Mittwoch, 8. Juli 2020

Retterin der enterbten Unkräuter: Die Radiojournalistin Christiane Habermalz im Interview

von Gastautorin Elke Brüser

„Anstiftung zum gärtnerischen Ungehorsam“ hat Christiane Habermalz ihr Buch genannt und meint es genau so.
Alle Fotos: Elke Brüser

Von Kindesbeinen an ist sie eine Vogelbegeisterte. Christiane Habermalz, Hörfunkjournalistin, arbeitet eigentlich als Korrespondentin für Kultur- und Bildungspolitik von Berlin aus für den Deutschlandfunk. Das ist aber nur die eine Seite ihres Lebens. Die andere brachte sie dazu, neben ihrer Arbeit als Kulturredakteurin „Die große Vogelschau“, eine ornithologische Themenwoche von Deutschlandradio Kultur ins Leben zu rufen. Und vor drei Jahren hat sie das Online-Magazin „Die Flugbegleiter – Ihre Korrespondenten aus der Vogelwelt“ mitgegründet, das auf hochwertigen Naturjournalismus abzielt. Es gehört zu dem genossenschaftlich organisierten Projekt RiffReporter, das freien Autorinnen und Autoren eine Plattform bietet, ihre Projekte längerfristig zu verfolgen und zu publizieren. Seit April ist die Hörfunkjournalistin nun auch Buchautorin.



Auch ich bin fasziniert von der Stadtnatur, schreibe in meinem Blog „Flügelschlag und Leisetreter“ über die vielen Vögel, die mir in Berlin und im Umland vor die Linse kommen: mit Begeisterung für die Fotografie und dem Wissen der Verhaltensbiologin. Da war es vorgezeichnet, auf Christiane Habermalz zu treffen, das erste Mal auf der Jahrestagung der Deutschen Ornithologischen Gesellschaft in Halle. Drei Jahre her! Nun habe ich sie zum Gespräch eingeladen.

Schön, dich hier in meinem Garten zu treffen. Deine Texte für „Die Flugbegleiter“ in Sachen Vogelleben – und dessen Bedrohung – kenne ich natürlich. Doch nun schreibst du in deinem Buch „Anstiftung zum gärtnerischen Ungehorsam“ über Wildkräuter – meist als Unkraut tituliert. Was ist passiert?


Vor drei Jahren erschienen die ersten wissenschaftlichen Studien, die schwarz auf weiß belegten, was eigentlich für alle, die ihre fünf Sinne beisammen hatten, längst unübersehbar war: Dass die Insekten verschwinden. 70 Prozent Rückgang in den letzten 35 Jahren! Das hat mich damals total geschockt.

Ritzenleben
Denn Insekten sind so zentral für die Natur, wenn es die nicht mehr gibt, dann gibt es bald auch keine Vögel, Fledermäuse, Reptilien und Frösche mehr. Und ich habe mich erstmals damit beschäftigt, woran das eigentlich liegt, dass die Insekten überall sterben.

Dass die industrielle Landwirtschaft mit ihren Pestiziden und Düngemitteln da ein immenser Faktor ist, ist keine Frage. Aber bald bin ich drauf gestoßen, dass eben auch wir in den Städten unseren Anteil daran haben. Unsere Gärten und Parks sind so aufgeräumt, jedes Unkraut wird weggespritzt und abgemäht, keine Kruschecken und Ritzenleben mehr, überall wachsen die gleichen exotischen Sträucher und Zuchtblumen, mit denen Insekten absolut nichts anfangen können.

Und da hab ich beschlossen: Ich werde zur Retterin der enterbten Unkräuter! Die ja nichts anderes sind als heimische Wildpflanzen. Und genau die brauchen unsere Insekten, sonst können sie nicht überleben.

