Sonntag, 31. August 2008

Forscherinnen

Heute möchte ich Euch auf ein Schwerpunkt-Thema in der aktuellen Emma aufmerksam machen: Forscherinnen, teils auch zu finden auf Emma. Das Dossier hängt zusammen mit der Foto-Ausstellung "Frauen, die forschen" von Bettina Flitner, die demnächst im Kölner Frauenmediaturm eröffnet wird und dem gleichzeitig erscheinenden Foto- und Porträtband "Frauen, die forschen" in der Collection Rolf Heyne.

Bereits was in der aktuellen Emma zu sehen ist, lässt auf interessante Inszenierungen schließen. Was auffällt: Es gibt keinen Einheitslook. Wissenschaftlerinnen - und hier geht es ausschließlich um Frauen in den Naturwissenschaften - kommen in den verschiedensten Varianten vor: Die Informatikerin Susanne Albers trägt langes blondes Haar und fährt ein rotes Cabrio. Die Mathematikerin Caroline Lasser wirkt ernst und ätherisch und steht mit Kreide an den Fingern vor einer mit Formeln vollgeschriebenen Tafel. Es gibt Singles, Verheiratete, womöglich gar Lesben unter den Forscherinnen, es gibt Wissenschaftlerinnen mit Kindern und solche, die sagen, dass sie mit Kindern ihren Beruf nicht ausüben könnten. Die Vielfalt der Lebens- und Erscheinungsformen zeigt, dass Naturwissenschaftlerinnen im Mainstream angekommen sind.

Als eine der WissenschaftsjournalistInnen, die im Vorfeld der Ausstellung an der Auswahl der zu Porträtierenden mitgewirkt haben, freut es mich, einige meiner Lieblinge wiederzusehen. Dazu gehört ganz besonders die Verhaltensforscherin Julia Fischer, Professorin am Primatenzentrum Göttingen. Julia Fischer ist bekannt geworden, weil sie sich nicht gescheut hat, einen "Wunderhund", den sie bei "Wetten dass ..." im Fernsehen gesehen hatte, zum Gegenstand einer seriösen Studie zu machen. Wie schafft der Border Collie Rico es, sich immer neue Namen von Spielzeugtieren zu merken - inzwischen über 250? Nicht viel anders als ein Kind, hat sie festgestellt.

Trotzdem: Fischer gehört zu den Skeptikern unter den Wissenschaftlern, die heute versuchen, die Entstehung des menschlichen Sprachvermögens aus seinen tierischen Wurzeln zu erklären. "Geradezu bizarr groß" seien die Unterschiede zwischen Tier- und Menschenkommunikation, sagt sie und beharrt auf besseren Erklärungen als es bislang gibt. Mehr.
Die Verhaltensforscherin neigt grundsätzlich nicht dazu, die Intelligenz von Tieren schwärmerisch zu überschätzen. Bei ihren Freilandbeobachtungen, so erzählte sie mir einmal, hat sie sich oft über die Dummheit "ihrer"Affen gewundert: Sie liefen dem Löwen, dem sie gerade ausgewichen waren, auf ihrem Fluchtweg direkt in die Pranken.

Nun bin ich froh, in Emma zu lesen, dass Julia Fischer sich auch anderswo in die Höhle des Löwen wagt, nämlich in Gremien, die Foschungsgelder zu verteilen haben. Sie will "herausfinden, wie Institutionen funktionieren", hat sie gesagt. Da kann ihr skeptischer Blick auf die Intelligenz der Entscheidungsträger nur nutzen. Das Schöne am Wissenschaftsjournalismus ist, dass man manchmal eine Forscherin oder einen Forscher, den man bewundert, auch ein wenig protegieren kann - durch ein Foto mehr im Blatt, ein Kurzporträt, eine Empfehlung ... Objektiv ist das natürlich nicht. Höchstens im Sinne ausgleichender Gerechtigkeit. Aber im Gegensatz zu, sagen wir, Politik- oder Wirtschaftsjournalisten, hat mein Berufsstand es nicht mit einem festen Satz von Promis zu tun, sondern mit fast lauter unbekannten Größen. Wer davon prominent wird, bestimmen wir. Zu großen Teilen zumindest.

Kommentare

  1. Vielen Dank, liebe Judith, für den interessanten Hinweis.
    Auch ich glaube, dass ich bei meinen Recherchen inzwischen häufiger auf Forscherinnen treffe als vor zehn, zwanzig Jahren. Ob sie aber im "Mainstream" angekommen sind, hängt sicher davon ab, wie man "Mainstream" definiert. Nach meiner Beobachtung sind Frauen in den Naturwissenschaften noch nicht gleichberechtigt mit dabei - erst recht nicht solche mit Kindern.
    Zum letzten Punkt: Warum nicht ungehemmt ForscherInnen featuren, die man für gut hält, gar bewundert? Egal worüber wir schreiben, in gewisser Weise ist die Themenauswahl doch immer subjektiv. Also lass uns ruhig - in deinen Artikeln oder hier - wissen, von wem du viel hältst.
    Deine Mit-Wissenschaftsjournalistin
    Ingrid

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