Freitag, 24. April 2015

Wessen Internet - Genderhass statt Debattenkultur



Feministinnen mundtot machen - Caroline Criado-Perez berichtet von Hass-Attacken im Internet.
Foto: C. Olderdissen



Die Zunge an die Tischkante zu nageln mutet wie eine mittelalterliche Methode an, um Frauen zum Schweigen zu bringen. Die britische Journalistin Caroline Criado-Perez hat das krasse Bild gewählt, um ihren Vortrag in der Friedrich-Ebert-Stiftung zu Hassattacken gegen Feministinnen im Internet zu illustrieren. Denn kaum wagt eine Frau - und gelegentlich auch ein Mann - sich zu Geschlechterverhältnissen in einem Blog, auf Facebook, Twitter oder anderen Social-Media-Kanälen zu äußern, wird sie mit Hass und Häme überschüttet - mit einem einzigen Ziel: Halt die Klappe.


Es war schon erschütternd, was bei der Tagung "Wessen Internet - Geschlechterverhältnisse und Genderdebatten im Netz"  zur Sprache kam, zu der die Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) zusammen mit dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend am 22. April in Berlin eingeladen hatte. Caroline Criado-Perez wollte sich nur für mehr Frauenbilder auf britischen Pfundnoten einsetzen und erntete Hatemails im Minutentakt. Massive Anfeindungen haben die Initiatorinnen von #aufschrei genauso zu spüren bekommen, wie es Kolumnistinnen der Online-Angebote deutscher Printmedien tagtäglich passiert. Maskulisten und sogenannte Männerrechtler lauern nur darauf, jederzeit los zu schlagen. Auch die Twitter-Timeline der Tagung unter dem Hashtag #netzgender hatten sie im Laufe des Tages entdeckt und dort ihren üblichen Verleumdungsmüll abgeladen.

  • Männliche Gewalt ist im Internet wie im realen Leben sexualisiert. Frauen werden als Huren und Schlampen diffamiert, Attacken gegen Feministinnen gehen bis hin zur Drohung von Vergewaltigung und Mord.

Männer, die sich für eine positive Veränderung der Geschlechterverhältnisse einsetzen, erhalten von antifeministischen Männern den Stempel "Verräter" aufgedrückt. Der Journalist Thomas Gesterkamp stellte eindrücklich dar, wie die Verleumdungskampagnen gravierende Spuren in seiner Online-Reputation hinterlassen haben. Mit seiner Untersuchung über Männerrechtler und den Geschlechterkampf von rechts im Auftrag der FES ging das so richtig los.

Organisierter Frauenhass


Sind es nur eine Handvoll gut organisierter Frauenhasser? Im engeren Kreis der im Netz gut sichtbaren Maulhelden bestimmt schon. Dazu gehören aber auch eine Vielzahl von Mitläufern und Gaffern, die die Ideen gut finden und teilen - im Sinne von sharen. Netzaktivistin und Autorin Yasmina Banaszczuk hat die ausgesprochen heftigen Attacken gegen ihre Person rationalisiert und auf der Tagung eine siebenteilige Typologie der Trolle und Hater vorgestellt. Es sind sogenannte Maskulisten und Männerrechtler, deren Zahl seit zehn Jahren stetig zunimmt. Robert Claus von der Leibniz-Universität Hannover hat beobachtet, wie sie sich in maskulistischen Online-Foren gegenseitig anfeuern. Zu einer Bewegung auf der Straße reiche es nicht, meint er. Wozu auch, der Alltagssexismus braucht keine Organisation, er ist jeden Tag präsent, auf der Straße und in den Köpfen.

Der Ruf nach dem Strafrecht, nach schärferen Gesetzen zum Schutz vor Cybermobbing, liegt nahe und erscheint zugleich zwecklos. Trolle und Hater fühlen sich sicher, posten mit Klarnamen ihre Verleumdungen, Beleidungen und Nötigungen. Wer diese Straftaten anzeigt, bekommt zu hören, ach das ist doch "nur im Internet". Polizei und Staatsanwaltschaft sehen sich zur Strafverfolgung nicht in der Lage.

Eklatant ist auch die explosionsartige Zunahme von Cyber-Gewalt, über die Katja Grieger vom Bundesverband der Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe berichtet. Junge Frauen sind der Gefahr ausgesetzt, dass beispielsweise der Ex-Freund oder der abgewiesene Arbeitskollege sie online demütigt und so öffentlich bloßstellt oder stalked. Der Kontrollverlust durch die Weiten des Internets fördert das Gefühl der Ohnmacht. Grieger beklagt, dass personell wie finanziell schlecht ausgestattete Beratungsstellen Betroffenen kaum angemessen helfen können. Wie soll das auch funktionieren, wenn dort nur veraltete Computer herumstehen.

