Mittwoch, 11. September 2019

Lale Akgün und der aufgeklärte Islam

von Eva Hehemann

Lale Akgün (2. von re.) bei der Feier eines deutsch-türkischen Frauenvereins in Köln, 8. März 2009
Foto: Eva Hehemann

Vor genau zehn Jahren hatte ich die Gelegenheit, für mein Buch über Frauen-Netzwerke an einer Feier des deutsch-türkischen Frauenvereins des türkischen Generalkonsulats in Köln-Hürth teilzunehmen. Anlass war der Internationale Frauentag. Im Kontrast zu den eher trockenen politischen Veranstaltungen in deutschen Rathäusern erlebte ich ein rauschendes Fest. Alle Frauen hatten sich schick angezogen, aßen, sangen, tanzten und feierten ihre Weiblichkeit, selbstbewusst und stolz. Ich war sehr beeindruckt! Dass ich dabei sein konnte, verdankte ich Lale Akgün.

In Istanbul geboren, kam Lale Akgün mit neun Jahren nach Deutschland, ist seither in Köln zuhause. Mit Ende zwanzig nahm sie die deutsche Staatsbürgerschaft an, trat in die SPD ein, wurde 2002 direkt in den deutschen Bundestag gewählt. Sie engagierte sich zeitlebens in der Sozialpolitik, nutzte ihre berufliche Expertise als Psychologin auch bei ihrem Einsatz für Integration und vor allem für eine Liberalisierung des Islam in Deutschland. 2008 veröffentlichte sie ihr erstes Buch “Tante Semra im Leberkäseland“. Die humorvolle Schilderung des ganz normalen Alltags einer deutsch-türkischen Familie war ein großer Erfolg. Letztes Jahr erschien von ihr „Platz da! Hier kommen die aufgeklärten Muslime“. Der Titel ist Programm und Lale Akgün nutzt ihre Lesungen, um für Integration zu werben. Ich möchte wissen, wie sie den Stand der Dinge beurteilt.

Bei der Feier an jenem 8. März 2009 trug von den etwa hundert Frauen jeden Alters nur eine ein Kopftuch. Würde das heute immer noch so aussehen?


Nein, ganz bestimmt nicht. In den letzten zehn Jahren ist viel Wasser den Rhein hinuntergeflossen und leider auch den Bosporus, und der Bosporus hat, wie Sie wissen, zwei Strömungen, da geht es mal in die eine, mal in die andere Richtung. Und genauso ist auch die Politik in der Türkei. Es hat sich dort eine unglaubliche Polarisierung herausgebildet, nämlich zwischen den aufgeklärten und den orthodox-muslimischen Frauen. Ähnliches hat sich auch in den arabischen Ländern abgespielt. Wir haben auf der einen Seite sehr konservative Frauen, die sich völlig den Anforderungen des orthodoxen Islam unterordnen und wir haben junge und gut gebildete Frauen, die sich gegen die Rolle der Frau im orthodoxen Islam wehren.

Es gibt z.B. in Tunesien eine Gruppe junger Frauen, die während des Ramadan für „Laïcité pour tous!“ demonstrieren. Sie wollen im Ramadan nicht fasten, was ihr gutes Recht ist.  Aber halt nur in einem säkularen Land. Dort, wo sich das Gesetz nach dem Koran richtet, müssen alle fasten. Die Einhaltung des Ramadans ist übrigens ein gutes Beispiel dafür, wie der Druck des orthodoxen Islam überall zugenommen hat. Selbst in der Türkei sind die Kneipen über Ramadan geschlossen. Warum? Es sollte doch jedem selbst überlassen bleiben, ob er oder sie fastet oder nicht. Aber nein, man wird fremdbestimmt. Und noch schlimmer, die Menschen müssen sogar so tun, als würden sie fasten, um keine Probleme zu bekommen. Wenn ich öffentlich zugebe, dass ich nicht faste, werde ich von den Orthodoxen beschimpft, das sei respektlos. Was ist daran bitte respektlos? Wieso sollte ich opportunistisch so tun als ob ich faste, um meinen Respekt zu bekunden? Weder muss ich fasten, noch muss ich mich dafür entschuldigen, wenn ich es nicht tue.

