Mittwoch, 21. September 2016

Neu im Team - Mareice Kaiser. Herzlich willkommen!

Mareice Kaiser bloggt nun auch im Watch-Salon            / Foto: Carolin Weinkopf

Printjournalistin und Bloggerin, als Onlineredakteurin mit allen Wassern der Social Media gewaschen – das ist unsere Neue. Zum Internationalen Frauentag 2015 hatten wir Mareice Kaiser, Bloggerin im „Kaiserinnenreich“, auf einen Drink in den Watch-Salon eingeladen. Der hat gemundet und nun ist sie wieder da, frisch eingetreten in den jb und ab sofort Mitbloggerin. Bevor sie loslegt, wollen wir sie vorstellen – in unserer Interview-Serie: Fünf Fragen.


Mareice Kaiser regiert das „Kaiserinnenreich“, das Blog, in dem sie seit 2014 über den Familienalltag mit zwei besonderen Mädchen berichtet: „Nicht immer politisch korrekt, aber ehrlich“. Kaiserin 1 und Kaiserin 2 sind ihre Kinder, eines mit und eines ohne Behinderung. Die persönlichen Texte werden viel geklickt und geteilt und haben der Berlinerin große Medienaufmerksamkeit beschert. Neben dem privaten Blog schreibt sie als freie Journalistin zu den Themen Inklusion, Geschlechtergerechtigkeit und Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Artikel von ihr sind u.a. in der taz, ZEIT Online, Nido und im MISSY Magazine erschienen. Im Herbst kommt ihr erstes Buch.


Mareice, Du bist bekannt geworden mit dem „Kaiserinnenreich“. Wie kam es dazu, dass Du mit einem inklusiven Familienblog online gegangen bist? 

 

Ich habe nach der Geburt meiner zweiten, nichtbehinderten Tochter angefangen, Elternblogs zu lesen. Nach der Geburt meiner ersten Tochter kam das nicht in Frage, erstens weil wir zur Hälfte im Krankenhaus gelebt haben. Zweitens, weil es mir eher weh als gut getan hat, zu lesen, wie das Leben mit nichtbehinderten Kindern ist. Bei meiner zweiten Tochter war das dann anders, da hatte ich Freude dran, Elternblogs zu lesen. So bin ich darauf gekommen, dass es im Internet durchaus Mütter gibt, mit denen ich mich vielleicht besser verstehen kann als mit denen im Rückbildungskurs.

Es war nicht so leicht Frauen zu finden, die schnell wieder arbeiten möchten, die gerne arbeiten, die versuchen mit dem Vater des Kindes gleichberechtigt die Care-Arbeit aufzuteilen. Diese Frauen habe ich im Internet gefunden und dachte, das ist total schön, aber warum gibt es die nicht als Mütter behinderter Kinder, die dann auch noch darüber schreiben? Vor allem habe ich keine Blogs gefunden, die über beides zusammen berichtet haben, also das ganz normale Leben mit behinderten und nicht behinderten Kindern. Das habe ich einer Freundin erzählt und dann hat die gesagt, mach du doch. Und dann habe ich gedacht, wenn's keine macht, dann mach ich's.

In einem Familienblog werden ganz private Dinge ans Licht der Öffentlichkeit gezerrt. Wo fängt für Dich die Grenze an, wo du Deine Kinder schützt?

 

Die Entscheidung, über uns als Familie zu schreiben, habe ich getroffen, als ich gesellschaftliche Schieflagen erkannt habe. Durch das Leben mit meiner behinderten Tochter habe ich Diskriminierung erlebt, vor allem strukturelle. Davon wollte ich erzählen. Ich weiß nicht, ob ich ein Blog gestartet hätte mit zwei nichtbehinderten Kindern. Wohl eher nicht.

Ich habe dabei immer überlegt, wie ich unsere Geschichten erzählen und gleichzeitig die Privatsphäre meiner Kinder und meiner Familie schützen kann. Ich nenne meiner Kinder im Netz Kaiserin 1 und Kaiserin 2. Es gab nie Fotos, auf denen man meine Kinder erkennen konnte. Das war mir und dem Vater meiner Kinder immer wichtig.

Ansonsten finde ich, bei allen Familienthemen müssen Familien selbst entscheiden, wie weit sie in die Öffentlichkeit gehen wollen. Und es ist auch ein Prozess, der sich ändert, wenn die Kinder älter werden. Das sollte man auch immer im Blick haben, dass die Kinder die Geschichten irgendwann selbst lesen können – oder ihre Mitschüler*innen. Im Internet kann man ja Texte und Bilder auch löschen. Leichter als in einem Buch zum Beispiel. 

