Freitag, 19. März 2010

Folterquiz: Fernsehen macht grausam!

Foto: meteo.france2.fr

Die hübsche Frau auf dem Foto ist Tania Young. Ein bekanntes Gesicht im französischen Fernsehen. Sie ist Moderatorin bei France2 und eine der Präsentatorinnen von "Météo" (Wetterbericht). Letzten Mittwoch moderierte sie für ihren Sender ein "Folterquiz": Zunächst denken die Zuschauer, es handele sich um eine der landesüblichen Quizshows, doch dann entpuppt sich die Sendung als Folterveranstaltung. Charmant fordert Young die Kandidatenrunde auf, den Prüfling, der eine falsche Antwort gegeben hat, seinen Fehler handfest spüren zu lassen. Das Publikum schreit "Strafe" und unter den Schmerzensschreien ("Hört auf, lasst mich raus!") des mit Stromkabeln gespickten Prüflings schiebt der Kandidat den Hebel auf 260 Volt. Dann zögert der Mann, zeigt Skrupel, doch die  Moderatorin fordert ihn lächelnd, aber unmissverständlich zum Weitermachen auf. Er tut es. Und nicht nur er allein: Vier Fünftel der Todesspieler in der Show schieben den Hebel bis auf die 460-Volt-Marke! STOPP: Wer jetzt glaubt, im französischen Fernsehen wird in Echt gefoltert, hat unwissentlich ein grausames wissenschaftliches Experiment des Regisseurs Christophe Nick angeschaut. Mit der Quizshow "Das Spiel des Todes" wollte er herausfinden, inwieweit das Fernsehen Menschen dazu bringt, "alles zu tun"!
Das ist Christophe Nick gelungen: 80 Kandidaten wurden für die Quizshow eingeladen. Die Wenigsten widerstanden der Versuchung, den Gepeinigten mit hohen Stromstößen zu quälen. Der allerdings war ein Schauspieler - und mithilfe der bekannten Moderatorin sollte es den Kandidaten schwer gemacht werden, ihr im Licht der Scheinwerfer nicht zu gehorchen. Nick sah bestätigt, was er schon immer dachte: "Das Fernsehen kann jeden Menschen dazu bringen, alles zu tun. Es ist eine schreckliche Macht."
Das erinnert an die Versuche von Stanley Milgram vor 50 Jahren, der damals noch unter dem Eindruck der Kriegsverbrechen der Nazis testete, inwieweit Menschen Autoritäten mehr gehorchen als ihrem eigenen Gewissen. Auch damals quälten Menschen andere Menschen auf Befehl mit Stromstößen. Damals übten Wissenschaftler Druck aus - heute genügt eine Fernseh-Moderatorin!

2 Kommentare

  1. Ich finde das alles andere als wissenschaftlich! Dieses "TV-Experiment" wird hier als Ausrede für ganz andere Motive genannt. Es geht um Quote und sonst nichts. Womöglich noch Werbeeinblendungen mit Schmerzmitteln und Wund- und Heilsalben. Wenigstens klären Medien darüber auf. Allerdings lässt sich nicht auszuschließen, dass sich manche, ähnlich wie Kandidaten für Castingshows, vorbereiten - indem sie sich (und/ vermeintliche Gegenspieler) elektrischen Spannngen aussetzen.

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  2. Ich vermute auch, dass die Bedingungen für den Versuch nicht einer tatsächlichen wissenschaftlichen Anordnung entsprachen. Aber egal. Es zeigt doch nur, wie weit Menschen gehen (können), wenn sie einen Befehl bekommen. Und wenn ihnen ihr Gewissen eigentlich was anderes sagt. Ob das nun ein Beweis für das "schreckliche Medium" Fernsehen ist, glaube ich auch weniger. Es zeigt einfach, wie leicht eine charismatische Führerin (in dem Fall die Moderatorin) die Richtung vorgeben kann. Und die Autorität des Fernsehen tut sein übriges dazu.

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