Wer Sie als Kritikerin auf diese Weise moralisch abwertet, erspart sich die Auseinandersetzung mit Ihren Argumenten. Sind das nicht Mobbing-Mechanismen?


Genau. Zum einen werde ich als eine liederliche Person dargestellt, deren Lebensstil eh abzulehnen ist. Zum anderen wächst der Druck auf jede einzelne Frau sich anzupassen, um nicht in der gleichen Schublade zu landen wie ich und damit das Wohlwollen des Patriarchats zu verlieren. Das ist das Gegenteil von Aufklärung. Vielleicht wird Aufklärung heutzutage nicht mehr als zeitgemäß gesehen, aber ich bin stolz darauf, aufgeklärt zu sein und die Dinge kritisch zu hinterfragen.

Lale Akgün ganz entspannt in ihrem Garten.
Foto: Eva Hehemann
Dabei bin ich nicht einmal religionskritisch in dem Sinne, dass ich den Leuten beweisen müsste, dass Gott nach wissenschaftlichen Kriterien nicht existieren kann. Jeder soll nach seiner Façon selig werden.

Ich sage aber, es gibt objektive und subjektive Wahrheiten und Religion ist eine subjektive Wahrheit. Auch Gott ist eine subjektive Wahrheit. Für die einen existiert Gott, aber für die anderen eben nicht. Die subjektiven Wahrheiten haben auch ihren Platz, aber in der dazu gehörigen Community.

Ich kann meine subjektive Wahrheit nicht allen anderen aufzwingen und als Gesetz geltend machen. Für die einen ist Fasten Gottes Gesetz, für die anderen nicht. Solange der religiöse Glaube in der jeweiligen Community bleibt, habe ich damit kein Problem. Sobald aber wegen des Glaubens die Evolutionstheorie aus den Schulbüchern verschwinden muss, wie in der Türkei oder im sogenannten Biblebelt der USA, habe ich damit ein Problem. Da wird ein Glaubenssatz wie „Gott hat die Welt in sieben Tagen erschaffen“ für alle geltend gemacht. Das geht nicht!

Im Moment haben wir in Deutschland das Problem, dass die muslimischen Verbände ihre subjektive Wahrheit und ihr subjektives Verständnis des Islams für alle gleich geltend machen wollen. Sie beanspruchen die Definitionshoheit für sich und wollen sie allumfassend über diese Gesellschaft ausbreiten. Das bekommt weniger die Mehrheitsgesellschaft mit als die liberalen, säkularen Muslime. Sie werden im besten Fall beleidigt, im schlimmsten Fall bedroht. Dagegen wehre ich mich. Wir haben Religionsfreiheit und die Gläubigen können im Privaten tun, was sie wollen. Aber sie müssen akzeptieren, dass es eben auch andere Menschen aus muslimischen Ländern gibt, die den Islam anders sehen und beurteilen als sie. Schwierig wird es auch in dem Moment, wo ein Kindergarten, eine Schule oder ein Krankenhaus mit Steuergeldern finanziert werden. Das gilt übrigens ebenso für die christlichen Kirchen. Die allgemein verbreitete Annahme, dass die Kirchen so viel für die Gesellschaft täten, ist irreführend; konfessionelle Kindergärten, Schulen und Krankenhäuser werden zum allergrößten Teil aus Steuermitteln finanziert.

Wenn Deutschland säkularer wird, wird es wohl allen religiösen Institutionen an die Geldtöpfe gehen, oder? 


