Mittwoch, 27. Januar 2021

Raus aus dem Abseits: Fünf Fragen an Nina Probst, Gründerin des Nachrichtenportals Sportfrauen

von Gastautorin Rosemarie Mieder

Starker Anschub: Laura Nolte und Ann-Christin Strack im Zweierbob / Foto: Steffen Prößdorf

Als im Dezember letzten Jahres zum zehnten Mal die Auszeichnung Kultur- und Kreativpiloten vergeben wurde, gehörte ein Augsburger Medien-Startup zu den Preisträger*innen: Die Nachrichtenplattform Sportfrauen, gestartet 2017. Journalistin Nina Probst und IT-Experte Fabian Hajek wollen mit ihrem Portal eine Berichterstattung verändern, die sich noch immer zu mehr als 80 Prozent um männliche Athleten dreht. 

Kicken, rodeln, laufen, springen - "Sportfrauen" holt Athletinnen raus aus dem Abseits.
Fünf Fragen an die Journalistin Nina Probst. 


Nina, du hattest die Idee zu den Sportfrauen. Was gab den Anstoß dazu?


Nina Probst
Erst einmal mein Interesse für Sport und die Berichterstattung darüber. Dass ich selbst in den Journalismus wollte, als Reporterin in den Arenen und Stadien sitzen, Athletinnen und Athleten interviewen, wurde mir dann während meines Lehrerstudiums klar. Und so habe ich noch an der Uni bei der Augsburger Allgemeinen als freie Mitarbeiterin unter anderem im Lokalsport begonnen. 

Dort füllte natürlich der Fußball den größten Teil der Sportseiten. Der Männerfußball. Frauen schafften es – auch bei anderen Sportarten – eher seltener in die Berichte und so gut wie nie in die Titelgeschichten. Beim Münchner Merkur, wo ich später volontierte, war das genauso. Ich machte durchaus Vorschläge, aber die wurden oft abgetan: Lesen doch eh nicht viele! 

Das hat mich geärgert und ich habe nach Alternativen gesucht. Zuerst habe ich mit meiner Facebookseite experimentiert, Berichte über Frauensportwettkämpfe zusammengestellt und über Ergebnisse informiert. Aber das war mir schließlich zu wenig; ich hatte den Wunsch, eine Plattform einzurichten, auf der ich selbst Beiträge schreiben und veröffentlichen konnte. Ja und dann hatte ich das Glück, dass mein Freund aus dem IT-Bereich kam und mir sagte: Lass uns das zusammen machen. Er hat mir vor vier Jahren die Website Sportfrauen gebaut, die wir seitdem immer wieder optimiert und mit neuen Ideen erweitert haben.

Was erwartet die Leser*innen der Sportfrauen?

Keine Ernährungs- oder Fitnesstipps, wie das in anderen weiblichen Sportmagazinen der Fall ist. Obwohl: Gerade in dieser Zeit der Pandemie und des Lockdowns müssen sich ja auch viele Athletinnen umstellen und anders präsentieren. Das kann auch ein Gewinn sein: Da berichten wir etwa über Weitsprungweltmeisterin Malaika Mihambo, die Grundschüler virtuell zu sich nach Hause einlädt und mit ihnen Sport treibt, um das Homeschooling aufzulockern. – Aber vor allem sind wir als Nachrichtenportal mit den Bundesligen der Frauen gut vernetzt, berichten über aktuelle Wettkämpfe in allen Sportarten von Badminton bis zum Wintersport. Ich habe inzwischen Kontakt zu vielen Athletinnen, die sich ja auch mehr und qualifiziertere Berichterstattung wünschen. Beispiel Frauenradsport. Der wird immer attraktiver und interessanter, es gibt eine große Community und wir sind mit vielen Aktiven gut vernetzt. So mit Emma Hinze, Silbermedaillengewinnerin beim Bahn-Weltcup in Glasgow 2019. Ich nutze unsere Kontakte auch für regelmäßige Porträts von Spitzen-Frauen: etwa über die Bob-Pilotin Laura Nolte, die im Zweierbob mit 100 Stundenkilometern über vereiste Pisten rauscht, die Skispringerin Svenja Würth oder Snowboarderin Ramona Hofmeister – um mal beim hochaktuellen Wintersport zu bleiben.

