Mittwoch, 27. Mai 2009

Journalisten nennen sie "Sphinx"

FOTO: Bundeskanzleramt

Sie hat sich vom Aschenputtel zur Königin gewandelt – Angela Merkel ist die neue Medienkanzlerin. Ihr Umgang mit den Medien ist geprägt von einer Inszenierung der Nicht-Inszenierung: schöne Bilder, viele Worte und der Einsatz einer spezifisch weiblichen Kultur, wo und wann immer es nötig ist. Zu diesem Ergebnis kommen die Autobiografen der Kanzlerin beim vergangenen Mediendisput zum Thema "Understanding Merkel" in Berlin. Über 600 Vertreter aus Medien und Politik waren zur Veranstaltung des Netzwerk Recherche und des Mainzer Mediendisputs in die Landesvertretung Rheinland-Pfalz gekommen. Eine Rekordzahl, die darauf hindeutet: Die Bürger möchten die Kanzlerin verstehen.

Merkel ist eine Medienkanzlerin ganz neuen Typus. Kaum ein Journalist in Berlin entkommt ihrer einlullenden Wirkung, dieser Mischung aus Macht und Charme, dem Spiel von Nähe und Distanz. Irgendwann, heißt es unter den Hauptstadtjournalisten, erliege ihr jeder. Sie nennen sie gar „Sphinx“. Aber nur wenige von ihnen kommen ihr wirklich nah. Merkel ist so wenig greifbar. „Unter keinem anderen CDU-Kanzler wurde so viel sozialdemokratische Politik gemacht. Von einem deutlichen neo-liberalen Kurs scheint nur noch wenig übrig zu sein“, sagt Thomas Leif, Chefreporter des SWR und 1. Vorsitzender des Netzwerk Recherche. Unvergessen ist Merkels spröder Charme, ihre Unsicherheit im Umgang mit den Medien. Die Fotografen, die Journalisten – alles das war ihr noch zu Beginn ihrer Kanzlerschaft zu viel und zuwider. Es war kein Geheimnis, dass sie Presseauftritte hasste, dass sie unsicher war.

„Angela Merkel ist rätselhaft und mysteriös“, sagt der Hamburger Parteienforscher Elmar Wiesendahl. Ihr Umgang mit der Öffentlichkeit sei von einem „Sich-Rar-Machen“ geprägt. „Zu Beginn ihrer Kanzlerschaft ließ sie die Medien austrocknen“, erinnert Wiesendahl. „Ihre Nicht-Inszenierung ist ihre Inszenierung“, sagt der Bonner Politikwissenschaftler Gerd Langguth. In seinem Buch „Kohl, Schröder, Merkel: Machtmenschen“ hat der ehemalige CDU-Bundestagsabgeordnete das Agieren der drei Bundeskanzler analysiert. „Merkel hat von Schröder nichts übernommen. Sein Umgang mit den Medien brachte nichts, im Gegenteil: Er nahm der Politik die Ernsthaftigkeit weg“, erklärt Langguth.
Angela Merkel dagegen ist ernst. „Ihr Wesen ist durch das Aufwachsen in der DDR geprägt“, sagt Jacqueline Boysen, Korrespondentin des Deutschlandradios und Autorin der Merkel-Biografie „Angela Merkel: Eine Karriere.“ Boysen ist eine der wenigen Journalistinnen, welche die Kanzlerin näher an sich heranließ. Wer Merkel verstehen möchte, müsse ihre frühe Biografie kennen, meint die Journalistin. Es reiche nicht aus, Angela Merkel auf die bekannten Daten Pastorentochter und Wissenschaftlerin zu reduzieren. „Schon früh musste sie lernen, sich selbst zu beherrschen und sich zu kontrolliere“, berichtet die Biografin Boysen.

„Die DDR hat ihr das gegeben, was sie heute in der Mediendemokratie braucht, um als Kanzlerin zu bestehen“, vermutet auch Dirk Kurbjuweit, Leiter des Spiegel-Hauptstadtbüros. Der Journalist hat die kürzlich erschienene Biografie „Angela Merkel – Die Kanzlerin für alle?“ verfasst und sich darin mit der Frage beschäftig, wann und wie Angela Merkel Mitglied in der CDU wurde. „Angela Merkel hat keine Identität mit der Partei. Sie geht mit diesem Mileu grob um“, hat Elmar Wiesendahl beobachtet. Nur so sei es möglich gewesen, dass „Kohls Mädchen“ den Mentor im passenden Moment vom Thron stürzte und sich selbst krönte. Auch Spiegel-Redakteur Dirk Kurbjuweit hat eine „tiefe, innere Distanz“ der Kanzlerin zu ihrer Partei ausgemacht.

Für Elmar Wiesendahl ist Angela Merkel die erste Kanzlerin, „die grenzenlos unideologisch ist. Sie ist alles: ein bisschen liberal, ein bisschen konservativ, ein bisschen sozial. Ihre politische Orientierung ist ankerlos. Sie ist eine Managerin. Sie macht Jobs.“
Derart aufgestellt, sei nahezu jede politische Konstellation denkbar, die mehrheitsfähig sei. Gerd Langguth hält es sogar für möglich, dass Merkel es mit Helmut Kohl aufnehmen könnte. „Sie ist für jede Koalition gut. Das ist ihr Vorteil.“

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