Richtig. Dabei geht es mir weniger um die Kirchensteuer, die ja eher eine Dienstleistung des Staates ist, der diese Steuer für die Kirchen einzieht und verteilt. Mich stört eher, dass der Staat die christlichen Wohlfahrtsverbände finanziert und den Leuten draußen immer suggeriert wird, dass die Gesellschaft zusammenbrechen würde, wenn nicht die Kirchen so viel Geld ins System stecken würden. Ich bin übrigens immer wieder fasziniert, wie bestimmte gesellschaftliche Gruppen stets sehr einverstanden sind, wenn ich den Islam kritisiere, aber recht schmallippig reagieren, sobald ich die Kirchen kritisiere. Da fehlt nicht viel, dass man mir sagt, ich hätte dazu kein Recht, ich sei ja nur ein Gast. Sie wissen schon, diese wunderbare Bereicherungsprosa, die gern den Ausländern zugesprochen wird, wenn sie nur lächeln und sich sonst nicht einmischen. Aber dieses Recht, mich einzumischen, nehme ich mir, denn dies ist auch mein Land, es sind meine Steuern und ich möchte und werde hier dieses Land mitgestalten.

Was meinen Sie – ist eine solche zurückweisende Haltung der Gesellschaft gegenüber deutschen Muslimen einer der Gründe für die Bildung von Parallelgesellschaften?


Auch. Aber nicht nur. Die sogenannte Parallelgesellschaft ist ein abendfüllendes Thema. Fakt ist, die Parallelgesellschaften sind da und wir müssen damit umgehen. Und das tun wir nicht aufrichtig. Wir tabuisieren viele Dinge. Sogar bei der Frauenfrage. Feminismus muss doch herrschaftskritisch sein. Wenn wir als Demokraten gewisse Entwicklungen und Zustände wie in diesen Parallelgesellschaften nicht kritisieren, sondern sie tabuisieren oder sogar zulassen, dass die berechtigte Kritik als Diskriminierung ausgelegt wird, dann übernimmt das die AfD. Und wenn die AfD Dinge sagt, von denen große Teile der Gesellschaft finden, das könnten sie unterschreiben, dann haben wir Demokraten etwas verkehrt gemacht. Die AfD ist nicht die Ursache dieser Misere, sondern deren Folge.

Sehen Sie, ich sage da ganz marxistisch: Das Sein bestimmt das Bewusstsein. Wir können es nicht leugnen, dass die Laizität in der Türkei, dass die Reformen Atatürks, einen großen Wandel in der Rezeption des Islams mit sich gebracht haben. Das war mehr als eine Reform, das war eine Revolution. Im Nachfolgestaat des osmanischen Reiches, dessen Sultan gleichzeitig Kalif und damit Oberhaupt aller Muslime gewesen war, wurde eine strikte Trennung zwischen Religion und politischer Macht vorgenommen und die Religion wurde zur Privatsache erklärt. In meiner Kindheit wurde niemand wegen seines “unmuslimischen” Verhaltens gerügt, verfolgt oder gar bestraft. “Das ist eine Sache zwischen ihm und Gott” war der Leitspruch. Schauen Sie mal, wie früh in der Türkei die Gleichstellung der Frau erreicht wurde. 1930: Abschaffung der Vielehe und die Einführung der Zivilehe, 1924: gleiche Bildungsmöglichkeiten für Jungen und Mädchen, 1934: Einführung des aktiven und passiven Wahlrechts. Das alles wurde durch Laizität möglich und dadurch, dass die Scharia abgeschafft wurde.

Wenn ich mir die “muslimischen Staaten” von heute anschaue und die Rechte der Frauen dort, dann weiß ich, dass es ohne Reformen und ohne die Abschaffung des islamischen Rechts zugunsten eines Rechtsstaates keine Gleichberechtigung für Frauen geben kann. Ich sage das alles, damit klar wird: verschleierte Frauen, Polygynie, Frauenunterdrückung – das sind keine Tatsachen, die man tabuisieren oder gar romantisieren sollte, indem man bei Muslimen andere Kriterien ansetzt als beim Rest der Bevölkerung und diese Tatsachen als kulturelle und religiöse “Besonderheiten” akzeptiert.