Für die meisten Menschen sind Insekten Ungeziefer oder Schädlinge. Dir liegen die Lilienhähnchen, Ohrwürmer und Heimchen gewissermaßen am Herzen. Warum? Warst du mit Berichten über die deutsche Kolonialgeschichte in Namibia oder der Politik von Monika Grüters nicht ausgelastet?


Doch, sogar sehr! Ich fand deswegen immer seltener Zeit, überhaupt noch raus in die in die Natur zu gehen. Und ich gebe zu, anfangs haben mich die Insekten auch vor allem als Vogelfutter interessiert. Ich war in Sorge, dass die Vögel nicht mehr genügend Nahrung für ihre Brut finden würden. So war es noch, als ich mit dem Insektengärtnern begann. Aber mit der Zeit fand ich die Insekten selbst immer faszinierender. Das Lilienhähnchen zum Beispiel ist der Horror für jeden Gärtner und jede Gartenbesitzerin, weil es Lilien vertilgt, aber es ist ein wunderschöner roter Käfer mit verborgenen Talenten: Es kann singen wie eine Grille. Oder die Ohrwürmer: Die sind aufopferungsvolle Eltern, die sich liebevoll um ihren Nachwuchs kümmern, richtige Helikoptereltern.

Ich habe für mein Buch ein sehr lustiges Interview mit einem Ohrwurm-Soziologen geführt, der sein ganzes Forscherleben dem Familienleben von Ohrwürmern gewidmet hat. Er hat herausgefunden, dass sogar Ohrwurmgeschwister aufeinander aufpassen, wenn die Mutter sozusagen außer Haus ist. Seitdem möchte ich die Ohrwürmer, die ich jetzt endlich in meinem Garten habe, doch nicht mehr so gerne von Vögeln auffressen lassen.

Ich mache keinen Hehl daraus, dass ich von deinem Buch begeistert bin. Und du machst keinen Hehl daraus, dass manche Stadtbewohner und die ein oder andere Nachbarin dich für etwas schräg halten. Es scheint, du selbst belächelst deinen Aktionismus als Guerillagärtnerin?


Naja, ich muss zugeben, dass es für Außenstehende etwas merkwürdig anmuten muss, wenn ich auf Verkehrsinseln hocke und Löcher grabe. Oder mit Gießkannen am Lenker durch Berlin fahre, um meine insektenfreundlichen Büsche im Park zu gießen. Einmal bin ich vor dem Auswärtigen Amt von zwei schwerbewaffneten Sicherheitsbeamten aufgemischt worden, die es suspekt fanden, dass ich direkt neben einem Regierungsgebäude Erdarbeiten vornahm. Dabei hatte ich im Anschluss an eine Pressekonferenz nur ein schönes Plätzchen für meine Samen entdeckt, die ich für solche Fälle immer bei mir trage. Es hat einige Mühe gekostet, die Herren von meiner Harmlosigkeit zu überzeugen.

Nein, ich mache mir keine Illusion darüber, dass es etwas extrem Don-Quichotte-haftes hat, mit ein paar Unkrautsamen in der Tasche die ökologische Katastrophe aufhalten zu wollen. Aber was ist die Alternative? Die Welt wäre einfach um so vieles ärmer ohne familienfreundliche Ohrwürmer. Ich verfolge stur die Trittstein-Theorie, die besagt: Schaffe Überlebensinseln für die Natur. Das geht auch auf kleinstem Raum. Wenn die Zeiten wieder besser werden, dann können sich die Arten von diesen Inseln vielleicht wieder ausbreiten. Und ich weiß, ein Teil meiner Saat geht immer auf. Das kann man gerne metaphorisch verstehen!

Du möchtest anstiften, es dir gleich zu tun – oder wenigstens im Kopf ein paar Prioritäten zu ändern. Bevormunden willst du definitiv nicht, du lieferst allerdings viele konkrete Tipps.


