Donnerstag, 20. Oktober 2016

Margarete Stokowski: Untenrum frei - Sex. Macht. Spass. Und Probleme.

Lesen? Lesen! Frankfurter Buchmesse: 5 Tage, 5 Bücher.
Empfehlungen der Salonistas - Literatur von Frauen über Freiheit

"Untenrum frei". Und was ist mit dem Obenrum?      / Foto: C. Olderdissen

Von vielen bewundert, von einigen gehasst. Margarete Stokowskis Kolumnen sind Feminismus pur. Eine kraftvolle Stimme, mit der sie zuerst in der taz und seit über einem Jahr bei Spiegel Online unter dem Titel „Oben und unten“ gesellschaftliche Machtverhältnisse seziert, feministisch unverfroren und getragen von einem wohltuenden Furor. Nun hat die 30 Jahre alte Wortkünstlerin ihr erstes Buch vorgelegt. Der provokante Titel: „Untenrum frei“.

Die Überraschung ist ihr gelungen. "Untenrum frei" ist ein typisches Stokowski-Wortspiel, das den Kopf zum Denken bringt. In mir steigt die Erinnerung an 1975 auf. Es war das Internationale Jahr der Frau, ausgerufen von der UNO-Vollversammlung. Es war auch das Jahr, in dem das Bundesverfassungsgericht die Fristenlösung des Abtreibungs-Paragraphen 218 verwarf. Und es war das Jahr, in dem ich fand, es wäre an der Zeit, in mein sexuell selbstbestimmtes Leben als Frau zu starten. Ich ging in einer schwäbischen Kleinstadt zur Schule, wo wir uns im Klassenzimmer erbitterte Diskussionen über „die Emanzipation“ lieferten. Im Zeitschriftenregal unseres kleinen Supermarktes fand ich die „Courage“, in der Stadtbibliothek Verena Stefans Buch „Häutungen“. Nach der Lektüre hatte ich es klar vor Augen: Mittelpunkt meines sexuellen Erlebens wird die Klitoris sein, und für guten Sex ist es unverzichtbar, über Wünsche, Bedürfnisse und Phantasien zu reden. „Sexuelle Unterdrückung – mit mir nicht“, beschloss ich als Fünfzehnjährige.

2001 ist auch Margarete Stokowski fünfzehn Jahre alt. Aber ihr Start in das Leben als Frau verläuft sehr viel schmerzhafter. Es hat mich regelrecht erschrocken, durch welche Untiefen sie waten musste. Ein Mädchen, das in Berlin-Neukölln aufwächst, eine katholische Schule besucht und so gar nichts mitbekommt von sexueller Selbstbestimmung. Während wir in der gleichen Stadt die Frauenbewegung scheinbar ausdiskutiert haben, viele Frauen- und Mädchenprojekte entstanden sind, feministische Literatur in Buchläden und Bibliotheken ausliegt und es auch in Fernsehen und Radio Frauensendungen gibt, erreicht die Botschaft Margarete nicht. Gegen den Übergriff des Schachlehrers kann sie sich nicht wehren, sie gibt sich selbst die Schuld daran. Die freche Einser-Schülerin mit einem Faible für Mathe und Physik wird schweigsam. Sie braucht lange, um die Vergewaltigung zu überwinden. Jahre später entwickelt sie die „Poesie des fuck you“.

Das Private ist politisch


Warum muss sie das öffentlich erzählen? Die Autorin ist auf die Frage vorbereitet und beschreibt in der Tradition des urfeministischen Slogans „Das Private ist politisch“ wie sich die Verhältnisse nur verändern lassen, wenn Frauen ihr Schweigen brechen. „Sobald wir anfangen das Wort zu ergreifen und unsere Geschichte öffentlich zu erzählen, geschieht etwas. Wir geben etwas nach außen, das in uns war.“ Margarete Stokowski nennt es „entopfern“, es ermöglicht den Start der Revolte, den persönlichen Aufbruch. 

Als Zeitzeugin des gesellschaftlichen Backlashs, der insbesondere die Mädchen trifft, nimmt sie uns mit in die Parallelwelt der Spätpubertät. Angefangen vom Rosa-Hellblau-Wahn, der Weiblichkeit und Männlichkeit zementiert, über sexistische Youtuber bis hin zu zahllosen Sexratgebern in Zeitschriften und Onlineportalen, die ihre Leserinnen belehren, wie sie Männer „sexuell glücklich“ machen, aber nicht, wie Mädchen und Frauen ans Ziel ihrer sexuellen Wünsche gelangen. Das Jahr der Frau ist lange, lange her.