Im Christentum hat die Aufklärung damit begonnen, dass die Bibel in die Sprache der Gläubigen übersetzt wurde und die Heilige Schrift damit allen für ihre eigenen Auslegungen zugänglich gemacht wurde. Beim Koran wird hingegen immer gesagt, er sei unübersetzbar. Was ist da zu tun?


Ja, das ist sehr wichtig. Der Koran ist selbstverständlich übersetzbar und muss auch in die Sprachen der Gläubigen übersetzt werden. Den Koran für „unübersetzbar” zu erklären und nur auf Arabisch zu lesen, führt zu einer unkritischen Auslegung durch die Imame. Aber auch die Übersetzung des Korans reicht nicht aus, wenn die Gläubigen nicht lesen können.

Das neueste Buch, erschienen 2018
Diejenigen, die eine Aufklärung für den Islam fordern, sollten a) dafür sorgen, dass die Gläubigen den Koran verstehen können und b) dafür, dass die Gläubigen alphabetisiert sind. Denn was nützt es, den Koran zu übersetzen, wenn in einem muslimischen Land 40% der Frauen Analphabetinnen sind? Sieht man sich Länder wie Bangladesch oder Pakistan an, wo die Analphabeten-Quote, gerade unter den Frauen, besonders hoch ist, dann wundert es mich nicht, dass in diesen Ländern auch die Unterdrückung der Frau besonders hoch ist. Wenn man diese einfachen Zusammenhänge nicht verstehen will und alles tabuisiert, was mit einer konstruktiven Kritik am Islam zusammenhängt, dann hat man das Konfliktpotential einfach nicht begriffen. Damit überlässt man den ultra-orthodoxen Menschen, die nichts verändern wollen, das Feld. Als auf der Islam-Konferenz des Innenministeriums im November 2018 das Wort vom Deutschen Islam fiel, gab es Empörungswellen, auch vonseiten der Verbände, also DITIB usw. Natürlich muss es irgendwann einen deutschen Islam geben. Erst dann wäre der Islam ein Teil der Gesellschaft und nicht eine exotische Religion.

Ein wichtiges Kriterium dafür ist aber – neben anderen Kriterien –, dass der Koran kritisch-hermeneutisch gelesen wird. Ohne auf dieses wichtige Thema näher einzugehen; dabei geht es darum, dass auch die Auslegung des Korans mit der Zeit gehen muss. Und der Koran mit Verstand gelesen wird. (Übrigens kommt das Wort Verstand im Koran 49-mal vor. 49-mal fordert der Koran die Menschen auf, ihren Verstand einzusetzen, aber who cares?) Jedenfalls kommen wir mit Sprüchen wie: „Der Koran muss genau so verstanden werden wie er ist, bis zum jüngsten Tag darf kein Jota darf daran geändert werden“ nicht weiter.

Nehmen Sie Iftekhar Ahmed, einen 32-jährigen Imam der deutschen Ahmadiyya-Gemeinschaft. Er sagte bei der Jahreskonferenz im Juli 2019 in Karlsruhe: „Im westlich-säkularen Denken wurde an die Stelle von Gott die Vernunft gesetzt. Diese Absolutsetzung der Vernunft ist nicht mit dem Islam in Einklang zu bringen. In dieser Hinsicht ist die erkenntnistheoretische Position des Islam sehr klar. Und diese steht der westlich-säkularen Position diametral entgegen.“ Damit steht Herr Ahmed meinen Positionen diametral entgegen. Denn diese Aussage bedeutet, dass es keine Aufklärung im Islam geben kann. Da kann er noch so sehr mit Namen von aufgeklärten Philosophen um sich werfen, um zu zeigen, dass er gebildet ist. Gebildet vielleicht, aber nicht aufgeklärt. Und das ist das Problem. Denn einen aufgeklärten Islam kann es nur geben, wenn die Zahl der aufgeklärten Muslime jeden Tag ein bisschen mehr wird. Gleichzeitig brauchen die aufgeklärten Muslime Gehör in der Gesellschaft, auch wenn sie nicht so exotisch und aufregend daherkommen.