Auch in meinem Buch habe ich mir bei jeder Seite, bei jedem Satz, bei jedem Wort die Frage gestellt: Kann ich das erzählen? Darf ich das erzählen? Findet meine Tochter das später mal peinlich? Ich habe immer abgewogen, was muss ich erzählen, damit Leute verstehen, warum ich es erzähle, und was behalte ich für uns. Ich habe tatsächlich viel für mich behalten. Aber was ich für gesellschaftlich relevant halte, habe ich erzählt.

Kaiserin 1 ist Ende 2015 überraschend gestorben. Das inklusive Leben, von dem Du berichtet hast, gibt es nicht mehr. Wirst Du Deinen Blog trotzdem weiterführen?

 

Unser inklusives Leben ist mit dem Tod meiner Tochter nicht vorbei. Das empfinde ich anders. Sie hat uns als Familie und alle Menschen, die mit ihr das Leben geteilt haben, geprägt – das bleibt. Inklusion bleibt eines meiner Herzensthemen, das ich auch weiter journalistisch bearbeiten werde. Aber natürlich kann ich keine aktuellen Geschichten aus dem Leben mit meiner behinderten Tochter erzählen. Das können aber viele andere Familien tun und denen möchte ich mit meinem Blog gern eine Bühne geben, vor allem den Müttern. Im Kaiserinnenreich gibt es schon länger eine Portrait-Reihe, den Mütterfragebogen in der Special Needs Edition, die ich gern fortführen möchte.

Mit dem Tod meiner Tochter ist noch ein neues Thema in mein Leben gekommen: Trauer. Auch damit beschäftige ich mich aktuell nicht nur privat, sondern auch journalistisch. Mein Erzählbedürfnis hält sich für den Moment in Grenzen, stattdessen weise ich auf meinen Social Media-Kanälen immer wieder gern auf besonders schöne, bewegende und interessante Texte hin. Ab und an muss dann doch was von mir raus, so wie jetzt die Filmbesprechung zu 24 Wochen.

Du hast einen Blog, von Dir erscheinen Artikel in Magazinen und Du hast ein Buch geschrieben. Was bist Du denn nun: Bloggerin oder Journalistin?

 

Sowohl als auch. Ich habe so mit fünfzehn, sechzehn angefangen, meine ersten journalistischen Beiträge zu schreiben. Seitdem ich denken kann war mein Berufswunsch Journalistin. Ich liebe Zeitungen und Magazine, ich liebe es sie aufzuschlagen und Druckerschwärze an den Händen zu haben, und ich wollte immer bei einer Zeitung oder bei einem Magazin arbeiten. Ich hab ja auch so angefangen. Dann kam irgendwann das Internet dazu, das fand ich total super. Ich bin wohl die Journalistin, die auch bloggt, die durchs Bloggen wieder zurück in den Journalismus gefunden hat, wieder mehr zu Print und verzahnt mit Onlinejournalismus. Für mich gehört das alles zusammen. Nur, fürs Bloggen bekomme ich halt kein Geld.

Lohnt es sich für eine Journalistin mit ihrem Herzensthema einen Blog zu machen? Du hast Dir mit dem Kaiserinnenreich einen Namen gemacht.

 

Für mich war die Sichtbarkeit für meine Themen Inklusion, Feminismus und Vereinbarkeit von Familie und Beruf unter besonderen Bedingungen wichtig. Insofern hat es sich für mich auf jeden Fall gelohnt. Dass sich dadurch auch Aufträge für mich als Journalistin ergeben haben, war toll – aber so nicht geplant. Ein Blog ist dafür auf jeden Fall ein Weg. Allerdings sollte man das nicht zu verkniffen sehen. Ich glaube, Leser*innen merken schnell, mit welcher Intention geschrieben wird. Und klar, ich bin auf jeden Fall dafür, dass Frauen – und gern auch Journalistinnen – mit ihren Themen an die digitale Öffentlichkeit gehen. Es gibt so viele tolle Expertinnen für so viele spannende Themen. Ich möchte von allen lesen. Ein Blog kann eine schöne digitale Visitenkarte sein.

Herzlich willkommen im Watch-Salon, Mareice!



»Alles inklusive«, Aus dem Leben mit meiner behinderten Tochter, Mareice Kaiser,
erscheint im November 2016 im S. Fischer Verlag.

www.kaiserinnenreich.de

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