Beim Hate Speech in der Genderdebatte bleiben die Äußerungen häufig unterhalb der Schwelle zur Strafbarkeit. Sticheln und Hetzen ist nichtsdestotrotz verletzend und geht weit über das Maß des Erträglichen hinaus. Wie lässt sich die Wirkung beschränken? Bei der FES-Tagung wurden zwar keine Strategien zum Umgang mit hasserfüllten Kommentaren ausgebreitet. Die öffentliche Debatte wurde schließlich per Livestream übertragen. Aber es gibt sie, diese Strategien, um das alles auszuhalten. Feministinnen lassen sich keinen Maulkorb anlegen.

Je mehr Follower, desto mehr Ruhe


Ignorieren und nicht beachten nach dem Motto "don't feed the trolls" ist gelegentlich wirkungsvoll. Das steht aber in der Gefahr, sich selbst einen Maulkorb zu verpassen, empört sich Caroline Criado-Perez. Manchmal hilft Masse: Stevie Schmiedel, Initiatorin von Pinkstinks, berichtet, dass jetzt, mit mehr als 17.000 Facebook-Likes und über 2.000 Followern bei Twitter, die Angriffe deutlich nachgelassen haben.

Manche sagen, es bräuchte ein gesellschaftliches Umdenken zur Debattenkultur im Internet - ein No Go des rüden Tons, eine Ächtung der hasserfüllten Tiraden. Andere erwarten von den Betreibern von Plattformen ein aktiveres Tun. Twitter beispielsweise könnte sich eine Hatepolicy geben und Trolle für eine Zeitlang oder für immer sperren. Doch schon bei Facebook zeigt sich die Möglichkeit, mißbräuchliche Posts zu melden, als lahmes Instrument.

Es besteht Handlungsbedarf. Doch die mit VertreterInnen der Politik besetzte Schlussrunde gab sich erschreckend ahnungslos, ganz im Sinne von Angela Merkels "Neuland"-Äußerung. Hätten sie sich die Zeit genommen, die Vorträge und Analysen des Tages zu verfolgen, dann hätte es statt leerer Worthülsen echtes Erschrecken und vielleicht ein paar mehr Ideen gegeben. Nichtsdestotrotz - vom Bundesfrauenministerium als Mitveranstalter saßen genug Mitarbeiterinnen im Publikum, die sehr wohl zugehört haben. Nun beginnt ihre Arbeit.

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Mehr zum Thema im Watch-Salon:
Netzfeminismus
Wir sollten viel radikaler sein

Kommentare:

Iris Koller hat gesagt…

Die Kerle haben Angst - weil sie keine echten Kerle sind. Sie versuchen verzweifelt stolz auf etwas zu sein, für das sie nichts getan haben. Weil sie nichts anderes zu bieten haben. Dazu zähle ich auch die Nationalität. Dass die Maskulisten aus der rechten Ecke kommen, hängt schon damit zusammen. Echte Männer sind stark genug, starken Frauen auf Augenhöhe zu begegnen.

Anonym hat gesagt…

"echte Kerle"? Was genau versteht man denn darunter?

Anonym hat gesagt…

Nein, es sind Feministen, die im Netz umherlaufen, allen anderen ihre eigene Moral aufzwingen wollen und sich wie bullies auf dem Schulhof verhalten.

Die übliche Trias: Selbsthass, Selbstmitleid, Selbstgerechtigkeit.

Feminismus eben.

buchhaimer hat gesagt…

Ja, den Hass kenne ich - immer dann, wenn ich Männerrechtliche Positionen vertrete und den Feminismus kritisiere, schlägt er mir entgegen - von den Radikalfeministen und Feministinnen, welche das Netz beherrschen.

Der derzeitige Feminismus ist nicht fähig, zu diskutieren, er diffamiert frei nach Arthur Schoppenhauer - wenn man unterlegen und im Unrecht ist, werde persönlich, beleidigend, grob.
Nichts anderes machen Gesterkamp, Kemper und Co.

http://www.genderama.blogspot.de/

Angelika Knop hat gesagt…

Angesichts der auf dem Kongress - und nicht nur dort - geschilderten Fälle und Verhältnisse, die man ja auch alle leicht selbst im Netz finden kann, ist es völlig absurd zu behaupten, der Feminismus "beherrsche" das Internet.

