Sonntag, 28. September 2008

Ein schlechtes Buch

Vor 10 Tagen gab mir meine Kollegin, die bei bild der wissenschaft die Bücherseite verantwortet, ein Buch zu lesen - mit der Bitte, es zu rezensieren, weil das Thema so interessant sei. Es war Susan Pinkers "Das Geschlechterparadox. Über begabte Mädchen, schwierige Jungs und den wahren Unterschied zwischen Männern und Frauen", DVA, 2008.

Ich schaute mir´s in der S-Bahn an und mailte noch am gleichen Abend zurück, dass ich das Buch nicht rezensieren möchte, weil es

  1. schlecht übersetzt ist

  2. nahezu ausschließlich dem nordamerikanischen Kulturkreis verhaftet

  3. eine Pseudo-Debatte führt (gegen Feministinnen, die angeblich Frauen in Männerberufe nötigen)

  4. und noch dazu wissenschaftlich fragwürdig daherkommt, weil es Äpfel mit Birnen vergleicht (männliche Spätstarter mit weiblichen Aussteigerinnen).

Am Montag darauf war das Buch Titelgeschichte im Spiegel.

Da schwante mir schon, dass ich es jetzt doch rezensieren muss. Weil es so wichtig genommen wird. Nicht, dass die Spiegel-Crew in der Story und im dazugeschalteteten Interview mit Susan Pinker völlig unkritisch vorgegangen wäre. Das nicht. Aber die Botschaft hat der Spiegel der Autorin abgekauft: Frauen streben nach Glück (und gemeint ist mal wieder ganz banal das Glück in der Familie), Männer nach Geld - das ist eben ihre Biologie.

Eine stock-reaktionäre Botschaft in Zeiten, in denen Frauen die Forderung nach gleicher Entlohnung durchsetzen wollen. Eine Steilvorlage für geizige Chefs: "Was, Sie wollen mehr Gehalt? Aber für Sie als Frau ist Geld doch nicht so wichtig. Sie haben doch ganz andere Werte. Das ist wissenschaftlich bewiesen."

Und wieder einmal schafft es ein schlechtes Buch, Energien abzuziehen von wichtigeren Debatten. Was für ein Frust - statt ein tolles und überzeugendes Buch anpreisen zu dürfen, muss ich mich mit einem Verriss plagen.

2 Kommentare

  1. Liebe Judith,
    ich kann dich gut verstehen. Ich renzensiere auch normalerweise nur Bücher, die ich mag bzw. interessant finde. Weil es Zeitverschwendung ist, sich durch irgendeinen Schwachsinn durchzukämpfen.
    Trotzdem: ja bitte, schreib gegen den Unsinn an, damit er sich nicht ganz so einfach durchsetzt.
    Seufz, simple Botschaften, die irgendwelche Klischees bestätigen, haben es einfach meistens leichter. Machen sich auch besser auf dem Titel.
    Danke, dass du die "Bürde" auf dich nimmst und das Ganze kritisch durchleuchtest.
    Ingrid

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  2. Die Spiegel-Titelstory "Die Biologie des Erfolgs" folgt dem bekannten Muster: Durch eine knackige These provozieren und dann erklären, dass alles ja vielleicht doch nicht ganz so einfach oder sogar ganz anders ist.
    Die Frage ist immer nur, was bleibt hängen? Die Schlagzeile oder ihre Dekonstruktion? Vermutlich das, was zur eigenen Meinung und Erfahrung passt. Bei mir kam also nach der Lektüre des Artikels (nicht des Buches) an: Im statistischen Mittel unterscheiden sich Männer und Frauen in vielen (aber gewiss nicht in allen) Bereichen eben nicht nur biologisch, sondern auch in ihrem Erleben und Verhalten. (Die Frage, was davon genetisch und was gesellschaftlich bedingt ist, spielt fürs Ergebnis erst mal keine Rolle.) Noch sind die Regeln des Arbeitslebens aber in vielen Bereichen von Männern bestimmt. Und diese Regeln haben sie für sich gemacht. Für eine echte Gleichberechtigung müssen wir also die Regeln ändern und uns nicht um jeden Preis anpassen.
    Zeigen wir doch Selbstbewusstsein und lassen uns nicht von irgendwelchen Studien in die Defensive drängen. Schließlich verstehen wir doch was von Statistik und wie man sie manipulieren kann.
    Und wenn Judith Rauch das Buch rezensiert, verstehen wir vielleicht auch Frau Pinker - und verwenden die gesparte Zeit für Beruf und/oder Familie, ganz wie es uns beliebt.

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