Mittwoch, 4. September 2019

Petting statt Pershing - Kinodebüt Petra Lüschow

von Christine Olderdissen

Yeah, Ursula (Anna Hornstein) befreit sich. / Foto: Jutta Pohlmann - Kordes & Kordes Film

Ich wollte das Wiedersehen, die Konfrontation mit meinem 17jährigen Ich. Erwartungsfroh habe ich mich mit einem Nogger Choc in den Kinosessel fallen lassen. (Ähem, für die Jüngeren: Nogger Choc war ein kultiges Eis, damals, Jahrzehnte vor Magnum. Jetzt gibt es das Schokoeis mit Schoko-Kern wieder.) Bingo. Volltreffer: „Petting statt Pershing“. Diese lähmende Atmosphäre der leeren Landschaft, die schlecht sitzenden Frisuren der Jungs, die Makramee-Deko an der Flurwand (für die Jüngeren: dekorative Verknüpfungstechnik für Wollreste, meist verstaubt und heute aus der Mode). So, genau so, war es. Nur als „lustigste Komödie des Jahres“ würde ich „Petting statt Pershing“ nicht bezeichnen.


Eher ein erschreckend lebensnahes, fast schon dokumentarisches Abbild der späten 70er und frühen 80er Jahre in der Provinz, der ich durch meine Flucht nach West-Berlin, wie so viele andere meiner Generation, glaubte entkommen zu können. Ging nicht ganz, dann wir fuhren ab und zu, oder spätestens Weihnachten, nach Hause, in die Dörfer und Kleinstädte. Da lebten die, mit denen wir in die Schule gegangen waren, immer noch in diesen Einfamilienhäusern mit den Schrankwänden und Makramee-Wandbehängen. Ich sag´s gleich, ich hatte schlechte Laune, als ich aus dem Film kam. Nicht weil der Film schlecht ist, sondern weil er das so gut Verdrängte aus dem Gedächtnis holt.


Familienfoto im Seventies-Look: Häkelkleid und Kordanzug vor obligatorischer Schrankwand / Foto: Jutta Pohlmann

„Ich leg immer den Finger auf die Wunde“, erzählt mir Regisseurin Petra Lüschow, „und arbeite dann mit Humor“. Den muss sie auch persönlich behalten, denn der Weg von der Idee fürs Drehbuch über die Filmförderung bis hin zur Premiere ist ein weiter. Viele, viele Leute reden mit und manchen fehlt dabei das Gespür für Humor. Immerhin konnte sie mit einem großen Frauenteam drehen, mit Kamerafrau Jutta Pohlmann und den Schwestern Alexandra und Meike Kordes als Produzentinnen, wenn auch mit kleinem Budget. Im deutschen Film ist die Komödie ein besonders schwieriges Genre, trotzdem wagt sie gerade hier ihr Spielfilm-Debüt. Als professionelle Drehbuchschreiberin überhöht Petra Lüschow diese unsägliche Zeit, die meine Generation durchlitten hat, mit einer Geschichte, wie sie so ähnlich irgendwo in einem Dorf passiert sein könnte.

Eher tragisch als komisch finde ich das, was Ursula (Anna Hornstein) mit der runden Nickelbrille durchmacht, nachdem sie in ihr Tagebuch nicht mehr nur kluge Gedanken einträgt, sondern auch das Geständnis, dass es an der der Zeit sei, ihre Jungfräulichkeit zu verlieren. Weil es mit den Jungs nichts wird, geht die Gymnasiastin auf den smarten Lehrer (Florian Stetter) los, einer, der es mit jeder treibt, nur anstandsweise nicht mit ihr. Joah, lustig? Ich bin emotional viel zu beschäftigt, mich mit dem dicken Mädchen solidarisch zu fühlen. Statt zu kichern denke ich gequält an meine Zeit der Spätpubertät. Aber in den USA, so berichtet Petra Lüschow, da haben die Leute im Kino gelacht. Mal sehen, wie der Film bei uns funktioniert. Er läuft ja jetzt erst an.

Filmplakat / Kordes & Kordes Film
Ich würde den Film gern noch einmal sehen, im Kreise liebster Freundinnen – und dann diskutieren. Wie habt Ihr die 70er und 80er Jahre erlebt? Wie verklemmt und spießig war das alles? Wie hat sich unsere Erinnerung verschoben? Und dann noch das: Die „alten weißen Männer“ von heute, das sind die Jungs, mit denen wir zur Schule gegangen sind oder ein paar Klassen drüber. Warum haben die nichts geschnallt? O.K., die Guten haben mit uns gegen die Pershings demonstriert und gegen AKWs - und die Grünen gegründet. Aber was Feminismus ist, das begreifen gerade erst ihre Söhne. Und die anderen, nun ja, hoffnungslos.

Also die Ursula, ich hätte sie ja lieber Gaby genannt, die flätzt sich genau wie ich damals in den Sessel - mit den Beinen über den  Armlehnen, das musste so sein. Und dann sitzt da auf dem Sofa ihre Mutter (Christina Große), die sich mehr vom Leben erwartet hat. Als Handarbeitslehrerin weiß sie immerhin mit dem Makramee-Knüpfen höchst originell umzugehen (ich spoiler das hier mal nicht weiter!). Diese Mütter kennen wir, die ihre Töchter das Gleiche durchleiden lassen, was sie selbst durchmachen mussten - ein deutlicher Seitenhieb der Drehbuchschreiberin Petra Lüschow. Die Mutter-Tochter-Konflikte meiner Generation waren heftig. Wir wollten uns selbst befreien, wir, die Töchter, und seltener noch unsere Mütter. Und Ursula (Gaby)? Schaut selbst, am Schluss, da wird’s knallig. Dafür und für den 80ies-Grusel lohnt sich der Kinobesuch.

"Petting statt Pershing" startet am 5.9.2019 bundesweit in vielen Kinos

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