Tröstend - während des Philosophiestudiums und der Begegnung mit dem Feminismus lässt Margarete Stokowski diesen Sumpf hinter sich. Ihren Master schreibt sie über "Das andere Geschlecht" von Simone de Beauvoir. 2009 landet sie bei der taz, ab 2012 bekommt sie die Kolumne "Luft und Liebe". Ihr flappsiger Stil, mal bitterböse, oft polemisch und meist mit einem Touch Humor  katapultiert sie 2015 zu Spiegel Online und damit ihre Texte zu einer größeren Leserschaft.

„Wir können untenrum nicht frei sein, wenn wir obenrum nicht frei sind. Und andersrum. Das ist die zentrale These des Buches.“

Auf den ersten Blick versteht sich der Titel von allein. Er beschreibt „die sexuelle Freiheit im körperlichen Sinne, was man sich in sexueller Hinsicht traut, wünscht, will oder nicht will".
Soweit, so gut. Was aber ist mit dem Gegenteil? "Obenrum frei bedeutet politische Freiheit von Geschlechterklischees und Stereotypen und Mythen“, erklärt sie im Literataz- Interview Katrin Gottschalk. Und hier wird´s interessant.

In ihrer persönlichen Geschichte der „Ich-Werdung“ einer Feministin teilt sie mit uns Erlebnisse des Alltags, die jede kennt. Sexistische Kommentare, flapsige Bemerkungen, die Frauen mürbe machen sollen – auch Margarete Stokowski ist nicht immer schlagfertig. Aber was sie hört und sieht, legt sie nicht einfach zur Seite. Scharfsinnig beobachtet sie den Alltagssexismus, denkt nach, analysiert, findet Mechanismen und Strukturen und schließlich kluge Worte, warum sich der Kampf für eine gendergerechte Welt lohnt. Sie sammelt Argument um Argument, letztlich ihr Fundament, aus dem sie schöpfen kann, wenn sie bei S.P.O.N. mitreissende Kolumnen zum aktuellen Zeitgeschehen schreibt.

Was es heißt Feministin zu sein


Indem sie in „Untenrum frei“ reflektiert, was es heißt Feministin zu sein, webt sie geschickt theoretische Abhandlungen ein, quasi ein Update dessen, wie heute Feminismus diskutiert wird. Genderbashing, Intersektionalität, Cis – Fachbegriffe, die uns in heutigen Diskursen um die Ohren gehauen werden, erklärt sie en passant und liefert deren Entstehungsgeschichte gleich mit. Anders als andere junge Autorinnen erfindet sie dabei den Feminismus nicht neu, sondern zieht den Hut vor den Vordenkerinnen, deren Bücher sie dankbar gelesen hat und zitiert. „Wir nennen uns Feministinnen, weil wir wissen, wir kämpfen für all die Dinge, für die schon Simone de Beauvoir und Shulamith Firestone und all die anderen gekämpft haben.“

„Untenrum frei“ liest sich so runter. Aber viele ihrer Beobachtungen und Schlussfolgerungen verdienen einen zweiten Blick. Weil sie präzise den Punkt treffen und zu aktuellen Fragestellungen neuen Input liefern. Im Schnelldurchgang lässt sich erfahren, wie es mit dem Feminismus, der längst nicht mehr Frauenbewegung heißt, weitergegangen ist. Ein Angebot zur Nachschulung für alle, die den Faden verloren haben. Und für alle, die wissen wollen, wer Margarete Stokowski ist.



Margarete Stokowski: Untenrum frei
Rowohlt-Verlag, 2016, 19,95 Euro

Heute, 20. Oktober, 17 Uhr: Lesung und Diskussion mit Margarete Stokowski
Frankfurter Buchmesse, Halle 3.1, Stand D 13, Moderation: Susanne Mayer



Fünf Tage, fünf Bücher:
#1 Tina Stadlmayer über "Die tote Stunde" von Denise Mina 

 
Morgen rezensiert Angelika Knop "Vergewaltigung" von Mithu M. Sanyal.

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