Mittwoch, 26. April 2017

Die medienkritische Beobachterin – Fünf Fragen an Sissi Pitzer

von Eva Hehemann


Der Journalistinnenbund feiert sein 30jähriges Jubiläum, vom 30. Juni bis 2. Juli 2017 am Gründungsort Frankfurt. Bis dahin stellt der Watch-Salon mit der Interviewserie "Fünf Fragen" in lockerer Folge ganz unterschiedliche Kolleginnen des jb vor, um die Vielfalt unseres Bündnisses und der jeweiligen journalistischen Arbeit zu zeigen. 


"Mehr Frauen auf alle Podien!" fordert Medienredakteurin Sissi Pitzer / Foto: Eva Hehemann

Als Moderatorin bei Medientagungen und -seminaren (u.a. Medientage München, DJV Journalistentag, IFA, FES BayernForum) achtet Sissi Pitzer darauf, mehr Frauen auf die Podien zu holen. Beim BR Hörfunk ist sie zuständig für das MedienMagazin auf B5 aktuell, in der Redaktion Politik und Hintergrund. Sie war viele Jahre als freie Medienjournalistin tätig, erst für Print, später auch für Hörfunk. Dabei ist sie immer interessiert geblieben für neue Entwicklungen wie Online-Medien und Social Media. Wir sind beide begeisterte Twitter-Nutzerinnen und seit letztem Jahr auch beide Teil der Jury für den Courage-Preis des jb, für den wir Kolleginnen vorschlagen, die uns im Jahresverlauf aufgefallen sind. Die Jury-Arbeit schärft noch einmal den Blick auf die Medien und die hervorragende Arbeit, die Journalistinnen in allen Bereichen leisten.



Worauf achtest Du besonders bei Deinen Nominierungen für den jb-Courage-Preis?



Was Frauen in allen Mediengattungen leisten – ob Print, Online, Radio oder Fernsehen –, wird immer noch nicht ausreichend anerkannt. Wenn man sich die Preisträger und Preisträgerinnen beispielsweise des (Henri-) Nannen-Preises oder der Journalisten des Jahres beim medium magazin anschaut, mag man es gar nicht glauben, wie Männer-dominiert das immer noch ist! Was auch daran liegt, dass Männer in den Jurys in der Regel überrepräsentiert sind. Von daher macht es mir besonders viel Spaß, in einer reinen Frauen-Jury zu sitzen, die sich die Arbeiten von Frauen genauer ansieht.

Mir geht es dabei auch um die Themen: Journalistinnen sollen grundsätzlich über alle Lebensbereiche berichten; aber besonders wichtig ist es, dass sie einen Blick auf die Lebenswelten und speziellen Probleme von Frauen werfen. Denn die sind in den Medien ebenso unterrepräsentiert wie die Macherinnen. So halte ich es beispielsweise für unabdingbar, dass ARD- und ZDF-Korrespondentenbüros, die mehr als eine Person beschäftigen, männlich und weiblich besetzt sind. In vielen Gesellschaften, beispielsweise den arabischen Ländern, kommen nur Frauen an Themen heran, die Familien, Kinder, Sexualität etc. betreffen. Ich habe übrigens vor Jahren die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, die ich eigentlich schätze, abbestellt, weil insbesondere im Wirtschaftsteil fast nur Männer geschrieben haben.


Eigentlich hast Du Deine gesamte berufliche Laufbahn schwerpunktmäßig mit kritischer Medienbeobachtung verbracht. Wie kam es dazu?


Ich bin Anfang der 80er Jahre mit dem Studium fertig geworden, da begann in Deutschland gerade das duale Rundfunksystem mit privaten Rundfunkanbietern, alles war im Umbruch und sehr aufregend. Das Thema hat mir einfach Spaß gemacht, damals war die große Zeit im Medienjournalismus, es gab viel mehr Branchendienste und mehr und bessere, da gesellschaftspolitisch orientierte Medienressorts in den großen Tages- und Wochenzeitungen. Für die meisten habe ich geschrieben. Da ging es um Medienpolitik und -wirtschaft, nicht um Portraits irgendwelcher Tatort-Kommissare oder Netflix-Serien. Und da ich sehr lange als freie Journalistin unterwegs war, habe ich schnell erkannt, dass eine solche Spezialisierung Geld wert ist.


Du arbeitest als Redakteurin beim Hörfunk des BR. Was reizt Dich am Radiomachen?


Meine Ausdrucksform ist die Sprache – ich komme ja von der Ausbildung her aus dem Printbereich. Fernsehen hat mich nie gereizt, das ist mir im Aktuellen zu oberflächlich, Bilder dominieren, Text ergänzt sie nur. Radio hat eine eigene Sprache, sie schafft im besten Fall „Kino im Kopf“. Dass sich geschriebene und gesprochene Sprache unterscheiden, habe ich voll Freude entdeckt, als mich der WDR Ende der 80er gefragt hat, ob ich bei der damaligen Feature-Reihe zu Medienthemen mitmachen wolle; später war ich Süddeutschland-Korrespondentin für „Töne, Texte, Bilder“, das erste Medienmagazin im ARD-Hörfunk. Und Jahre später bekam ich vom BR den Auftrag, eine solche Sendung für die Infowelle B5 aktuell zu entwickeln. Die hat sich sehr früh auch online und in social media engagiert. Einen besonderen Schwerpunkt lege ich seit einigen Jahren auf das Thema Pressefreiheit, ob im In- oder Ausland, da arbeite ich viel mit unseren Korrespondentinnen in den ARD-Studios zusammen. Außerdem machen wir gerade eine Serie zu interessanten Medien-Startups vor allem, aber nicht nur in Deutschland.


