Sonntag, 2. November 2008

Bloggen und Blubbern - Medientage München

Abkehr von den alten Medien?
Foto: Angelika Knop

Alles, immer, überall und sofort! Diesen Anspruch haben die Nutzer heute an die Medien. Und so suchen sie Nachrichten im Internet und auf dem Handy oder sehen zeitversetzt fern von der Festplatte und in der Mediathek. 

Die Medienmacher hecheln diesem Anspruch oft hinterher, stellen Videos ins Internet, für die man sich als Urlaubsfilmer schämen würde oder jagen News ohne Recherche durchs Netz, die sich dann als Wiederauferstehung aus dem Google-Archiv entpuppt. Und sie verblasen Geld, das bei den "alten" Medien fehlt, weil die Geschäftsmodelle für die Angebote noch nicht existieren. Andererseits, wenn man sich um- oder gar nach USA blickt, dann haben sie wichtige Trends viel zu spät entdeckt oder bereits verschlafen. 

Halt! Einspruch! Diskussionsbedarf? Der wurde reichlich gedeckt auf den Medientagen München 2008, bei denen es um "Wert und Wirksamkeit in der digitalen Medienflut" ging - dezidiert eigentlich nur in der "Werbewelt". Aber diese Einschränkung würde den rund 100 Podiumsdiskussionen nicht gerecht.
"Uns geht etwas verloren, aber wir können diesen Prozess mitgestalten. Bei allem Krisengeheule: es gab nie eine bessere und spannendere Zeit, um Journalist zu sein."
So formulierte Wolfgang Blau, Chefredakteur ZEIT Online, den oft geäußerten Widerspruch. Jürgen Marks, stellvertretender Chefredakteur der Augsburger Allgemeinen forderte:
"Wir Journalisten verlangen von Managern oder Hartz-4-Empfängern gerne Veränderungsbereitschaft. Wir müssen uns aber auch selbst verändern und unser Spektrum erweitern."
Und ein Zuschauer meinte:
"Es lamentieren diejenigen am lautesten über den Verlust des Qualitätsjournalismus, die nur Angst haben, die Kontrolle zu verlieren."

Noch, so die Erkenntnis auf einem Panel, nutzen 65% der JournalistINNen zum Beispiel keine Blogs - und überlassen die Blogosphäre den Interessengruppen und Privatleuten. Marc Jan Eumann, medienpolitischer Sprecher der SPD-Landtagsfraktion NRW, sagte aber für den Wahlkampf 2009 den "Durchbruch der Blogs" voraus. (Wir vom Watch-Salon sind dann gerne mit dabei.)

Ansonsten gab es wenig Visionäres, sondern unverbindliches Geblubbere wie: "Was sich in fünf Jahren durchgesetzt haben wird, wissen wir heute noch nicht." Oder: "Wenn ich ein Geschäftsmodell mit Erfolgsgarantie hätte, würde ich es Ihnen nicht verraten.".

Und in einem Punkt kann frau nur hoffen, dass sie auf den Medientagen nicht die Zukunft gesehen hat. Denn die wäre - gemessen an den vielen exklusiven Y-Chromosom-Runden - ganz eindeutig männlich, wie es unsere Autorin Crassida schon bemerkt hat. (Watch-Salon: "Komm nicht mehr zum Recherchieren")

Ein bisschen Straffung, weniger Doppelungen, mehr konkrete Ausagen und nicht so viel Harmonie auf den Podien würden den Medientagen gut tun. Dafür gibt es auch einen Begriff: Journalismus.

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