Samstag, 22. Oktober 2016

Von der Nahostkorrespondentin zur "Expertin für Syrer" - Kristin Helberg: Verzerrte Sichtweisen

Lesen? Lesen! Frankfurter Buchmesse: 5 Tage, 5 Bücher.
Empfehlungen der Salonistas - Literatur von Frauen über Freiheit

Syrien-Kennerin Kristin Helberg will Missverständnisse aufklären.       / Foto: CC-BY-SA Stephan Röhl

Im Frühjahr 2011 gingen in Syrien tausende Menschen auf die Straße, um zu demonstrieren - für Demokratie, für ein Leben in Würde, für Freiheit von Denkverboten, Korruption und Willkür. Machthaber Baschar al-Assad reagierte mit ungeahnter Brutalität auf den friedlichen Aufstand und brachte sein Land urplötzlich in den Fokus westlicher Medien. Syrien, bis dato den meisten Deutschen nahezu unbekannt, befindet sich seither im Bürgerkrieg. Die freie Journalistin Kristin Helberg hingegen kennt das Land und seine Leute gut, es ist ihre zweite Heimat. In ihrem Buch "Verzerrte Sichtweisen - Syrer bei uns" schreibt sie nicht nur über den Wunsch der Syrer nach einem Leben in Freiheit, sondern auch und vor allem darüber, wie Menschen aus zwei ganz unterschiedlichen Gesellschaften zusammen finden können, wie wir Missverständnisse aufklären, Vorurteile abbauen und was wir voneinander lernen können.


Deutschland aus Sicht Helbergs:
Ein verändertes Land. / Foto: Herder
Inzwischen sind die Folgen des syrischen Bürgerkrieges längst in Deutschland angekommen: mit denen, die vor den Fassbomben Assads, den Terrorkommandos der Islamisten, der Zwangsrekrutierung durch verschiedenste Milizen, dem Hunger, der Perspektivlosigkeit und der ständigen Angst hierher geflohen sind. Im Jahr 2015 kamen allein fast eine Million. Allerdings nicht, weil Angela Merkel sie eingeladen hatte, sondern weil sie sowieso schon unterwegs waren. Unterwegs nach Deutschland, einem Land, von dem in Syrien jeder weiß, dass dort stabile Autos und Waschmaschinen gebaut werden, dass die Leute dort fleißig sind und es Arbeit gibt. Was viele Syrer nicht wissen, ist, dass man dort seinen Müll nicht einfach auf die Straße wirft. Dass "mein" und "dein" auch innerhalb der Familie strikt getrennt werden. Oder warum die Deutschen ihren Hunden warme Wintermäntel anziehen.

Es gibt aber auch vieles, was die Deutschen nicht über die Syrer wissen - "die Syrer", die es so natürlich gar nicht gibt. Und plötzlich ist die Expertise von Kristin Helberg gefragt. Sieben Jahre hatte sie als Nahoskorrespondentin in Damaskus gelebt, bis die Assad-Regierung ihr 2009 die Lizenz entzog. Danach durfte sie als Ehefrau eines Syrers nur noch zu Familienbesuchen ins Land. Im Zuge des Bürgerkrieges und der daraus resultierenden so genannten "Flüchtlingskrise" wurde sie, wie sie schreibt, "von der Nahostkorrespondentin zur Syrien-Expertin zur Expertin für Syrer".
Eine solche ist auch bitter nötig, sieht doch der Großteil der Deutschen "die Syrer" oder auch "die Flüchtlinge" immer noch als eine große, oft auch bedrohliche Masse. Helberg nimmt leidenschaftlich Partei für die Verfolgten, für eine Öffnung und Aufnahme Deutschlands gegenüber den Syrern, die unser Land so sehr bereichern können. Sie sieht zwar durchaus die Probleme, die sie mit sich bringen: Sie kommen aus einer Gesellschaft, in der Männer sich von Frauen bedienen lassen, in der immer jemand anderes (oder niemand) für den Müll zuständig, Korruption an der Tagesordnung und Verkehrserziehung für Kinder unbekannt war. Andererseits sieht sie große Chancen in der Offenheit, der Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft, die sie selbst in Syrien erfahren hat, und die die vielen Geflüchteten zu uns nach Deutschland gebracht haben.

Helberg zeigt Lösungen auf, benennt Risiken und lässt weder Deutsche noch Syrer aus dem Schneider. Obwohl sie sich klar positioniert und oft persönlich berichtet, bleibt die Autorin dabei auch immer Journalistin: Von ihrem herzzerreißenden Bericht über die Vorgeschichte der Syrienkrise bis hin zu ihrem 7-Punkte-Programm, mit dem Syrer in Deutschland richtig integriert weden können, behält sie stets beide Seiten im Blick. Zudem machen ihre klare, pointierte Sprache, ihr trockener Humor und ihr scharfer Blick auf die Eigentümlichkeiten der Leute in Damaskus wie in Berlin das Buch, trotz des ernsten Themas, zu einer wahren Lesefreude.


Kristin Helberg: Verzerrte Sichtweisen. Syrer bei uns
Herder Verlag, 2016, 25 Euro


5 Tage, 5 Bücher
#1 Tina Stadlmayer über "Die tote Stunde" von Denise Mina
#2 Christine Olderdissen über  "Untenrum frei" von Margarete Stokowski
#3 Angelika Knop über "Vergewaltigung" von Mithu M. Sanyal

Morgen rezensiert Magdalena Köster "Unorthodox" von Deborah Feldman.

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