Donnerstag, 21. September 2017

Schloss aus Glas - ein Film über die Macht der Familie

von Magdalena Köster

Größenwahn und Geborgenheit schließen sich in dieser Familie nicht aus  /  Foto: StudioCanal

"Was wollt Ihr in einer echten Schule? Ihr lernt, indem Ihr lebt! Und vergesst nicht, in uns brennt ein Feuer." Schwer, sich diesem Vater zu entziehen, der seinen Kindern das Weltall erklärt, sie mit fantastischen Geschichten und nächtlichen Wüstenwanderungen in ihrem Selbstvertrauen stärkt und jeden Zweifel des Rudels mit seinem täuschend echten Wolfsgeheul wieder einfängt. Lieblingstochter Jeannette wird es schaffen, diesem charismatischen Menschen zu entkommen, und sie wird nicht, wie das Schloss aus Glas, daran zerbrechen.



Jeannette Walls ist eine US-amerikanische Journalistin, die mit dem gleichnamigen Buch "Schloss aus Glas" vor zwölf Jahren Furore machte - es stand mehrere Jahre lang auf der Bestseller-Liste der New York Times, mit einer millionenfachen Auflage rund um die Welt. Dieser Erfolg ist hart erkauft, denn die Autorin erzählt hier ihre eigene Lebensgeschichte. Über ihre Kindheit mit drei Geschwistern und zwei intelligenten, aber größenwahnsinnigen Eltern - Hippies, Umweltschützer, Weltverbesserer - die ihre Kinder lieben und fördern, aber nicht in der Lage sind, ihnen täglich etwas zu essen zu geben.

Stattdessen ein Leben im Auto, im engen Wohnwagen, in schmutzstarrenden Abbruchhäusern ohne Strom und Wasser, immer auf der Flucht vor der Realität oder den Gläubigern, die den Kindern als Spione des Staates verkauft werden. Bevor die vier unregelmäßig zur Schule gehen, blicken sie in Physik und Mathe durch, können lesen und schreiben, schämen sich aber in ihren dreckigen Fetzen und stehlen den Mitschülern manchmal die Butterbrote, weil ihnen der ewige Hunger so zusetzt.


Ein charmanter Vater und manchmal nur ein betrunkener Mann


Der Film greift einige der Schlüsselszenen aus Walls Kindheit auf. Während sie als Erwachsene von der Oscar-Gewinnerin Brie Larson dargestellt wird, setzt Regisseur Destin Cretton zwei  überzeugende Darstellerinnen für die Kinder- und Jugendzeit ein. Als kleines Mädchen steht Jeannette auf einem Hocker am Herd und kocht Würstchen, weil Mama malen muss. Ihr Kleid fängt Feuer, sie trägt große oberflächliche Verbrennungen davon. Mit brutalem Eigensinn wird die Kleine nach ein paar Tagen aus der Klinik entführt, weil man ja doch weiter muss.
Später schmeißt der Vater Jeannette ins tiefe Wasser, sie glaubt zu ertrinken, er zieht sie lachend heraus. "Nur so lernst du schwimmen, meine liebe Bergziege." Nach den ersten zehn Minuten hasst man diesen Mann (hervorragend verkörpert von Woody Harrelson), dann wieder wickelt er uns ein, mit seinem Charme, seiner Lebenslust, es ergeht uns ein wenig wie seinen Kindern.


Wie entkommt ein Kind einem so rauen Glück von Liebe und Vernachlässigung?


Es herrschen symbiotische Beziehungen innerhalb dieser Familie. Sie alle bekommen nicht, was sie brauchen, können sich aber auch nicht voneinander lösen. Vorläufig - denn die Geschwister erkennen früh, dass sie sich auf die Erwachsenen nicht verlassen können, dass eher sie selbst die Eltern sind, die auf die Großen achten. "Wir müssen uns selbst erziehen." Eisern sparen sie jeden Pfennig, den sie durch Nachhilfe und Autowaschen verdienen. Denn nie wird ihre Mutter (Naomi Watts) ihren Traum der malenden Bohémienne aufgeben, nie wird sie irgendwelches Geld nach Hause bringen, nie sich von ihrem trinkenden Mann voller Power und scheinbarer Genialität trennen. Und nie wird es dem Vater gelingen, das versprochene Sonnenenergie-Haus aus Glas zu bauen.

Essen kann doch nicht so wichtig sein wie Malen  / Foto: Lions Gate Entertainment

Die Autorin der Filmvorlage hat mit 17 Jahren den Absprung geschafft, ist heimlich ihrer älteren Schwester nach New York gefolgt, hat eisern gejobbt und gelernt, um gute Schul- und Uniabschlüsse zu erreichen. Sie hat sich Tischmanieren und ein etwas spießiges Modebewusstsein beigebracht und macht in den 1980er Jahren Karriere als Journalistin für Gesellschaftsthemen. Ihrem Umfeld verschweigt sie, aus welchem Elend sie kommt, bis ihr die Eltern als Häuserbesetzer in New York wieder auf die Pelle rücken. Ein feines Essen mit Perlenkette, ihrem Freund, dem Finanzberater, und zwei älteren Rich People, machen ihr deutlich, dass sie ihre zwei Leben zusammenführen muss, um sich dem Trauma ihrer Kindheit zu stellen. Bevor andere sie überführen, setzt sie sich selbst hin und schreibt ihre Geschichte auf.

Auch wenn der Film an mancher Stelle schwächelt, die Figuren mit ihren rotgefärbten Zottelhaaren etwas holzschnittartig daher kommen und die Sprünge zwischen der erwachsenen und jungen Protagonistin mitunter anstrengen, gelingt ihm doch ein intensiver Blick auf die widersprüchliche Gemengenlage einer Familie und deren unglaubliche Bindungsfähigkeit. Und es klopft einem das Herz, wenn der Regisseur am Ende des Films die echten Mitglieder der Familie Walls auf die "Bühne" holt. Der Vater ist inzwischen gestorben, mit der störrischen Mutter hat sich die Journalistin zwar nicht wirklich versöhnen können, hat ihr jedoch ein eigenes Haus gebaut. Ihren Geschwistern aber ist sie bis heute loyal verbunden.

"Schloss aus Glas", ab 21. September im Kino.
Regie: Destin Cretton
nach dem autobiografischen Roman von Jeannette Walls
u.a. mit Brie Larson, Naomi Watts, Woody Harrelson

Kommentare

  1. Der Film ist längst nicht so beklemmend wie das Buch - wie auch.
    Ja, man kann auch mal eine Stinkwut auf's linke weiße Prekariat kriegen - diese Eltern haben Laissez faire genannt, was schlimmste Vernachlässigung war!
    Selten hatte ich so viel Verständnis für den Wunsch auf Perlenkette.

    Margit Schlesinger-Stoll

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