Stattdessen tragen aber immer mehr auch junge Frauen ein Kopftuch und betonen damit sichtbar, wie wichtig ihnen für ihre Identität der Glaube ist. Wie ist das zu verstehen?


Bei dem Postulat, Dinge mit Verstand zu hinterfragen, landet man unweigerlich beim Kopftuch. Ist ja ein Aufreger-Thema. Auch für mich.

Was bedeutet das Kopftuch? Die orthodoxen Muslime sagen, es ist der Befehl Gottes, dass Frauen sich verhüllen. Wenn man aber den Koran richtig liest, so sieht man, dass es darum geht, Frauen zu schützen – vor Männern. So gesehen kann man sagen, okay, vor 1400 Jahren musste man sich als Frau vor Männern schützen, weil die sich nicht an bestimmte Regeln gehalten haben, nicht zivilisiert waren. Aber im 21. Jahrhundert, in einem Rechtsstaat haben wir andere Kriterien! Da muss eine Frau sich nicht mehr durch Verhüllung schützen, sondern der Mann muss sich beherrschen, weil beide gleichberechtigt sind. Auch die Frau muss sich ja beherrschen können. Ich stürze mich doch auch nicht auf einen jungen Mann, der mir gefällt. Genauso muss sich auch ein Mann zurückhalten können, wenn er eine junge Frau sieht. Deswegen brauchen wir das Kopftuch nicht mehr, es ist überflüssig.

Auf der Feier zum Frauentag im Jahr 2009 in Köln trug nur eine Frau ein Kopftuch.
In den Ansprachen war viel von Atatürk die Rede. / Foto: Eva Hehemann


Warum wird das Thema so tabuisiert? Warum können wir nicht offen und normal in der Gesellschaft darüber reden? Stattdessen werden die Frauen, die es tragen, entweder als Ungeheuer geschildert – aus Sicht der Rechten – oder als Opfer. Und beides stimmt nicht! Ich finde, wenn eine erwachsene Frau, trotz allem, sich als Sexualobjekt fühlt und das Kopftuch tragen will, so ist das ihre Entscheidung. Das ist ihr Problem, nicht meins.  Aber wenn andererseits schon Mädchen das Kopftuch umbinden sollen – Grundschulkinder! – und irgendwelche linken Frauen verteidigen das und regen sich darüber auf, dass ein Kopftuch-Verbot an Grundschulen gefordert wird, dann verstehe ich das nicht mehr.

Eine hübsche Begegnung möchte ich Ihnen nicht vorenthalten, weil sie auch zeigt, wie wenig man in Deutschland über das Kopftuch weiß. Bei einer Podiumsdiskussion vor einiger Zeit stand ein junger Mann auf und fragte mich: „Frau Akgün, warum regen Sie sich so über das Kopftuch auf? Das müssen doch nur junge, hübsche Frauen tragen. Sie sind alt, sie brauchen es doch nicht zu tragen.“ Die Zuschauer waren empört über seine vermeintliche Unhöflichkeit und auch falsche Auslegung des Korans. Aber er hat völlig recht! Genau das steht im Koran.

Der junge Mann hatte nicht aus dem hohlen Bauch geredet, er hatte sich auf die folgende Sure bezogen:  

„Und (wisst, dass) Frauen fortgeschrittenen Alters, die kein geschlechtliches Verlangen mehr spüren, keine Sünde auf sich laden, wenn sie ihre (äußeren) Gewänder ablegen, vorausgesetzt sie zielen nicht auf Zurschaustellung von (ihren) Reizen ab. Doch (selbst dann) ist es besser für sie, sich (dessen) zu enthalten: und Gott ist allhörend, allwissend.“ Sure 24, Vers 60.

