Mittwoch, 27. August 2008

Alarmierte Buben-Väter

VON CRASSIDA

Da hat sich der Spiegel-Redakteur Ralf Neukirch aber einiges von der Seele geschrieben. Wahrscheinlich ist er ein Buben-Vater. Jedenfalls lässt sich an dem Artikel „Triumph der Schmetterlinge“ über die Benachteiligung von Jungen
sehr gut deutlich machen, wie Polemik funktioniert. Nur Angriffe, keine Vorschläge, Einzelbeispiele werden generalisiert. Ein Muster-Artikel für Journalistenschulen. Tenor:
„Jungen schneiden in fast allen Bereichen schlechter ab. 47 Prozent der Mädchen gehen auf ein Gymnasium, bei den Jungen sind es nur 41 Prozent.“ Ist das der Weltuntergang? Für die jahrzehntelang zuvor herrschende umgekehrte Situation hat den jedenfalls niemand ausgerufen.
Neukirch schreibt über den „offenkundigen Grund für die Ungleichbehandlung der Jungen“:
„Es ist die Feminisierung des gesamten Schulwesens. Die Zahl der Lehrerinnen ist gestiegen, an vielen Grundschulen sind Lehrer bereits Exoten.“ Richtig, aber warum fragt er sich nicht, warum Männer so lange keine Lust auf diesen Job hatten? Die meisten haben Erziehungsaufgaben und dieses Gedöns einfach an die Frauen abgegeben. Da gab es nichts zu verdienen und angeben konnte man auch nicht damit.

Das Bundespresseamt hat im Auftrag Merkels die Mädchen-Jungen-Debatte so zusammengefasst: "Tatsächlich ist Gleichberechtigung an den Schulen Realität, weshalb Mädchen aufgrund ihres Entwicklungsvorsprungs, größeren Fleißes und höherer Lernmotivation im Vorteil sind."

4 Kommentare

  1. Vielen Dank für den Kommentar von Crassida zu den alamierten Buben-Vätern.
    Da bleibt einem wirklich die Spucke weg, wenn frau den Spiegel-Beitrag zu den armen benachteiligten Jungen liest.

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  2. Also ich kann aus eigener Erfahrung vieles von dem bestätigen, was in dem Spiegelartikel steht. Mädchen sind auch keine Engel. Sie "kämpfen" anders als Jungs: sie sticheln, petzen und mobben. Weil das aber nicht offenkundig gewalttätig ist, werden sie so gut wie nie dafür bestraft und sehen sich darin bestärkt, genau so weiter zu machen.
    Was die Vermittlung von Lernstoff angeht, ist vieles an der Grundschule viel zu niedlich und mädchenhaft für Jungs. Sie sollen in jeder zweiten Musikstunde Tänzchen machen oder ständig irgendwelche Blümchenbilder ausmalen. Wen wundert es, wenn ihnen schnell langweilig wird und sie stören?
    Gleiche Erfahrungen machen übrigens auch Kolleginnen, die Jungs und Mädchen haben. Bei uns ist das schon ein Dauerthema. Aufeinander eindreschen oder sich gegenseitig irgendwelche Studien an den Kopf knallen hilft aber nix.

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  3. Britta Erlemann hat gesagt...
    Die Stimmungsmache von Spiegel-Redakteur Ralf Neukirch ist als solche nicht neu. Immer öfter sind in letzter Zeit öffentliche Aufschreie zu vernehmen, Jungen seien an den Schulen benachteiligt. Vergessen wird bei der ganzen Debatte regelmäßig, wo das Leistungsdefizit der Jungen eigentlich seinen Ursprung hat. Was sich nämlich in all den Jahren nicht wirklich geändert hat, ist das Männer- und dem folgend auch Jungenbild, dem der männliche Nachwuchs nacheifert. Mit der Konsequenz, dass Jungen sich im Unterricht weit mehr selbstproduzieren als Mädchen, weit mehr Unruhe stiften und deutlich aggressiver auftreten. Kein Wunder m. E., dass darunter die Leistung leidet. Und von wegen benachteiligt: Ich habe in den 90er Jahren an einem mehrsemestrigen Forschungsprojekt zur geschlechtsspezifischen Interaktion im Unterricht teilgenommen. Das Zusammenspiel von SchülerInnen und LehrerInnen haben wir per Videoanalyse untersucht. Dabei wurde unter anderem deutlich, dass Jungen grundsätzlich mehr Aufmerksamkeit von Lehrkräften - egal welchen Geschlechts - bekommen, als Mädchen, selbst dann, wenn sich die LehrerInnen bemühen, beide Geschlechter gleichermaßen zu berücksichtigen. Bestenfalls kommt dabei ein Aufmerksamkeitsanteil von 40 Prozent für die Mädchen und 60 Prozent für die Jungen heraus. Was bereits dazu führt, dass Jungen sich beschweren, sie bekämen zu wenig Aufmerksamkeit - und Mädchen meinen, die Jungs würden benachteiligt !

    Da steht also der Spiegel-Redakteur den vermeintlich benachteiligten Jungs im Unterricht in nichts nach...

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  4. Ja, der Spiegel-Artikel übertreibt - weil er eben ein Spiegel-Artikel ist. Ohne Polarisation, ohne Provokation und einen Schuss Vereinfachung geht es da eben nicht. Deshalb ist aber trotzdem durchaus Einiges richtig, was da steht. Viele LehrerInnen belohnen Anpassung und sanktionieren (auch berechtigten) Widerspruch. Statt Konfliktlösung gibt es verordnete Harmonie und ein System von Strafen. Für Wohlverhalten bekommen Kinder Glitzerstifte und Diddel-Aufkleber. Wir sollten uns doch mal fragen, ob nicht Mädels, die damit besonders gut zurecht kommen, nicht genauso ein Problem haben, wie Jungen, die dauernd aus der Reihe tanzen. So emanzipiert finde ich das nicht, wenn da plötzlich statt dem alten Männer- ein altes Frauenbild zur Leitlinie wird. Ein neues Menschenbild wäre mir lieber.
    Ebenfalls stimmt: als Mädchen jahrhundertelang benachteiligt wurden, hat das die meisten Männer nicht gestört. Kaum schwenkt das Pendel in die Gegenrichtung, gibt es einen Aufschrei. Aber wollen wir Rache oder Gleichberechtigung?
    Und übrigens ja: ich bin eine Buben-Mutter. Und das ist gut so.

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