Mittwoch, 19. Oktober 2016

Denise Mina: Die tote Stunde


    Lesen? Lesen! Frankfurter Buchmesse: 5 Tage, 5 Bücher.
    Empfehlungen der Salonistas - Literatur von Frauen über Freiheit
Im nächtlichen Glasgow geschehen grausame Verbrechen. Fotos: Heyne; Luise Loges

"Schlicht großartig" schrieb die Zeit und platzierte "Die tote Stunde" der schottischen Autorin Denise Mina im Juli auf Platz 6 ihrer Krimi-Bestseller-Liste. So bin ich auf das Buch der in Deutschland recht unbekannten Schriftstellerin gestoßen. In Großbritannien, das habe ich inzwischen erfahren,  ist Denise Mina längst eine bekannte Krimi-Autorin.



Heldin ist die junge, dickköpfige, ehrgeizige, aber manchmal auch von Selbstzweifeln geplagte Lokal-Journalistin Paddy Meehan. Sie hat ein scharfes Mundwerk und lässt sich nichts gefallen. Eine, mit der sich die meisten Journalistinnen gerne identifizieren möchten, obwohl natürlich kaum eine so mutig wäre, den brutalen Killer von hinten zu erledigen. Aber der Ärger mit den sexistischen Kollegen, mit dem Chef, der immer nur ans Sparen denkt, der Zeitdruck, die Müdigkeit, die Skrupel beim Interviewen von Opfern - all das kennen viele Journalistinnen.

Sie setzt sich gegen die blöden Sprüche ihrer Kollegen zur Wehr

 

Der Krimi spielt im Glasgow der achtziger Jahre. Die Sparpolitik Margaret Thatchers hat viele Glasgower arbeitslos gemacht und in Hoffnungslosigkeit gestürzt. Paddy ist die einzige in ihrer Familie, die Geld verdient, Eltern und Geschwister sind auf ihr Gehalt angewiesen. Deshalb steht die Journalistin nicht nur beruflich, sonder auch privat unter Druck. Sie ist Kriminal-Reporterin, kurvt in der Nachtschicht mit ihrem Fahrer durch Glasgow, hört den Polizeifunk ab und taucht überall dort auf, wo etwas passiert ist. So landet sie vor einer teuren Villa, in der sie eine schwer verwundete Frau erkennt. Ein eleganter Herr drückt der Journalistin einen Fünfzig-Pfund-Schein in die Hand und verlangt, sie dürfe keine Zeile über das Gesehene schreiben. Am nächsten Tag erfährt Paddy, dass die Frau ermordet wurde. Vom schlechtem Gewissen gepeinigt - vielleicht hätte sie die Frau retten können - versucht die Journalistin die Hintergründe des Mordes aufzuklären.

Sie hofft natürlich, dass ihr eine gelungene Enthüllungsstory Anerkennung und eine sichere Position in ihrer Zeitung einbringen wird. Denn in der Chefredaktion wurde vom Verlag gerade ein Neuer installiert, der klar gemacht hat: Wer keine tollen Stories liefert, fliegt.

Paddy ist die einzige Frau in der Redaktion und setzt sich selbstbewusst gegen die blöden Sprüche ihrer Kollegen zur Wehr. Sie macht sich ihre Notizen in Kurzschrift und tippt ihre Artikel nach den anstrengenden nächtlichen Recherchen auf der Schreibmaschine. Computer kennt sie nur gerüchteweise: In einer Londoner Redaktion soll es ein Gerät geben, bei dem die getippten Texte auf einem Bildschirm erscheinen und per Telefonleitung direkt in den Druck gehen.

Denise Mina        / Foto: N. Davidson

Realistisch und einfühlsam beschreibt Denise Mina den Gewissenskonflikt der Journalistin: Paddy ist  auf ein gutes Verhältnis zur Polizei angewiesen, um an ihre Informationen zu kommen und gerät in die Bredouille, als sie erkennt, dass einige Polizisten mit den Gangstern gemeinsame Sache machen. Die Polizisten versuchen sie unter Druck zu setzen. Wenn es um die eigenen Pfründe geht, hat die Polizei mit Presssefreiheit plötzlich nicht mehr viel am Hut. Doch Paddy lässt sich nicht klein kriegen. Je tiefer die Journalistin gräbt, desto mehr Schmutz kommt zum Vorschein. Es geht um Korruption, um Drogenbanden, Groß- und  Kleinkriminelle und um eine Stadt im wirtschaftlichen Niedergang.

Die Autorin des Buches, Denise Mina, ist Kriminologin und lebt in Glasgow. Sie hat sich selbst eine Weile lang mit schlecht bezahlten Jobs über Wasser gehalten, weiß also genau, wie sich das Leben am Rande der Gesellschaft anfühlt. Sie beschreibt die Milieus im Glasgow der achtziger Jahre sehr präzise. Ihre Figuren haben immer mehrere Seiten, was die Geschichte so interessant macht. Und die Journalistin Paddy ist ein wunderbares Biest. "The Dead Hour" ist in Großbritannien bereits 2006 erschienen und sehr gut auch auf Englisch zu lesen. Es ist der mittlere Teil einer Romantriologie. Die zwei anderen  liegen ebenfalls in deutscher Übersetzung vor: "Der Hintermann" und "Der letzte Wille".


Denise Mina: "Die tote Stunde". Aus dem Englischen von Heike Schlatterer
Heyne, München 2016, 9,99 Euro

Lesen? Lesen!
Morgen rezensiert Christine Olderdissen "Untenrum frei" von Margarete Stokowski

Anregungen, Meinungen, Kritik

Wir freuen uns über Kommentare.
Sie sollten aber fair sein. Beleidigungen haben bei uns keinen Platz.
Da die Kommentare erst geprüft werden, kann es mit der Veröffentlichung einen Moment dauern.