Mittwoch, 23. November 2016

Mareice Kaiser erzählt in ihrem Buch "Alles inklusive" vom Leben mit ihrer behinderten Tochter

Mareice Kaiser erzählt von schönen, anstrengenden und aufregenden Ereignissen. Foto: Carolin. Weinkopf

Es ist schon lange nicht mehr vorgekommen, dass ich ein Buch in einem Rutsch weggelesen habe. Aber Mareice Kaiser hat mich mit "Alles inklusive" so gefesselt, dass ich das Buch nicht mehr weglegen mochte. Sie nimmt uns mit in das Leben ihrer behinderten Tochter und setzt uns damit einem Wechselbad der Gefühle aus: Freude über die wunderbare Zeit mit dem Kind, Staunen, welche Kräfte die beiden Eltern entwickeln, Ärger über Vorurteile und bürokratische Hürden und Trauer darüber, dass die kleine Greta mit vier Jahren stirbt.

Ich kenne Mareice Kaiser als unsere neue Autorin im Watch-Salon und von ihrem Blog kaiserinnenreich.de. Vielleicht hätte ich das Buch sonst nicht gelesen, denn seitdem mein Nachwuchs erwachsen ist, interessiert mich das Thema Kinder nicht mehr so. Aber das Buch hat mir klar gemacht, wie behindertenfeindlich unsere Gesellschaft ist, wie verletzend Mitleid sein kann und welche Herausforderung und welches Glück ein behindertes Kind bedeuten kann.

Es ist keine Aneinanderreihung von Blogartikeln. Die wenigen, die sie aufgenommen hat, sind fairerweise als solche gekennzeichnet. Sie verstärken die Eindringlichkeit des Buches, da sie ohne zeitliche Distanz und oft voller Freude, Wut oder Empörung geschrieben wurden. Mareice Kaiser berichtet von der schweren Geburt und der Ungewissheit, was mit ihrem Kind genau los ist. Die Schilderungen, wie herablassend und ignorant manche Ärzte und Krankenkassen-Angestellte mit ihr und den Bedürfnissen ihres Kindes umgehen, machten mich bei der Lektüre richtig wütend. Schockiert hat mich auch der Spruch der ältere Dame, die beim Anblick von Greta sagte: "So was gibt´s noch?".

 

Sie will andere Eltern von ihren Erfahrungen profitieren lassen


Dann habe ich mich wieder über die Beschreibung der vielen glücklichen Momente mit Greta, mit ihrer nicht-behinderten jüngeren Schwester und mit den anderen Kindern in der Inklusions-Kita in Berlin gefreut. Wunderbar ist auch der große Erfolg, den Mareice Kaiser mit ihrem Blog hat. In ihrem Buch beschreibt sie, wie sie mit dem Laptop auf dem Spielplatz sitzend, das im Kinderwagen schlafende Baby neben sich, ihren ersten Eintrag schrieb. Sie will mit ihrem Blog andere Eltern von ihren Erfahrungen profitieren lassen. Gleich am ersten Tag klickten über 1000 Menschen auf die Seite. Offenbar war das Interesse am Alltag mit einem behinderten Kind und das Bedürfnis, sich darüber auszutauschen, riesengroß. Leider ließen auch fiese Trollkommentare nicht lange auf sich warten.  Ermutigend ist, wie professionell die Social-Media-Expertin damit umgeht und wie erfolgreich sie dank ihres Blogs den Wiedereinstieg in den Journalismus geschafft hat.

Essen mit dem Löffel hat den gleichen Wert wie Kurvendiskussion

 

In ihrem Buch beschreibt sie ihre Utopie für das Jahr 2025. In allen Schulen wird inklusiv gelehrt: "Die Klassen sind klein. Auf zehn Schüler_innen kommen vier bis fünf Lehrer_innen. Das Lernziel Essen mit dem Löffel hat den gleichen Wert wie das Lernziel Kurvendiskussion." Eltern von behinderten Kindern müssen keine Bittbriefe mehr schreiben oder komplizierte Formulare ausfüllen, sondern bekommen Angebote, die auf die Bedürfnisse ihrer Kinder zugeschnitten sind. Kaisers Idee von einer inklusiven Gesellschaft: "Wir hätten eine Kultur mit einem inklusiven Menschenbild, in der nicht nur die Starken und Leistungsfähigen etwas gelten, sondern alle." Greta wäre 2025 vierzehn Jahre alt. Leider ist sie vor einem Jahr unerwartet gestorben. In ihrem Blog schreibt Mareice Kaiser seitdem auch über die Themen Trauer und Verlust und auch damit trifft sie einen Nerv. Viele Leser_innen teilen diese Erfahrung mit ihr.

"Alles inklusive" ist ein wunderbares Buch, das mir die Augen geöffnet hat, wie intolerant und wenig einfühlsam wir uns oft verhalten. Mareice Kaiser deckt nicht nur Vorurteile gegenüber behinderten Menschen auf, sondern auch gegenüber Eltern, die sich nicht an traditionelle Rollenklischees halten. Und sie erzählt einfach hinreißend von der Liebe zu ihren beiden Töchtern.

P.S.: Ist das nicht bezeichnend: Die Rechtschreibkontrolle erkennt beim Überprüfen dieses Textes die Worte "inklusiv" und "barrierefrei" nicht.

»Alles inklusive – Aus dem Leben mit meiner behinderten Tochter«
erscheint morgen, am 24. November 2016 im S. Fischer Verlag.

Lesungen

24. November 2016, Buchpremiere im taz-Café
um 19:30 Uhr, Rudi-Dutschke-Straße 23, 10969 Berlin
Das taz-Café ist barrierefrei. Eine Gebärdensprachdolmetscherin überträgt die Veranstaltung.

27. November 2016, Lesung in Stuttgart
um 11:30 Uhr im Merlin Kulturzentrum
Augustenstraße 72, 70178 Stuttgart
Paralleles kostenfreies Kinderprogramm: Die Sendung mit der Maus-Screenings.

7. Dezember 2016, Lesung in Hamburg
um 19:30 Uhr bei Leben mit Behinderung Hamburg e.V.
Südring 36, 22303 Hamburg
Die Räume sind barrierefrei. Anmeldung unter info@lmbhh.de.

26. Januar 2017, Lesung in Köln
um 20:00 Uhr bei mittendrin e.V.
Luxemburger Straße 189, 50939 Köln
Die Räume sind barrierefrei. Eine Gebärdensprachdolmetscherin überträgt die Veranstaltung.

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