Dienstag, 24. November 2009

Schwätzen, Zwitschern, Balzen - Twittern bei Konferenzen

"Sehe ich das recht oder sitzen da nur Männer auf dem Podium?", fragt meine Sitznachbarin mich halblaut bei der "Besser-Online". (Über die DJV-Konferenz berichtete der  Watch-Salon.) Kurze Zeit später steht eine ähnliche Bemerkung dann auch schon an der Wand, der Twitterwall. Wunderbar, endlich sieht mal jeder, was sonst nur in den Reihen geraunt wird! Alles was mit dem Hashtag (Twitterslang für so eine Art Kennzeichen/Kürzel) #djv_bo über den Kongress micro-gebloggt wird, erscheint via Beamer in allen Konferenzräumen.
Der Beginn einer neuen Diskussionskultur? Kein peinliches Schweigen mehr, wenn Fragen aus dem Publikum angesagt sind. In 140 Zeichen können sich auch Stotterer, Errötende und Quiekstimmen ans virtuelle Mikrofon trauen.
Komisch nur, dass dann einer am liebsten aus dem Saal gehen möchte, als er vom Podium herab auf seinen Tweet angesprochen wird.
Und auch der Moderator der Eröffnungsdiskussion gehört wohl nicht zu den Early-Adopters:
"Hier fände ich es nett, wenn Sie sich verbal melden. Ich will mir nicht den Hals verrenken."
Frau ist da schlauer. Die Moderatorin der Abschlussrunde schaut in ihr Netbook statt auf die Wand hinter sich. Und bittet dann zur Saal-Abstimmung (Melden geht doch schneller tippen!) darüber, ob es problematisch ist, wenn Diskutanten auf dem Podium twittern - und dabei nicht immer ihren Kollegen zuhören. Ergebnis: 50:50. Und dabei hatte Michaela Skott nur einen Zwitscherer in der Runde. Woanders waren sie da schon weiter, wie matthiasdan twittert:
"Von 4 Diskutanten auf Twitter-Podium hat nur Frank Schmiechen @weltkompakt nicht gleichzeitig getwittert. Höflich oder Akku leer?"
Und zwei Tage danach tobt die Debatte um eine Twitterquette bei Konferenzen erst so richtig im Netz. "Twigge" (nach dem guten alten Knigge) wäre ja übrigens kürzer und damit twitterabler - aber das nur nebenbei. Immerhin: Gutes Benehmen bewies die Podiumsteilnehmerin, die ihre Verspätung per Twitter entschuldigte.

Abgesehen von der Debatte um den Mythos Multitasking, was bringt es den Teilnehmern? Vor allem Ablenkung und Unterhaltung. Da erfährt man, was im Nebenraum passierte, wer sich gleich mit wem treffen will, dass das Netbook-Design der Moderatorin ja "gar nicht geht", wie lange der Bus vom Lerchenberg zum Bahnhof braucht und Fußball-Ergebnisse. Kurzum: alles, was man sich früher auf Zettelchen unter der Bank zugeschoben oder auch mal in die Klasse gerufen hat. Womit wir wieder bei der guten alten kommunikationswissenschaftlichen Erkenntnis sind: Techniken ändern sich, Inhalte bleiben. Und wenn das WLAN ausfällt, schmeißen wir halt wieder Papierkügelchen.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Guten Tag!

Mit Lust und Laune gelesen und gleich Twigge getwittert.

Einen schönen Tag wünscht
Hardy Prothmann

Kirstin Marquardt hat gesagt…

Eine sehr schöne Beschreibung, was per Twitter auf Konferenzen möglich ist. Auf Barcamps werden dazu noch Links geposted, so dass der Erkenntnisgewinn auch verpasster Sessions nicht völlig auf der Strecke bleibt.

Was mir noch aufgefallen ist:
Vom Podium herab habe ich bisher nur Männer twittern sehen. :)

Angelika Knop hat gesagt…

Diesmal waren es auch Frauen....sofern welche auf dem Podium waren. Immerhin kamen wir schon auf ein Verhältnis von 1:3 - 1:4. Bei den Medientagen München wäre das eine glatte Revolution.

sozialgeschnatter hat gesagt…

Moin Moin,

ich bin der Moderator des Eröffnungspodiums, den du falsch zitiert hast.

Das von mir teilironisch erwähnte Kopfverrenken wäre nicht das Problem gewesen. Wichtiger war mir ein weiterer Punkt, den ich erwähnte: Ich hätte es gegenüber meinen Podiumsgästen als unhöflich empfunden, mich ständig umzudrehen, um auf die TwitterWall zu schauen.

Dafür gibt's eine ganz einfache Lösung: Vielleicht nehme ich das nächste Mal meinen Laptop mit, um ab und zu einen Blick auf die Twitter-Fragen erheischen zu können.

Generell gilt jedoch das, was ich ebenfalls vom Podium aus angemerkt habe: Wenn man schon die Chance hat, von Angesicht zu Angesicht zu kommunizieren, sollte man die auch wahrnehmen. Sonst kann man ja gleich zu Hause bleiben und der Tagung komplett per Twitter folgen. ;-)

Liebe Grüße,

@pjebsen (twitter.com/pjebsen)

Angelika Knop hat gesagt…

Auch mein Blogeintrag ist "teilironisch" gemeint:-)
Gekürzt sind die Zitate natürlich, aber falsch sollten sie nicht sein, da ich mitnotiert habe. Falls doch, bitte gerne richtigen Wortlaut mitteilen!

Inge Seibel hat gesagt…

Wie sehr der Schuss mit der Twitterwall nach hinten los gehen kann, beweist ein Blogpost von Danah Boyd:
spectacle at Web2.0 Expo... from my perspective
Ich empfehle jedem, diesen sehr persönlichen und eindringlichen Text zu lesen, auch wenn er auf Englisch ist.

Die junge Wissenschaftlerin aus Boston beschreibt darin den Horror, den sie als Rednerin auf der web 2.0 erlebt hat, mit einer Twitterwall im Rücken. Ich denke, jeder kann sich in ihre Lage versetzen.

Ich persönlich halte ein solches Instrument für absolut unproduktiv. Wie sagte so schön jemand in den Twitterkommentaren, als ich den Link weitergab: "Die Twitterwall ist was für den Wartesaal, nicht für den Operationssaal."

Darüber sollte man nachdenken, wenn man für eine Veranstaltung eine Twitterwall plant. Man lenkt die Aufmerksamkeit des Publikums vom Redner ab und gibt Anonymus die Möglichkeit, alles zu posten, was ihm gerade so einfällt. Das alleine ist schon mehr als unhöflich gegenüber dem Vortragenden...

Angelika Knop hat gesagt…

Danah Boyds abschließendem Appell kann ich mich nur anschließen. Jede/r Redner/in hat das Recht auf Respekt und darauf, als Person nicht als (Sexual-) Objekt behandelt zu werden. Unflätige Kommentare gehören nirgendwohin und schon gar nicht an eine Twitterwand.