Durch diese Sure dürfte es noch klarer geworden sein: es geht um die Frau und ihr Bild im 7. Jahrhundert, in einer männlich dominierten Welt der arabischen Halbinsel. Attraktive Frauen sollten sich verhüllen, weil sie bedrängt wurden, alte Frauen, die nicht mehr attraktiv waren, brauchten sich nicht mehr zu bedecken. Die Frau als Sexualobjekt – jung, hübsch – muss bedeckt werden. Der Mann will, dass sie sich bedeckt. Die Frau wird so zu seinem Objekt, das nicht von allen angeguckt werden soll.

Das Patriarchat hat den Grundsatz des Islam „Setr-i Avret“ – „bedecke deine Schamzonen“ – für die Frau so ausgeweitet, dass der gesamte Körper der Frau zu einer einzigen Schamzone geworden ist, die von den Männern (und ihren willigen Helferinnen unter den Müttern, Tanten und Schwiegermüttern) kontrolliert wird. Unsere linken Feministinnen sollten mal über diese Sure sinnieren, bevor sie sich für das Kinderkopftuch stark machen. Dann wird ihnen vielleicht klar, dass sie die Sexualisierung des kindlichen Körpers verteidigen.

Woher kommt diese Solidarisierung einiger linker Feministinnen mit dem fundamentalistischen Islam? Es wirkt wie ein Widerspruch, wenn auf der einen Seite mit Vehemenz gegen die Diskriminierung jeder noch so kleinen Gruppe gekämpft wird und allen auch sprachlich Sichtbarkeit verschafft werden soll; wenn jede sexuelle Übergriffigkeit auch nach Jahrzehnten noch geahndet werden soll – all das ja mit Berechtigung! Andererseits wird die alltägliche Unterdrückung von Frauen, ihre Herabwürdigung zum Sexualobjekt als kulturelle Eigenart des Islam verteidigt.


Ich würde behaupten, es handelt sich dabei um die Anbetung des Exotischen. Der Islam wird in Deutschland zu einer fremden, exotischen Religion. Das Fremde darf man nicht antasten. Dadurch werden aber die Muslime ebenfalls exotisiert und objektiviert, nämlich als Opfer. Das ist sehr paternalistisch. Damit sagt man, Muslime sind weder zur Gleichberechtigung der Geschlechter, noch zur Demokratie fähig. Und deswegen muss man sie quasi unter Artenschutz stellen und in Reservate packen. Das ist nicht menschen- oder frauenfreundlich, sondern im Gegenteil, das ist menschen- und frauenfeindlich.

Zur Feier am Internationalen Frauentag 2009 wurde ein berühmter Sänger aus der Türkei extra eingeflogen.
Foto: Eva Hehemann

Ist das auch der Grund, warum in Deutschland Parallelgesellschaften akzeptiert werden? 


Auch das Parallelsystem wird als kulturell bedingt angesehen und belassen, wie es ist. Wenn dann aber deshalb eine Frau umgebracht wird, aufgrund dieses archaischen Systems, dann gibt es einen Aufschrei. Dabei ist der Mord nur die letzte Vereinnahmung dieser Frau. Dass sie aber schon vorher vereinnahmt und unterdrückt wurde, wird nicht gesehen.

Eigentlich ist es egal, woher jemand kommt, welcher Religionsgruppe die Person angehört, es zählt doch nur das Verhalten. Sollte nicht jeder Mensch individuell nach seinen Taten beurteilt werden, ohne Rabatt für seine Gruppenzugehörigkeit?


Eigentlich schon. Man kann das auf einen Satz reduzieren: Menschenrechte sind nicht teilbar und Frauenrechte sind Menschenrechte, also auch unteilbar. Aber leider ist es so, dass die einen dürfen, die anderen nicht.  Die einen müssen, die anderen nicht – so kann es nicht gehen.

