Montag, 19. Januar 2015

Ohne Brille sieht der Krautreporter besser


Wer hat hier welche Brille auf? Bild: James Cridland, CC-BY und CC-0.

Ich bin nicht schlagfertig. Auch darum bin ich in der schreibenden Zunft gelandet. Da kann man über die Pointe, die passende Antwort nachdenken. Diesmal habe ich wieder etwas länger gebraucht.

Es geht um die Krautreporter. Von Anfang an wurde ihr geringer Frauenanteil unter den festen Autoren bemängelt. Inzwischen werden die Macher auch kritisiert, arg hinter ihrem Versprechen hinterher zu hinken, innovativen Journalismus zu machen. Derweil hat sich beim Frauenanteil nur wenig geändert: Ich zähle aktuell 9 Frauen und 21 Männer in der Stamm-Autorenschaft.

Ende Dezember und damit gut zwei Monate nach dem Start der Krautreporter hat Pro Quote diesbezüglich nachgefragt. Und da erklärte Chefredakteur Alexander von Streit ganz selbstbewusst:
"Das ist ein wichtiges, aber nicht das einzige Thema, das es im Rahmen eines solchen Projektes zu beachten gibt und deswegen würde ich es nicht als unprofessionell bezeichnen, wenn man sich die Gender-Brille nicht aufsetzt. Sondern es ist ein Versäumnis."
Ja, das klingt auf den ersten Blick einleuchtend. Aber weil ich gerade über den subtilen Einfluss von Worten gelesen hatte, stolperte ich doch über die Begriffe "Gender-Brille" und "aufgesetzt". Denn damit suggeriert von Streit, dass ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis nichts normales sei, sondern eben: etwas aufgesetztes.

Und jetzt kommt meine mangelnde Schlagfertigkeit. Denn erst nach einer Weile ging mir auf: Aber nein, von Streit bräuchte gar keine Brille! Er hat ja schon eine auf: die "Buddy-Brille". Nur ist ihm diese offenbar so festgewachsen, dass er sie nicht mehr wahrnimmt.

Tatsächlich sagt von Streit im Interview kurz darauf:
"Männer, zumindest kann ich das auf mein persönliches Netzwerk beziehen, haben in der Regel männerdominierte Netzwerke."
Soso. Aber trotzdem: Das "aufgesetzte" ist für ihn weiterhin die "Gender-Brille":
"Das ist die Brille, die ich mir seitdem aufsetze und mit der ich versuche, meine Entscheidung, warum ich mich für oder gegen jemanden entscheide, auch zu hinterfragen."
Ach je. Was bleibt da noch, außer den Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch zu zitieren:
"Wenn ihr die Frauen in dem Moment verzweifelt suchen müsst, wenn ihr eine Konferenz oder ein anderes Projekt plant, dann lebt ihr euer Leben falsch. Denn wenn ihr es richtig leben würdet, würdet ihr jeden Tag mit Frauen über eure Themen sprechen und dann müsstet ihr gar nicht groß nachdenken, wenn ihr Frauen für Projekte sucht."
In diesem Sinne: Nicht Brille auf, sondern Brille ab, Herr von Streit! Und wenn die Buddy-Brille schon festsitzt, müssen Sie eben etwas kräftiger daran rütteln.

Wer weiß - vielleicht klärt das auch den Blick auf Innovation und Themenvielfalt.

1 Kommentar:

Magdalena Köster hat gesagt…

Bei der DLD in München gab es ein Interview von Alina Fichter mit dem Chefredakteur der Krautreporter, Alexander von Streit:
Interview auf Youtube