Sissi Pitzer


Verantwortliche Redakteurin
"Das MedienMagazin" auf B5aktuell

Branche: Hörfunk
und Journalist*innen-Ausbildung
Beruf: Journalistin, Dozentin
Standort: München
jb-Engagement: Regionalgruppe München, Jury-Mitglied für den jb-Courage-Preis


Als Mitglied im jb und bei proQuote bekennst Du Dich zum Feminismus, aber Du setzt Dich auch bei Branchen-Events für Frauen ein. Hast Du eine bestimmte Strategie?


Ich bin vorlaut – ob das eine gute Strategie ist, mögen andere beurteilen. Ich habe mir angewöhnt, meine Meinung laut zu sagen, beispielsweise wenn Panels nicht oder nicht ausreichend mit Frauen besetzt sind. Das sage ich als Moderatorin von Podiumsdiskussionen meinen Auftraggebern und als Autorin in meinen Beiträgen. Vom Veranstalter einer solchen männlich dominierten Diskussionsreihe aus Mainz hat mir das einmal eine Beschwerde bei meinem Intendanten eingebracht!

Besonders wichtig war mir der lautstarke Protest bei den Münchner Medientagen. Die begleite ich journalistisch von Beginn an – und es wurden einfach nicht mehr Frauen auf den zahlreichen Podien, ihr Anteil lag konstant bei knapp 20 Prozent. Irgendwann hat es mir einfach gereicht. Dass wir mit unserem offenen Brief 2014 für so viel Wirbel gesorgt haben, habe ich dem Zusammenwirken von jb, ProQuote, Webgrrls und  Digital Media Women zu verdanken. Die haben sich zu „Media Women Connect“ (der Name stammt von Angelika Knop) zusammengeschlossen, inzwischen arbeiten in München acht Frauen-Netzwerke zusammen, das ist ein toller Erfolg. Auch wenn sich die Zahl der weiblichen Panelisten bisher nur auf rund 25 Prozent erhöht hat und wir uns bei den Medientagen auch nicht weiter engagieren wollen – das Thema ist gesetzt. Netzwerken über berufliche und geografische Grenzen hinweg – wir wollen z.B. auch mit Gleichgesinnten aus Österreich zusammenarbeiten –, das ist für mich die zukunftsweisende Strategie!


Wärest Du heute jung, würdest Du Dich immer noch für den Beruf der Journalistin entscheiden?


Journalistin war mein Traumberuf und es ist immer noch der einzig richtige für mich. Ständig neue Themen, interessante Interviewpartnerinnen, neue Formate – das wird nie langweilig. Und es macht mir auch Spaß, mich um den journalistischen Nachwuchs zu kümmern – ob die Hospitanten und Volontärinnen beim BR oder früher meine Studierenden. Und aktuell als Mentorin bei den Neuen deutschen Medienmachern. Besonders ermutigen möchte ich Frauen – damit sie ihr Können sichtbar machen und sich nicht von den immer noch männlich dominierten Redaktionsleitungen abhalten lassen, nach den Sternen, sprich nach Führungspositionen, zu greifen. Und zwar auch mit Kind und Familie!


Schön, dich im jb dabei zu haben, Sissi!

***

In dieser Serie erschien bereits:

Die multimediale Preisträgerin - Fünf Fragen an Katharina Thoms
The flying Journalist - Fünf Fragen an Christa Roth
Die vielgereiste Dozentin - Fünf Fragen an Cornelia Gerlach
Die flexible Vermittlerin - Fünf Fragen an Jasmin Lakatos
Die vielseitige Freie - Tina Srowig
Die forschende Blattmacherin - Fünf Fragen an Barbara Nazarewska
Die schreibende Psychologin - Fünf Fragen an Nele Langosch
Die Neue im Team - Fünf Fragen an Eva Hehemann
Die Gründerinnen des Medienlabors - Fünf Fragen an Helga Kirchner und Sibylle Plogstedt

Weitere interessante Kolleginnen im Journalistinnenbund finden sich in der Expertinnendatenbank.

Kommentare

  1. ein sehr informatives Interview, bei all den Links. Und in meinen Augen ein wichtiger Schlussatz: Und zwar auch mit Kind und Familie!
    Denn wenn ich sehe, wie viele (junge) Frauen - gerade unter den Journalistinnen und Wissenschaftlerinnen - das Kinderkriegen verschieben (müssen), wird mir "bange". Auch deshalb, weil sich so mit der Zeit ihr Horizont verschiebt. Und dadurch jener der RezipientInnen. Man könnte wie in der Medizin von Bias sprechen. (Das sage ich mal als langjährige Wissenschaftsjournalistin.)

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