Der Blick aufs Portal ist beeindruckend. Wie managt ihr das Ganze?

Mit ganz viel Enthusiasmus und Engagement. Sportfrauen ist ein kostenloses Angebot und wird von sportbegeisterten Menschen derzeit noch zu 100 Prozent ehrenamtlich betrieben. Vor allem natürlich von Fabian und mir. Ich habe mich nun getraut und mich Anfang des Jahres selbständig gemacht, um mich noch mehr der aktuellen Berichterstattung auf unserem Portal zu widmen. Denn das heißt:  regelmäßiges Telefonieren mit Sportlerinnen, Recherche, eigene Texte schreiben, Pressemeldungen aufbereiten, Hintergrundberichte lesen und eigene vorbereiten.
Dass der Zeitaufwand lohnt, zeigen die 10.000 Besucher*innen, die inzwischen jeden Monat auf die Seite schauen. Tendenz steigend. Daran erkennen wir auch, wie spannend die Berichte sind: Manche werden hundert mal und öfter angeklickt.

Aber in der übrigen Berichterstattung stehen Athletinnen noch viel zu oft im Abseits. Warum ist das so?

Das ist ein Akzeptanzproblem, durchaus auch unter Sportjournalist*innen: Athletinnen würden – angeblich – längst nicht mit dem gleichen Interesse wahrgenommen als Athleten. Und weil sie viel seltener in den Sportsendungen und auf den Sportseiten auftauchen, sind zwar die Namen von Spitzensportlern etwa im Fußball vielen Menschen bekannt. Spitzenfrauen aus den Bundesligen dagegen kennen viel weniger. – Was übrigens auch an der Politik liegt, die aus meiner Sicht wirkliche Gleichstellung im Sport noch immer verhindert. Ein Beispiel: Im vergangenen November durften die Eisbärinnen aus Berlin nicht in der Hauptstadt spielen, weil die Senatsverwaltung das Team als Nicht-Profis einstuft. Für sie ist die Deutsche Eishockey Frauen Liga (DEFL) eine Amateur-Liga. – Ein enormer Imageschaden für die Eishockeyfrauen, den auch der Deutsche Eishockey-Bund (DEB) unwidersprochen ließ. 

Wie sind eure Hoffnungen für die Zukunft?

Natürlich erhoffen wir uns einen Push durch die Auszeichnung der Kultur- und Kreativpiloten. Damit ist ja beispielsweise auch ein Mentoringprogramm verbunden, das uns in unserer unternehmerischen Entwicklung weiterbringen soll. Einmal im Monat beraten wir uns mit unseren persönlichen Coaches und nehmen an Workshops mit den anderem Kreativpiloten teil. Aber wir setzen auch auf junge Kolleg*innen und das wachsende Interesse an der Sportberichterstattung. Auch wenn wir derzeit noch kein Honorar zahlen können: Wir bieten einen inzwischen gut beachteten Platz, auf dem sie sich ausprobieren und so in die Szene einsteigen können. Dazu kommt unsere Position: Es gibt zwar viele unterschiedliche Nachrichtenportale, die sich dem Sport widmen, aber etwas mit den Sportfrauen Vergleichbares habe ich bis heute nicht gefunden. Und was das Honorar angeht: Wir sind dabei, Sponsoringprogramme aufzubauen, einen Merchandise-Shop ins Leben zu rufen und wollen bald finanziell besser aufgestellt sein.

 

Unsere Gastautorin

Rosemarie Mieder arbeitet als freie Journalistin und Autorin.

Im Journalistinnenbüro Berlin entstanden gemeinsam mit Gislinde Schwarz zahlreiche Texte, Hörfunkfeature aber auch Broschüren und Buchtexte. Seit fast 30 Jahren ist sie Mitglied im jb; über sechs Jahre war sie im Vorstand aktiv, unter anderem als stellvertretende Vorsitzende.

Foto: Christian Muhrbeck

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