Donnerstag, 17. Dezember 2015

Auslese #4: Anja Reschke (Hg.) Und das ist erst der Anfang. Deutschland und die Flüchtlinge

Sieben Tage, sieben Bücher. Empfehlungen der Salonistas zum Jahresende:
als Geschenk in letzter Minute oder für die Auszeit auf dem Sofa.

Wie geht es weiter? Was ist zu tun? Ein Buch, eine Bestandsaufnahme. Buchcover: Rowohlt


Drei Jahre ist es her, seit ein deutscher Innenminister jovial bekannt gab, unser Land sei bereit, 5.000 Menschen aus Syrien aufzunehmen. Deutschland lehnte sich zurück. In diesem Jahr kamen ohne extra Einladung oft 5000 Geflüchtete an einem Tag. Deutschland erwachte. Ein Teil der Bevölkerung spuckte in die Hände und packt an, ein anderer läuft bei Anti-Asyl-Spaziergängen mit und manche zünden im Schatten der Nacht Unterkünfte an. Die Entwicklung der letzten Monate hält uns alle in Atem. Gut, dass uns das gerade von Anja Reschke als Herausgeberin erschienene Buch "Und das ist erst der Anfang" dabei hilft, noch mal die Gedanken zu sortieren.

Die Chefin von "Panorama" und ihre 25 MitautorInnen liefern auf 333 Seiten Orientierung und Hintergrundwissen, haben in Tag- und Nachtarbeit eine Art Nachschlagwerk für die Geschehnisse der letzten Monate wie auch einen Wegweiser für die Aufgaben der nächsten Jahre geschaffen. Neben WissenschaftlerInnen, VertreterInnen sozialer und politischer Einrichtungen sind viele JournalistInnen dabei, die sich mit den Flüchtlingsbewegungen beschäftigen. Aufgeteilt ist das Buch in die Kapitel "Fluchtursachen", "Fluchtwege", "Deutschland und Europa" und einen Versuch des "Ausblicks". Insgesamt ein Stück Zeitgeist wie Zeitgeschichte.

Besonders pointiert sind die Beiträge, wenn es um unser eigenes Handeln geht, wie es etwa die Schriftstellerin Daniela Dahn sieht. "Die Flüchtlinge erteilen uns eine Lektion", schreibt Dahn. "Es war eine Lebenslüge zu glauben, ein kleiner Teil der Welt könne auf Dauer in Frieden und Wohlstand leben, während ein Großteil in Armut und Bürgerkriegen versinkt." Seit 200 Jahren habe kein muslimisches Land Krieg gegen den Westen geführt, umgekehrt habe es jede Menge Invasionen gegeben, oft unter Federführung der USA bzw. des CIA. "Wenn Europa weniger Flüchtlinge haben will, muss es sein Verhältnis zu den USA überdenken."

"Unity in Diversity"


Gleich mehrere greifen Angela Merkel an, nicht weil sie zu viel, sondern zu wenig getan habe. Es sei scheinheilig, die Kanzlerin zu feiern, ihre Haltung sei nicht mitleidig, sondern heuchlerisch. "Viele Bausteine der Festung Europa wurden mit ihrer Hilfe gefertigt." Doch viele liefern auch Ideen für die Zukunft. Finanzielle Hilfen sollten nicht an Frontex oder die Türkei gehen, sondern an ärmere europäische Länder, sofern sie einer Quotenregelung für Flüchtlinge zustimmen. Geflüchtete in kleinstädische Aktivitäten und die Kieze der Städte einbinden. Endlich ein Einwanderungsgesetz nach kanadischem Vorbild schaffen - "Unity in Diversity".

Der Ökonom Thomas Straubhaar möchte gern das negativ besetzte Brain-Drain (der Verlust wichtiger Köpfe in den Fluchtländern) gegen den Begriff Brain-Gain tauschen. Dafür würden nicht nur die Rücküberweisungen der Auswanderer und eine mögliche, spätere Rückkehr sorgen, die Menschen strengen sich demnach auch schon in der Heimat mit dem Lernen mehr an, in der Hoffnung, dann später im Ausland einen Studienplatz oder Job zu finden.

Überforderung wie Unterforderung führen zum Scheitern 


Interessant auch die Analyse des Politikwissenschaftlers Herfried Münkler. Wenn der Staat mit den vielen ankommenden Menschen überfordert sei, führe das ebenso zum Scheitern eines multikulturellen Zusammenlebens wie die Unterforderung der Migranten, weil lange nichts vorangehe. Stattdessen müsse dafür gesorgt werden, dass sie früh "Deutsche werden" und sich über die Sprache und Leistungsbereitschaft auf diese Gesellschaft einlassen.

"In mir fand ein permanenter Kulturaustausch, ja ein regelrechter Kulturkampf statt. Mein Verhältnis zu lieb gewordenen Gewohnheiten, zu Sitten und Gebräuchen änderte sich. Die Distanz zu der eigenen Kultur und die Begegnung mit der fremden Welt relativierten meine kulturellen, religiösen und auch durch die Tradition geprägten Wertvorstellungen."
                                                           Bahman Nirumand, in Iran geborener Schriftsteller

Nur ein Beitrag beschäftigt sich mit den geflüchteten Frauen (hat vielleicht doch damit zu tun, dass hier nur sieben Autorinnen neben 18 Autoren schreiben?). Simone Schmollack beschreibt die schwierigen Bedingungen in den Unterkünften, die Angst der Frauen, nachts allein zur Toilette zu gehen, die Scham, vielleicht ohne Kopftuch gesehen zu werden. Da müsse sich dringend etwas ändern, sichere Rückzugsräume geschaffen werden (siehe auch unseren Bericht hier). Viele weitere Buchbeiträge beschwören zu Recht die Notwendigkeit der Sprachkurse, aber keiner richtet dabei sein Augenmerk auf die Frauen, die auch oft Mütter sind. Wie kommen sie aus den Unterkünften heraus? Wird der Mann sie gehen lassen, wird er die Kinder hüten, wenn auch sie lernen und arbeiten wollen? Schwierig sind auch oft ähnliche Aussagen, wie sie der ZEIT-Journalist Mohamed Amjahid zitiert, ohne nachzuhaken: "Bleiben bedeutet Selbstmord", sagte ihm einer der vielen Flüchtlinge. Was aber heißt das für die oft dort gebliebenen Frauen und Kinder?


Anja Reschke (Hg.): "Und das ist erst der Anfang - Deutschland und die Flüchtlinge", Rowohlt Polaris, 12,99 €


Morgen rezensiert Christine Olderdissen: Mona Eltahawy: "Warum hasst ihr uns so? Für die sexuelle Revolution der Frauen in der islamischen Welt“.

7 Tage, 7 Bücher:
#1: Christine Olderdissen über „Hack’s selbst – Digitales Do it yourself für Mädchen“
#2: Tina Stadlmayer über "Spuren - Eine Reise durch Australien"
#3: Luise Loges über "Berge, Bön und Buttertee - Reise ins Tibet der Frauen"

Kommentare:

Magdalena Köster hat gesagt…

Weil in diesem Beitrag viel über geflüchtete Menschen gesprochen wird und sie selbst nicht zu Wort kommen, sollen diese Links einen kleinen Ausgleich bieten:

Zwischen Asyl und Ablehnung

Portraets von Martin Lilkendey

Magdalena Köster hat gesagt…

und noch was:
Anja Reschke, die Herausgeberin dieses Buches,ist Journalistin des Jahres 2015!
Ein Knicks, eine Verbeugung, wir freuen uns.

Journalistin des Jahres