Das erinnert mich an den Spruch "quod licet Iovi, non licet bovi" – was Jupiter darf, darf der Ochse nicht. 


Das sage ich auch immer. Und es ist meistens eindeutig, wer der Ochse sein soll. Die Ungerechtigkeit eines solchen Lavierens von Fall zu Fall ist willkürlich. Kurzgefasst: Exotisierung ja, Gleichstellung nein. Mal sollen die Muslime gleichgestellt sein, mal wieder nicht. Wenn ich es mal überspitzt formulieren darf: Exotisierten Objekten, die die Gesellschaft „bereichern“ und die unter Artenschutz stehen, braucht man nicht das gleiche Recht zuzugestehen wie den Subjekten. Es reicht, wenn man sie streichelt. Wenn man es aber wirklich ernst meint mit der Integration der Muslime, dann darf man den Islam, die Muslime trefflich kritisieren, muss ihnen aber auch die gleichen Rechte zugestehen. Der Rechtsstaat kann nicht dem einen etwas erlauben, was er dem anderen verbietet.

Zum Beispiel bei den religiösen Symbolen. Also entweder alle religiösen Symbole rein oder alle raus. Ich persönlich plädiere für alle raus, weil ich noch nie erlebt habe, dass Religion gesellschaftlichen Frieden bringt, im Gegenteil. In einer multi-religiösen Gesellschaft müssen wir Religion auf das Privatleben beschränken. Wir alle werden es erleben, dass der deutschen Politik gar nichts anderes übrigbleibt als säkularer zu werden. Das religionsfreundliche System, das in Deutschland immer noch so hochgehalten wird, kann nicht den Muslimen verbieten, was allen anderen erlaubt ist. Der Rechtsstaat kann kein Lex Islam gestalten. Wenn man also nicht will, dass es demnächst muslimische Krankenhäuser gibt, wo der Krankenschwester gekündigt wird, weil sie kein Kopftuch trägt, dann muss man eben auch dafür sorgen, dass an katholischen Krankenhäusern keinem Arzt gekündigt werden kann, weil er geschieden ist.

Hätte diese Debatte schon vor ein paar Jahren, als es um die Beschneidung von Jungen ging, geführt werden können? Hätte man bereits damals konsequent auf die Einhaltung der Gleichbehandlung aller pochen müssen? Also Beschneidung erst mit 18 Jahren, wenn der junge Mann selbst es so entscheidet? Aber wir haben den Protesten der davon auch betroffenen jüdischen Gemeinden nachgegeben. Aus historischen Gründen verständlich, aber eventuell doch ein Fehler?


Ja, auch das war nicht wirklich konsequent. Tatoos sind vor dem 18. Geburtstag nur eingeschränkt erlaubt, aber kleine Kinder dürfen beschnitten werden. Und das ist ja noch gar nichts gegen weibliche Genitalbeschneidung, die Verstümmelung der Mädchen. Was diese Frauen ihr Leben lang erleiden müssen, ist einfach unglaublich. Aber wirklich fassungslos macht mich, dass viele dieser Frauen ganz unabhängig von ihrem Bildungsstand oder ihrem Umfeld das zugrundeliegende System verinnerlicht haben, es für richtig halten, dass Frauen so verstümmelt werden, und wollen, dass ihre eigene Tochter ebenfalls beschnitten wird. Wir müssen anerkennen, dass Frauen eben nicht nur Opfer sind, sondern auch Täterinnen, dass sie Teil des Systems sind und es aufrechterhalten.

