Sonntag, 14. September 2008

Nur keine falsche Bescheidenheit!

Ihr Lieben, hier seht Ihr unsere Freundin Tina Groll auf dem Titel des medium-Magazins. Tina wurde von diesem renommierten Branchenblatt als Vertreterin der jungen Journalisten-Generation interviewt, zusammen mit drei anderen jungen JournalistInnen, und ich finde das großartig.

Als ich Tina dazu gratulierte, dass sie jetzt aber wirklich berühmt sei, ließ sie jedoch folgendes verlauten (und ich tue jetzt etwas Unverzeihliches und mache einen privaten Dialog öffentlich):

Oh ja, das bin ich. Aber berühmt wohl eher nicht. Ähm, eigentlich bin ich die totale Fehlbesetzung in der Riege, denn die anderen sind Dominik Cziesche vom Spiegel, jetzt Harvard University, Timm Klotzek (Chefred. der NEON) und Julia Friedrichs, WDR-Journalistin mit dem Elite-Buch.

Fehlbesetzung? Nun, ich würde vorschlagen, dass wir uns mal die anderen ansehen:
  1. Dominik Cziesche: Jawohl, der Spiegel ist ein renommiertes Blatt. Dominik Cziesche ist dort in jungen Jahren Redakteur geworden, hat das Blatt aber jetzt verlassen, um seine akademische Ausbildung fortzusetzen. Im Interview beklagt er sich die ganze Zeit, Verlage würden nicht genug für die Personalentwicklung tun - ob er da eigene Erfahrungen zum Besten gibt? Wie auch immer, es ist ungewiss, ob Dominik Cziesche trotz oder wegen seiner hohen Ansprüche je wieder in den Journalismus zurückkehren wird. Eine Fehlbesetzung? Könnte man so sehen.
  2. Timm Klotzek: NEON ist eine klasse Zeitschrift. Klotzek sagt gute Sätze im Interview. Aber ist er wirklich noch ein junger Mann mit seinen 35 oder 36 Jahren? (Wikipedia gibt als Geburtsjahr 1972 oder 1973 an, bitte mal festlegen, lieber Herr Kollege!). Ganz schön grauhaarig ist er ja geworden, wie man schon auf dem Titelbild sehen kann. Eine Fehlbesetzung? Das nicht gerade, aber um Ähnliches zu erreichen, hat unsere Tina noch ein paar Jährchen Zeit.
  3. Julia Friedrichs: eine junge Kollegin, die ganz deutlich eigene Akzente setzt und einen Nerv der Zeit getroffen hat mit den Themen Armut und Elite. Also sicherlich keine Fehlbesetzung.
  4. Ja, und Tina Groll selbst? Hat ihren Haupt- und Brotjob zwar "nur" in einer Lokalzeitung (Weserkurier), aber dasselbe könnte man über Großmeister wie Harald Martenstein (Tagesspiegel) und Axel Hacke (Süddeutsche) auch sagen. Ansonsten sitzt sie im Vorstand eines bundesweiten Berufsverbands (Journalistinnenbund), engagiert sich in einem weiteren bundesweiten Verein (Netzwerk Recherche), schreibt selbst immer wieder in hochrenommierten Branchenblättern und hat mit diesem Blog ein weiteres Forum für den öffentlichen Austausch über Journalismus verantwortlich mit aufgebaut. Hab ich was vergessen? Bestimmt.
Nein, nein, nein, Tina, Du bist garantiert keine Fehlbesetzung. Vergiss es!

Kommentare:

Tina Groll hat gesagt…

Oooh, jetzt bin ich so rot wie meine Haare. Danke Dir für diese schönen Sätzen. :-) Eine Freundin von mir, ebenfalls 28 Jahre alt und Redakteurin bei einem Wirtschaftsfachmagazin, sagte zu mir: "Tina, hör endlich auf das Weibchen zu spielen. Das ist typisch Frau, sich immer so klein zu machen." Mein Freund und Mentor Gerhard Kromschröder, der ehemalige Rollenreporter vom STERN schloss sich der Aussage an. "Mach bloß nicht das Häschen."

Warum steckt dieser Gedanke "Ich bin nicht gut genug" vor allem in uns Frauen? Habt Ihr eine Antwort?

Britta Erlemann hat gesagt…

Ich bin der Meinung, dass man/frau den Wert der eigenen Arbeit nicht am Renomee des/der ArbeitgerberIn festmachen sollte, sich also auch nicht daran messen, welchen öffentlichen Status das Blatt oder Medium hat, für den man/frau arbeitet. Allzu oft spielt bei der Entscheidung über Wohl und Wehe von Job/Auftrag oder nicht Job/Auftrag nicht die Fachkompetenz und/oder das Engagement eine Rolle, sondern vor allem Beziehungen und wie man/frau sich verkauft. Insofern, liebe Tina: Ich finde Deinen Einsatz, soweit ich über den Journalistinnenbund und diesen Blog hier davon mitbekomme, sehr lobenswert und mag auch Deine Schreibe. Das, finde ich, ist schon eine Darstellung von Dir in "medium" wert!
Ansonsten: Warum dieser Gedanke "Ich bin nicht gut genug"? Erwiesenermaßen neigen Männer eher zu Selbstüberschätzung und Frauen zu Selbstunterschätzung. Ich denke, das ist sozialisationsbedingt. Und spätestens wenn Frauen im Job die Erfahrung machen müssen, dass sie weniger verdienen als Männer und schlechtere Chancen haben, in Führungspositionen auf zu steigen, und zwar trotz Qualifikationen und erbrachter Leistungen und damit mangelende Wertschätzung erfahren, wundert es mich nicht mehr, dass viele Frauen an sich selber zweifeln. Außerdem habe ich als Kind bereits verstanden: "Die Tollen sind immer die Jungs." (Egal ob berechtigt oder nicht.) Der Trend setzt sich dann meines Wissens nach leider in der Erwachsenenwelt fort.