Dienstag, 22. Juli 2008

Von Machos, Kavalieren und dem Willen zur Macht

In der FAZ las ich ein Interview mit dem Kulturwissenschaftler Thomas Macho. Schöner Name übrigens. Es ging um Christian Wulff und seine Absage an Kanzlerschaftsambitionen. Macho meinte, das habe auch etwas mit "Rollenaspekten der Geschlechterdifferenz" zu tun. Ich darf mal kurz zitieren:

FAZ: Zurück zur politischen Bühne. Kann man sich nicht ebenso gut schneidige Bekenntnisse zur politischen Macht vorstellen, die einen professionellen Umgang mit ihr signalisieren?

Macho: Natürlich, diese Rhetorik funktioniert auch in bestimmten Kontexten. Aber gegenwärtig kollidiert sie allzu leicht mit Rollenaspekten der Geschlechterdifferenz. Es geht ja nicht nur um das Verhältnis zu einer anonymen Macht, sondern auch um symbolisch eingespieltes und trainiertes männliches Konkurrenzverhalten, wie es mit dem Begriff der "Alphatiere" von Wulff auch angesprochen wird. Zugleich geht es um eine Frau, die an der Macht ist. Ein Mann wie Wulff wählt hier nicht das Duell, sondern eine Art Kavaliersgeste, in seinem Fall natürlich eine ziemlich vergiftete.

FAZ vom 18. Juli, online hier:

Vergiftete Kavaliersgeste? Hmm. Diese Interpretation schien mir doch etwas an den Haaren herbeigezogen, ganz abgesehen von der Schiefe des Bilds. Deshalb kaufte ich mir beim Zwischenstop in Zürich erst mal den Stern mit dem Original-Interview. Und fand: Ganz normale, schlichte, kaum interpretationsbedürftige Aussagen von Christian Wulff. Teilweise sogar witzig wie in diesem Dialog:

stern: Von hier aus können wir nicht nur die Quadriga, sondern auch das Kanzleramt sehen. Da würden Sie nie am Zaun rütteln?

Wulff: Nein. Sie wissen doch: Ich bin jemand, der sich nach den Öffnungszeiten erkundigt.

(stern 30/2008, 17.7., S. 44ff)

Also, der Mann hat erkannt, dass er nicht zu den Alphatieren gehört. Schön für ihn! Wäre diese Erkenntnis nur weiter verbreitet! Schließlich können auch in patriarchalen Tiergruppen nicht ALLE Männchen Alphamännchen sein, sondern nur ein paar. Von matriachalen Gruppen wie Wölfen und Elefanten ganz zu schweigen. Für die FAZ scheint das eine unerhörte Erkenntnis zu sein - und eine höchst erklärungsbedürftige.

Wenn schon etwas hineingeheimnist werden muss in Christian Wulff, so vielleicht Angst. Angst vor der mächtigen Frau. Am Ende des Interviews weigert er sich nämlich, einen Merkel-Witz zum Besten zu geben. Mit der Begründung:

Ich werde einen Deubel tun. Ich habe das mal auf einer Karnevalssitzung in Düsseldorf getan. Das haben ihr hinterher Journalisten erzählt. Sie fand das nicht so witzig.

Eine Kavaliersgeste kann ich in dieser Weigerung nicht erkennen. Da kuscht einer. Na und?

2 Kommentare

  1. Wir sollten aber nicht vergessen, dass Christian Wulff zum sogenannten Anden-Pakt gehört. Der kuscht bestimmt nicht. Aber vielleicht macht er für einen anderen aus dem Bündnis den Weg nach oben schon mal frei. Er versucht's halt rechtzeitig. Macht sich ein bisschen klein, tut ungefährlich - ein Ministerpräsident, der keinen Willen zur Macht hat? Ich glaube kein Wort! Und wenn nicht er, dann will eben ein anderer aus seiner Seilschaft ganz nach oben.
    Hier nachzulesen: http://de.wikipedia.org/wiki/Andenpakt_(CDU)

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  2. Ja, aber gibt´s den Anden-Pakt denn noch? Ist der nicht längst erodiert? Wer von den Burschen hat denn noch eine Zukunft vor sich?

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