt, und viele von ihnen haben das, was wir in diesen kurzen Workshops angesprochen haben, direkt umgesetzt. Es gab recht viele Kolleginnen, die nach diesem Workshop ihre Situation in ihren Redaktionen verbessert haben. Eine Frau hat erreicht, dass sie jetzt das Doppelte verdient. Eine andere, die noch bei ihren Eltern wohnte und bisher nicht außerhalb übernachten durfte, hat durchgesetzt, auch mal woanders zu schlafen, wenn sie arbeitet.
KL: Das kann ich nur unterstreichen. Was wir von ihnen lernen können, ist diese Aufbruchsstimmung und die Begeisterung, mit der sie unser Programm angenommen haben. Mir ist klar geworden, dass das Mentoring-Programm wirklich die Keimzelle für Veränderung sein kann, und dass man sich nicht immer nur beklagen darf. Wenn man will, kann man große Veränderungen erreichen.
KK: Was ich auch spannend finde und was wir auch noch mehr im JB verankern sollten, ist die Zusammenarbeit der verschiedenen Arbeitsgruppen, wie hier der Mentoring-AG und unserem Projekt Brave für Journalistinnen im arabischen Raum. Da gibt es noch sehr viel Potenzial. 

Kommentare:

Dana Savic hat gesagt…

Vielen Dank für das aufschlussreiche Interview! Ich ziehe den Hut vor den ägyptischen Kolleginnen, denn es erfordert viel mehr Mut in einem solchen gesellschaftlichen Umfeld das Unmögliche möglich zu machen als hier im Westen. Ich engagiere mich für den jb im Allgmeinen und für brave im Besonderen,um solche mutigen und zähen Journalistinnen in ihrem Kampf um Gleichberechtigung zu unterstützen.Umso schöner ist es dann zu erfahren: Die Unterstützung kommt an und wirkt! Danke !

Magdalena Köster hat gesagt…

Als eine, die schon öfter beim Mentoring-Programm des JB mitgemacht hat, freut es mich sehr, wie gut dieser Austausch in Kairo gelaufen ist. Für solche eins zu eins-Begegnungen sollte viel mehr Geld bereit gestellt werden. Denn dabei kommt wirklich etwas heraus.