Franziska Becker (li.) mit ihrer Laudatorin Thérèse Willer
bei der Preisverleihung der Journalistinnenbund 2019
in Berlin / Foto: Eva Hehemann
Die Tabuisierung all der Probleme führt dann auch zu solchen Situationen wie mit der Kritik an den Cartoons von Franziska Becker. Das ist ja nicht der erste Karikaturenstreit in Europa, nur dass die Konflikte um die dänischen und französischen Karikaturen international ausgetragen wurden und Menschen dabei ums Leben kamen. Hier wird nun auf bundesdeutscher Ebene eine Frau, die einen Preis für ihr Lebenswerk erhält, angegriffen, weil sie den Islam und das Verhalten muslimischer Männer und Frauen kritisiert. Und dabei kritisiert sie ganz allgemein jede Religion und das Patriarchat. Ich frage mich, warum sich diese vermeintlichen Islam-Versteher immer die islamischen „Rosinen“ herauspicken und nicht sehen wollen, dass sie einfach religionskritisch ist? Und sie darf das! Sie darf Religion kritisieren, das Patriarchat und auch die Frauen, die dieses System unterstützen.

Auf meiner Facebook-Seite poste ich etwa zweimal wöchentlich und immer etwas Politisches. An den Reaktionen darauf kann ich erkennen, ob ich den Zeitgeist treffe oder nicht. Ich habe etwa zehntausend Follower und es kann vorkommen, dass ich einige hundert Likes für einen Post bekomme und noch mehr, wenn er oft geteilt wird. Der Angriff auf Franziska Becker hat Empörung ausgelöst, weit mehr als die Nominierung von Frau von der Leyen. Deren Nominierung bleibt eher eine Eliten-Diskussion. Auch wenn ich selbst mich darüber sehr aufregen kann, dass mir vor der EU-Wahl mehr Demokratie versprochen wurde und jetzt werden Leute aus dem Hut gezaubert, die niemand gewählt hat und die nichts mit der EU zu tun haben. Aber dieses Geschachere hat auf meiner Facebook-Seite weit weniger Empörung ausgelöst als der Streit um Franziska Beckers Cartoons; da ging echt die Volksseele hoch! Dass ich sie verteidigt habe, wurde ohne Widerspruch begrüßt.

Ich glaube, die Empörungswelle gegen Franziska Becker – wie all die anderen Verteidigungsreflexe gegenüber dem orthodoxen Islam, sind so etwas wie des Kaisers neue Kleider. Wenn sich ein Journalist oder eine Journalistin aus dem migrantischen Milieu über irgendeine Sache empört und von Rassismus schreibt, folgen alle wie Lemminge nach. Sogar wenn sie selbst in dem jeweiligen Vorfall wie bei Franziska Becker keinen Rassismus sehen; wenn es aber irgendwelche Migranten oder Migrantinnen sagen, dann muss es stimmen. Niemand – schon gar in den Medien – will sich nachsagen lassen, er oder sie sei auf der falschen Seite. Sapere aude! kann ich da nur rufen. Leute habt Mut, Euch Eures eigenen Verstandes zu bedienen!

Manchmal habe ich echt die Nase voll! Wenn mein Vater mich nicht dazu erzogen hätte, mich für meine Mitmenschen verantwortlich zu fühlen, würde ich mich wie alle deutschen Pensionäre, die eine gute Rente erhalten, nach Mallorca zurückziehen, mich dort in die Sonne legen und den lieben Gott eine gute Frau sein lassen. Ich sehe aber die Entwicklung und fühle Verantwortung. Für die Gesellschaft, für dieses Land. Aber genauso gut könnte ich auf Mallorca meine Ruhe haben. Und in der Zeitung würde ich dann jeden Tag lesen, dass in Deutschland immer noch über dieselben Probleme diskutiert wird. Die nicht kleiner, sondern größer werden.

Nun, hoffentlich bleiben Sie uns in Köln noch lange erhalten! Vielen Dank für das Gespräch.



Mehr zu Dr. Lale Akgün und ihren bisher veröffentlichten Büchern findet sich auf ihrer Website. Das Buch "Platz da! Hier kommen die aufgeklärten Muslime" gibt es bei Alibri.



Kommentare

  1. Danke für dieses Interview. Lale Akgün hat ja so recht. Aber was tut ihre Partei dafür, dass Deutschland endlich säkularer wird?

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