Freitag, 26. September 2008

Nordwand - Ein Männerfilm vom Durchhalten und zu Grunde gehen

Johanna Wokalek als frierende Volontärin.
Foto: © Majestic Filmverleih

VON TINA STADLMAYER

Liebe. Drama. Wahnsinn. Alles kommt vor in diesem modernen Bergsteiger-Film, mit dem gestern das Filmfest Hamburg startete. Und trotzdem fehlt etwas. Es dauert einfach furchtbar lange, bis sich die beiden Kletterer nach oben kämpfen, bis sie einsehen, dass sie keine Chance haben, den Gipfel zu erreichen, umkehren und sich bei Schneesturm wieder nach unten quälen. Der eine wird von einer Steinlawine erschlagen, der andere stirbt kurz vor der möglichen Rettung. Natürlich ist der Film streckenweise spannend. Aber weil er nach einer wahren Geschichte gedreht wurde, dem tödlich endenden Aufstieg der Berchtesgadener Bergsteiger Toni Kurz und Andi Hinterstoisser im Jahr 1936 auf die Eiger Nordwand, wissen die Zuschauer schon, wie es ausgeht. Um auf die Vorlieben der jungen, männlichen Kinogänger einzugehen, zeigt der Film ausgiebig die brutalen Stürze, Verletzungen, Erfrierungen und das Leiden der Bergsteiger.
Grandios sind die Schauspieler: Ulrich Tukur als gut aussehender, geistreicher Reporter einer Berliner Zeitung, der gleichzeitig linientreuer Nazi, Karrierist und widerlicher Macho ist. Und Johanna Wokalek, die eine schüchterne aber ergeizige Volontärin darstellt. Auch Benno Fürmann und Florian Lukas spielen die überpassionierten Bergsteiger Toni und Andi sehr überzeugend. Etwas albern ist allerdings, dass die beiden gebürtigen Berliner versuchen bayerischen Dialekt zu sprechen. Es hätten sich doch bestimmt auch süddeutsche Schauspieler (oder zumindest solche, die den Dialekt beherrschen) für diese Rollen finden lassen. Auch Johanna Wokaleks Sprache klingt nicht wie die einer Berchtesgadenerin.
Die Nebenhandlungen sind eigentlich interessanter, als das Berg-Drama: Der linientreue Nazi-Journalist versucht die Sportler für Propagandazwecke zu instrumentalisieren und nutzt die Bekanntschaft der Volontärin mit den beiden dafür aus. Die ergeizige Journalistin stachelt die zögernden Bergsteiger an, den Wahnsinn zu wagen – obwohl (oder weil) sie mit Toni ein Techtelmechtel hatte.
Sie erkennt übrigens zu spät, dass er der Richtige ist und klettert ihm entgegen. Doch das Melodram nimmt seinen Lauf. Vor ihren Augen stirbt er qualvoll. Nach der Premiere sind wir dann noch zur Filmfest-Party ins Alsterhaus. Die Stimmung war prima.

Film-Angaben:
Titel: Nordwand
Deutschland, Schweiz, Österreich 2008
Regie: Philipp Stölzl
Laufzeit 126 Minuten
Altersfreigabe: ab
12

1 Kommentar:

Boris Seewald hat gesagt…

Einen Film zu produzieren bedeutet auch, an die Vermarktung und Besucherzahlen zu denken. Filme nach Lust und Laune zu drehen ist eine Illusion. Es gibt nur wenige von unabhängigen Regisseuren denen dies gestattet ist. Traurig wie es ist, doch die Quoten spielen in diesem Geschäft eine große Rolle, wenn nicht sogar die Grösste. Filmemacher müssen sich der Massentauglichkeit meist beugen, auch wenn es ihnen nicht lieb ist.

Würden Benno Führmann und Florian Lukas bayrisch reden, wie es in Berchtesgaden gang und gebe ist, so würden die Zuschauerzahlen drastisch sinken. Gerade bei einem Bergsteiger-Film wie Norwand, welcher den Bewohnern im Süden Deutschlands eine bessere Identifikationsmöglichkeit anbietet als den Bewohnern im flachen Norden, hat selbst “ohne” Dialekt Schwierigkeiten Vorführkopien im Norden zu vermarkten.