Anonym hat gesagt…


Männer, die auf problematische Benachteiligungen von Männern hinweisen oder vielleicht sogar das männliche Monopol auf Gewalttätigkeit infrage stellen, müssen mit ausgesprochen heftigen Abwehrreaktionen rechnen. Diese nehmen zuweilen auch unsachlichen oder denunziativen Charakter an. Ein markantes Beispiel hierfür liefert der Publizist Thomas Gesterkamp. Im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung unternimmt er den erstaunlichen Versuch, die enttabuisierende Öffnung des Geschlechterdiskurses aus männlicher Sicht – also auch unter Benennung von Benachteiligungen von Männern – als rechts-restauratives Roll-back zu diffamieren. Dies geschieht auch gegenüber einigen Autoren dieses Buches mittels nicht recherchierter, suggestiver Andeutungen und interessanterweise auch durch die Unterstellung von Homophobie und Frauenfeindlichkeit. Dieses Anathema hat in Deutschland immer noch einen terminierenden Charakter. Es kann als ultimativer Vorwurf völlig belegfrei jede weitere Diskussion zum Thema devaluieren. Ein solches Vorgehen lässt eigentlich nur auf tieferliegende politische oder auch persönliche Motivlagen schließen, die bewusst oder unbewusst diesen spannungsreichen und häufig durch Eigenbetroffenheit gekennzeichneten Diskurs immer auch mitbestimmen. So wird zum Beispiel die empirische Studie Gerhard Amendts auf das bislang zumeist verleugnete weibliche Gewaltpotenzial vielleicht als so bedrohlicher Tabubruch erlebt, dass auch erwachsene Söhne noch in einem loyalen Mutterschutzreflex die Beendigung der Debatte durch schrille Brandmarkungen ('Geschlechterkampf von rechts') herbeizuführen versuchen.


Seite 16

http://www.v-r.de/pdf/titel_inhalt_und_leseprobe/1006149/inhaltundleseprobe_978-3-525-40440-9.pdf

Anonym hat gesagt…

@Angelika Knop
Angesichts der Tatsache, dass keine feminismuskritische Meinungen auf dem "Kongress" zugelassen waren, ist es absurd zu behaupten, dass der Feminismus nicht das Internet beherrscht.

Zwar würde ich nicht behaupten, dass es das gesamte Internet beherrscht, aber die Art und Weise wie z. B. die freie Meinungsäusserung bei Twitter durch Feminist.I.nnen unterbunden wird oder die nicht genehmen Fakten bei Wikipedia in bestimmten Bereichen zensiert wird, spricht doch für eine Beherrschung des Internets durch den Feminismus.

Zwar wissen wir noch immer nicht, was ein "echter Kerl" sei, da es aber offensichtlich keine mehr gibt - sonst hätte man sie ja auf der Konferenz reden lassen - , muss die Gesellschaft wohl von Feminist.I.nnen beherrscht sein, oder?

Anonym hat gesagt…

@Angelika Knop
"Angesichts der auf dem Kongress - und nicht nur dort - geschilderten Fälle und Verhältnisse, die man ja auch alle leicht selbst im Netz finden kann, ist es völlig absurd zu behaupten, der Feminismus "beherrsche" das Internet."

Im Gegenteil. Gerade der Umstand, dass Feministinnen eine solche Veranstaltung auf Kosten des Steuerzahlers durchführen können, ohne dass ihren Gegnern Gelegenheit zur Stellungnahme geboten wird, zeigt die gesellschaftliche Macht des Feminismus. Im Internet sind die Verhältnisse lediglich etwas ausgewogener.

Angelika Knop hat gesagt…

Wer beherrscht das Internet? Schöne Frage. Im Internet ist viel Platz, auch für absurde Meinungen - selbst in unserer Kommentarspalte.

Leonie hat gesagt…

Ich lese so seit ca. einem Jahr ab und an quer durch die Männerrechtler- und Masku-Blogs - um mir eine Meinung zu bilden, die alle Seiten und Argumente bedenkt.

Was ich dabei NICHT finde, sind irgendwelche explizit rechten/rechtsradikalen Umtriebe und Bezüge. Es ist einfach nicht korrekt, Leute mit der Nazi-Keule zu bekämpfen, weil sie einem politisch nicht in die Kram passen. Und ja, es gibt "Hater", die ich allerdings eher in den Kommentaren als bei den Bloggern finde - aber ebenso gibt es auch Haterinnen in der Netzfemi-Szene.

Dieses bloße Dämonisieren "des Feinds/der Feindin", das beide Seiten betreiben, ist kontraproduktiv und extrem ätzend. Das Internet wird im übrigen von keiner Seite "beherrscht", sondern beide Seiten sind vernetzt und treten aus nichtigen Anlässen gegeneinander an. Zudem wird auch bloßes Trollen durch XYZ, das nun mal netztypisch ist, dem politischen Gegner angerechnet - klar, wer sonst wäre denn auch so böse?

Kindergarten, könnte man das nennen und einfach ignorieren. Leider ist es unsäglich traurig und schadet allen.

Luise Loges hat gesagt…

Bezeichnend finde ich ja, dass die Herren, die sich vom Feminismus (mal wieder, DER eine große Feminismus, das Hive-Mind sozusagen) beherrscht fühlen, nie Belege für ihre Behauptungen anführen können.

Wobei ich Leonie absolut zustimme, dass längst nicht alle "Maskus" reaktionäre Rollenklischees fordern.

Anonym hat gesagt…

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