Nein, der erhobene Zeigefinger liegt mir nicht. Und warum auch? Vieles habe ich ja bis vor wenigen Jahren auch noch nicht gewusst! Zum Beispiel, dass die meisten so schön blühenden Garten- und Balkonpflanzen wie Geranien, Hortensien oder Forsythien null ökologischen Wert besitzen. Weil sie steril gezüchtet sind und gar keinen Pollen und Nektar mehr produzieren. Oder hast du schon mal eine Biene an einer Geranie gesehen?

Insektenfreundliche Brassicapflanze
Oder dass all die exotischen Blühpflanzen und Ziersträucher in unseren Gärten zwar vielleicht ein paar Schmetterlinge anlocken, aber deren Raupen – diese Schmetterlingsvorstufen – ihre Blätter nicht fressen können, weil sie sich in Jahrtausenden der Evolution auf heimische Pflanzenarten spezialisiert haben.

Wer nur Kirschlorbeer und Forsythien in seinem Garten hat, darf sich also nicht wundern, wenn er keine Schmetterlinge mehr sieht.  Ein einziger blau-violett blühender Natternkopf dagegen, und der Garten wimmelt nur so von Wildbienen und Faltern. Leider wird der Natternkopf am Wegesrand als Unkraut überall abgemäht. Dabei ist er die schönste Pflanze, die ich kenne.

Ja, ich will dazu anstiften, mit anderen Augen auf unsere durchgestaltete Welt zu schauen: Mit Facettenaugen. Und ich gebe viele Tipps im Buch, zum Beispiel, was man auf seinem Balkon statt der Geranie pflanzen kann. Und wie man am effektivsten einen nutzlosen englischen Rasen rausreißt, um eine Wildblumenwiese anzulegen.

Mit deinem Buch bist du in die Corona-Pandemie gerauscht. Geplante Lesungen wurden abgesagt, im Verlag herrscht Kurzarbeit, PR-mäßig ist wenig los. Wie wirkt das auf dich, und wie gehst du damit um?


Ja, die Zeit war etwas ungünstig. Als das Buch erschien, hatten fast alle Buchläden noch geschlossen. Jetzt sind sie zumindest wieder auf. Neulich hatte ich meine erste Online-Lesung mit der Stadtbibliothek München. Das war eine sehr schöne Erfahrung, aber auch etwas merkwürdig: Man liest in einen anonymen Raum hinein, und weiß nicht, sind die Leute noch da, hören sie zu oder telefonieren sie nebenbei und kochen sich einen Kaffee? Aber am Ende waren von den 28 Zuhörern noch alle dabei. Das war schon mal ein gutes Zeichen.

Wir haben zwischendrin immer Live-Schaltungen zu einem Biologen auf einer Blumenwiese gemacht, das war sehr unterhaltsam. Also es gibt schon kreative Möglichkeiten. Aber ich bin trotzdem sehr froh, wenn ich endlich mal eine richtige Lesung mit richtigen Menschen machen kann. Dann werde ich auch ein paar von meinen selbstgebackenen Samenbomben mitbringen. Garantiert insektenfreundlich.

* * * * *

"Anstiftung zum gärtnerischen Ungehorsam"
Bekenntnisse einer Guerillagärtnerin: Gebt Insekten ein Zuhause!
von Christiane Habermalz
Heyne Verlag, ISBN: 978-3-453-60547-3


Unsere Gastautorin

Elke Brüser ist promovierte Biologin und freie Wissenschaftsjournalistin. Sie hat unter anderem über 20 Jahre für die Süddeutsche Zeitung und als Autorin für Gesundheitsthemen bei der Stiftung Warentest gearbeitet.  Als Redakteurin und Textchefin gehört sie bei der unabhängigen Gesundheitszeitschrift „Gute Pillen – Schlechte Pillen“ von Anfang an zum Team.
Ihren Blog „Flügelschlag und Leisetreter“ betreibt sie mit technischer Unterstützung von jb-Kollegin und Salonista Christine Olderdissen.


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